Erkenntnis-Jagd
Wird 2012 das Jahr des „Higgs-Teilchens“?
Die Suche nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“: Im Kernforschungszentrum CERN will man 2012 das sogenannte Higgs-Teilchen entdecken – oder auch nicht! Was würden Homunculus und Faust dazu sagen
Das Standardmodell der Physiker – es geht um den Aufbau des Universums oder auch der Atome bzw. der Materie – basiert auf insgesamt zwölf Elementarteilchen, die sich experimentell nachweisen lassen. Sie haben jedoch keine Masse. Nun hat der schottische Physiker Peter Higgs 1964 die nie bestrittene, aber auch nie bewiesene Theorie aufgestellt, es müsse ein weiteres Teilchen geben, das den Elektronen oder Quarks Masse verleihe.
Seither haben die Physiker das vermutete und bisher nicht entdeckte Teilchen „Higgs-Teilchen“ genannt; es wird von manchen auch als „Gral der Teilchenjäger“ (1) oder als „Gottes-Teilchen“ bezeichnet.
Der vier Milliarden Euro teure größte Teilchenbeschleuniger der Welt, der „Large Hadron Collider“ (LHC) des CERN, wurde unter anderem gebaut, um das Higgs-Teilchen nachzuweisen. Angeblich sind dort ca. 1000 Physiker am Werk, die in einem fast 27 km langen Ringtunnel Protonen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit kollidieren lassen, um Phänomene zu simulieren, die in die Nähe eines Urknalls kommen. Parallel dazu wird in den USA, im „Fermilab“ in der Nähe von Chicago, mittels eines älteren, nicht so leistungsstarken Beschleunigers geforscht.
Im Dezember 2011 trat der Generaldirektor des Genfer Forschungszentrums an die Öffentlichkeit, um zu sagen, daß man mit dem Ergebnis einer dreijährigen Arbeit kurz vor dem Durchbruch stehe und diesen für 2012 erwarte. Allerdings sei die Prognose noch nicht ganz sicher: „Wir können noch keine Schlüsse ziehen. Wir brauchen mehr Daten und weitere Untersuchungen“. (2) Soweit der Stand der Dinge.
Nun muß man die Frage stellen – falls der Nachweis der Existenz oder Nichtexistenz des Higgs-Teilchens gelingt: Was gewinnt die Menschheit damit?!
Die Utopie menschlichen Strebens nach Technik
Goethe hat in seine Faust-II-Dichtung den Homunculus eingeführt, ein „künstlich Mensch-lein“, die Utopie menschlichen Strebens nach Technik und absolutem Wissen. Homunculus spricht Wagner als „Väterchen“, Mephisto als „Herr Vetter“ an und entfaltet, kaum ans Licht der Welt gebracht, eine merkwürdige Eigendynamik. Er beantwortet keinesfalls die völlig abstrakt-theoretische Frage Wagners „wie Seel’ und Leib so schön zusammenpassen“, schon eher die existentiell gefärbte Gegenfrage Mephistos „warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen“. Doch all dies tritt in den Hintergrund, als Homunculus den schlafenden Faust und dessen Traum vom Ursprung höchster Natur und Schönheit gewahrt. Homunculus verläßt das Väterchen Wagner – dieser möge sich zu Hause weiter um Pergamente sowie um das „Was“ und „Wie“ der Lebenselemente kümmern – und will in die Welt schweifen, um dort „das Tüpfchen auf das i“ zu entdecken.
Wer glaubt, Homunculus habe als geniale dichterische Gestalt die Frage nach dem Higgs-Teilchen vorausgeahnt, muß enttäuscht werden. Homunculus sehnt sich nach wirklichem Leben, möchte „entstehn“, ist magisch von der Natur und ihren Wesenheiten angezogen, nimmt sich selbst zurück und zerschellt am Muschelwagen der schönen Galatee. – Soweit die Utopie Goethes, die poetisch die Einheit von Wissen, Technik und Natur entwirft.
Von einer solchen Harmonie und Einheit ist die Menschheit heute meilenweit entfernt, und sie scheint sich noch weiter davon wegzubewegen: Eine immer noch größere und schnellere „Formel-1-Bahn“ für die Teilchen wäre – falls finanzierbar – wünschenswert, ebenso eine noch gewaltigere Materialschlacht für die zu treffenden Untersuchungen und zu gewinnenden Daten. Auch sollten sich noch mehr wissenschaftliche Wagners am Projekt beteiligen, wobei die Rolle Mephistos ohnehin nicht verifizierbar ist!
Und wofür das alles?
Unstillbarer Erkenntnishunger
Wagner, der emsige Forscher, drückt seine Überzeugung in dem berühmten Ausspruch aus: „wie wir’s zuletzt so herrlich weit gebracht“. Faust pariert dies mit herber Kritik und dämpft dessen Erkenntnishunger:
„Ja, was man so erkennen heißt,
Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.“
Natürlich wird hier jeder nüchterne Beobachter sagen: Die Entdeckung oder Erkenntnis des Higgs-Teilchens und die Erkenntnis des Menschseins sowie aller Dinge „zwischen Himmel und Erde“, das sind ganz verschiedene Arten des Erkennens. Sie haben miteinander nichts zu tun. Wirklich?
Hat man nicht davon gesprochen, man wisse bald, „was die Welt im Innersten zusammen-hält“?
Hier scheiden sich die Geister: Wenn die einen der Entdeckung des Higgs-Teilchens entgegenfiebern – die Bezeichnung „Gottes-Teilchen“ ist pure Blasphemie – werden sich die anderen um wahre Erkenntnis bemühen, soweit dies dem Menschen zukommt. Der materielle Aufwand dafür ist gering, umso größerer innerer Hingabe bedarf es, Fragen zu stellen, die über den Tellerrand unserer bloßen Existenz hinausreichen.
Literatur:
(1) + (2) http://www.faz.net/aktuell/das-gottesteilchen-higgs-wo-steckst-du-11562147.html
Das Standardmodell der Physiker – es geht um den Aufbau des Universums oder auch der Atome bzw. der Materie – basiert auf insgesamt zwölf Elementarteilchen, die sich experimentell nachweisen lassen. Sie haben jedoch keine Masse. Nun hat der schottische Physiker Peter Higgs 1964 die nie bestrittene, aber auch nie bewiesene Theorie aufgestellt, es müsse ein weiteres Teilchen geben, das den Elektronen oder Quarks Masse verleihe.
Seither haben die Physiker das vermutete und bisher nicht entdeckte Teilchen „Higgs-Teilchen“ genannt; es wird von manchen auch als „Gral der Teilchenjäger“ (1) oder als „Gottes-Teilchen“ bezeichnet.
Der vier Milliarden Euro teure größte Teilchenbeschleuniger der Welt, der „Large Hadron Collider“ (LHC) des CERN, wurde unter anderem gebaut, um das Higgs-Teilchen nachzuweisen. Angeblich sind dort ca. 1000 Physiker am Werk, die in einem fast 27 km langen Ringtunnel Protonen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit kollidieren lassen, um Phänomene zu simulieren, die in die Nähe eines Urknalls kommen. Parallel dazu wird in den USA, im „Fermilab“ in der Nähe von Chicago, mittels eines älteren, nicht so leistungsstarken Beschleunigers geforscht.
Im Dezember 2011 trat der Generaldirektor des Genfer Forschungszentrums an die Öffentlichkeit, um zu sagen, daß man mit dem Ergebnis einer dreijährigen Arbeit kurz vor dem Durchbruch stehe und diesen für 2012 erwarte. Allerdings sei die Prognose noch nicht ganz sicher: „Wir können noch keine Schlüsse ziehen. Wir brauchen mehr Daten und weitere Untersuchungen“. (2) Soweit der Stand der Dinge.
Nun muß man die Frage stellen – falls der Nachweis der Existenz oder Nichtexistenz des Higgs-Teilchens gelingt: Was gewinnt die Menschheit damit?!
Die Utopie menschlichen Strebens nach Technik
Goethe hat in seine Faust-II-Dichtung den Homunculus eingeführt, ein „künstlich Mensch-lein“, die Utopie menschlichen Strebens nach Technik und absolutem Wissen. Homunculus spricht Wagner als „Väterchen“, Mephisto als „Herr Vetter“ an und entfaltet, kaum ans Licht der Welt gebracht, eine merkwürdige Eigendynamik. Er beantwortet keinesfalls die völlig abstrakt-theoretische Frage Wagners „wie Seel’ und Leib so schön zusammenpassen“, schon eher die existentiell gefärbte Gegenfrage Mephistos „warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen“. Doch all dies tritt in den Hintergrund, als Homunculus den schlafenden Faust und dessen Traum vom Ursprung höchster Natur und Schönheit gewahrt. Homunculus verläßt das Väterchen Wagner – dieser möge sich zu Hause weiter um Pergamente sowie um das „Was“ und „Wie“ der Lebenselemente kümmern – und will in die Welt schweifen, um dort „das Tüpfchen auf das i“ zu entdecken.
Wer glaubt, Homunculus habe als geniale dichterische Gestalt die Frage nach dem Higgs-Teilchen vorausgeahnt, muß enttäuscht werden. Homunculus sehnt sich nach wirklichem Leben, möchte „entstehn“, ist magisch von der Natur und ihren Wesenheiten angezogen, nimmt sich selbst zurück und zerschellt am Muschelwagen der schönen Galatee. – Soweit die Utopie Goethes, die poetisch die Einheit von Wissen, Technik und Natur entwirft.
Von einer solchen Harmonie und Einheit ist die Menschheit heute meilenweit entfernt, und sie scheint sich noch weiter davon wegzubewegen: Eine immer noch größere und schnellere „Formel-1-Bahn“ für die Teilchen wäre – falls finanzierbar – wünschenswert, ebenso eine noch gewaltigere Materialschlacht für die zu treffenden Untersuchungen und zu gewinnenden Daten. Auch sollten sich noch mehr wissenschaftliche Wagners am Projekt beteiligen, wobei die Rolle Mephistos ohnehin nicht verifizierbar ist!
Und wofür das alles?
Unstillbarer Erkenntnishunger
Wagner, der emsige Forscher, drückt seine Überzeugung in dem berühmten Ausspruch aus: „wie wir’s zuletzt so herrlich weit gebracht“. Faust pariert dies mit herber Kritik und dämpft dessen Erkenntnishunger:
„Ja, was man so erkennen heißt,
Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.“
Natürlich wird hier jeder nüchterne Beobachter sagen: Die Entdeckung oder Erkenntnis des Higgs-Teilchens und die Erkenntnis des Menschseins sowie aller Dinge „zwischen Himmel und Erde“, das sind ganz verschiedene Arten des Erkennens. Sie haben miteinander nichts zu tun. Wirklich?
Hat man nicht davon gesprochen, man wisse bald, „was die Welt im Innersten zusammen-hält“?
Hier scheiden sich die Geister: Wenn die einen der Entdeckung des Higgs-Teilchens entgegenfiebern – die Bezeichnung „Gottes-Teilchen“ ist pure Blasphemie – werden sich die anderen um wahre Erkenntnis bemühen, soweit dies dem Menschen zukommt. Der materielle Aufwand dafür ist gering, umso größerer innerer Hingabe bedarf es, Fragen zu stellen, die über den Tellerrand unserer bloßen Existenz hinausreichen.
Literatur:
(1) + (2) http://www.faz.net/aktuell/das-gottesteilchen-higgs-wo-steckst-du-11562147.html
Autor: Dr. Christian Baur
