Buchempfehlung
Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange?
Wie das Internet unser Denken verändert
In diesem kenntnisreichen sowie durch eigene Erfahrungen geprägten Buch zeichnet der Autor zunächst den Weg des Menschen in die heutige Zivilisation nach. So erhielt mit der Einführung der Schrift die bis dahin nur mündliche und auf Gedächtnisleistung beruhende Überlieferung eine neue Grundlage. Das brachte es aber auch mit sich, daß die Fähigkeit des Sich-Erinnerns und der mündlichen Weitergabe nachließ. Mit der Erfindung der Druckkunst wurden dann Lesen und Schreiben für fast alle Menschen unseres Kulturkreises zu einer Selbstverständlichkeit. Menschen konnten ihre Erinnerungen und das gesammelte Wissen in Druckwerke auslagern. Wenn auch die anspruchsvolle Lektüre von Büchern nicht jedermanns Sache war, so gewannen doch Zeitungen und Zeitschriften einen großen Einfluß. Dazu kamen dann in immer kürzeren Zeitabständen Telefon, Rundfunk, Kino und Fernsehen. Und heute nun das Internet. Wer online ist, das heißt mit dem weltweiten Netz über Bildschirm, Tastatur und Maus verbunden, dem steht eine unübersehbare Vielfalt an Informationen zur Verfügung. Der Zugang hierzu ist schnell erlernt, ebenso der Umgang mit den nötigen Suchwerkzeugen. Der Nutzer muß jedoch ständig entscheiden, welchen Informationen er sich öffnet. Auch Sprachbarrieren schwinden allmählich, denn die Programme für den Internetzugang, die sogenannten Browser, sind oft schon verbunden mit leicht anzuwendenden Übersetzungsprogrammen. Neben der Schrift wird zudem vieles über Sprache (Audio), Standbild (Foto) oder Bewegtbild (Video) übertragen. Und der einzelne Teilnehmer ist nicht nur passiver Empfänger von Informationen, sondern er kann auch aktiver Sender von Nachrichten, Meinungen und Bildern sein. Und dies nicht nur von Person zu Person, sondern auch der Allgemeinheit gegenüber.
Eingeführt wurde das Internet ursprünglich zum Austausch und zur Diskussion von wissenschaftlichen Daten. Die Nutzerfreundlichkeit stand dabei zunächst einmal nicht im Vordergrund. Seit aber immer mehr Menschen und Institutionen die vielen Möglichkeiten für ihre Zwecke erkannten und nutzten, wurde das Internet zunehmend schneller, weiter verbreitet und den menschlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten angepaßt.
Doch auch wir Menschen haben uns angepaßt. Wer sich heute zur älteren Generation zählt, der hat diese Anpassungsprozesse miterlebt. Für die Jugend ist dagegen der heutige Zustand selbstverständlich. Im Internet gibt es inzwischen soziale (aber auch asoziale) Netzwerke. Mächtige, von zahlreichen Autoren erstellte Wissenssammlungen wie Wikipedia oder NaturalPedia (bisher nur auf englisch: www.naturalpedia.com), Zugriffsmöglichkeiten auf Stadtpläne, Fahrpläne, Karten und Luftbilder, Musik und Literatur, Spiele, Programme, Rezeptsammlungen – letztlich auf alles, woran Menschen Interesse haben.
Der Autor dieses Buches nimmt jedoch das heute Selbstverständliche nicht einfach so hin, sondern er untersucht und schildert, welche Wirkung dieser Wandel auf uns hat. Dabei nimmt er sich selbst nicht aus und verrät dem Leser schließlich auch, daß er sich zum Schreiben dieses Buches eine gewisse Zeit weitgehender Internet-Enthaltsamkeit verordnen mußte. Ihm ist klar, daß wir heute durch unsere Gewöhnung an die ständig wechselnden Informationen mit ihren verführerischen Verweisen (Links) und Kommunikationsangeboten (E-Mail usw.) nur noch schwer die Konzentration zum Abfassen oder auch Lesen eines längeren Textes aufbringen. Das ist, so meint er, der Preis, den wir zahlen müssen für das, was uns das Internet bietet.
Seit man in der Lage ist, mit technischen Hilfsmitteln die einzelnen Hirnareale und deren jeweilige Tätigkeit zu erkennen, fanden Hirnforscher heraus, daß das Gehirn ebenso wie andere Körperteile organisch sehr anpassungsfähig ist. Teile, die in Anspruch genommen oder geübt werden, erstarken, während andere verkümmern.
Nicholas Carr sieht – wie auch andere Autoren – die Gefahr, daß das Gehirn dem Suchtpotential des Internets mit seinen Verführungen, Ablenkungen und Zerstreuungen widerstandslos unterliegt und damit entsprechende organische und zum Teil sicherlich unvorteilhafte Veränderungen erfährt.
Doch wenn er fragt: „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange?“, dann bringt er damit ja doch zum Ausdruck, daß dieses Ich etwas vom Gehirn Getrenntes oder ihm Übergeordnetes ist. Das Ich identifiziert sich zwar zumeist weitgehend mit dem, was an Denkprozessen in uns Menschen abläuft, es ist aber grundsätzlich auch zur Selbstdistanzierung und zu eigenem Willen fähig. Und wenn es also ein Ich gibt, das über dem Gehirn steht und von seiner Bestimmung her dieses Hirn als Werkzeug nutzen und steuern kann, dann müßten die von Carr geschilderten Folgen nicht zwangsläufig eintreten.
Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich selbst schon einmal gefragt hat, was eigentlich der Gebrauch des Internets bei ihm bewirkt. Was ist, auf lange Sicht betrachtet, die Frucht der vielen Stunden, die er damit zugebracht hat? Stunden, die im Rückblick wie im Fluge vergangen zu sein scheinen, weil ihre Inhalte den inneren Menschen nicht erreicht und keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Karl Blessing Verlag, München 2010,
ISBN 978-3-89667-428-9
In diesem kenntnisreichen sowie durch eigene Erfahrungen geprägten Buch zeichnet der Autor zunächst den Weg des Menschen in die heutige Zivilisation nach. So erhielt mit der Einführung der Schrift die bis dahin nur mündliche und auf Gedächtnisleistung beruhende Überlieferung eine neue Grundlage. Das brachte es aber auch mit sich, daß die Fähigkeit des Sich-Erinnerns und der mündlichen Weitergabe nachließ. Mit der Erfindung der Druckkunst wurden dann Lesen und Schreiben für fast alle Menschen unseres Kulturkreises zu einer Selbstverständlichkeit. Menschen konnten ihre Erinnerungen und das gesammelte Wissen in Druckwerke auslagern. Wenn auch die anspruchsvolle Lektüre von Büchern nicht jedermanns Sache war, so gewannen doch Zeitungen und Zeitschriften einen großen Einfluß. Dazu kamen dann in immer kürzeren Zeitabständen Telefon, Rundfunk, Kino und Fernsehen. Und heute nun das Internet. Wer online ist, das heißt mit dem weltweiten Netz über Bildschirm, Tastatur und Maus verbunden, dem steht eine unübersehbare Vielfalt an Informationen zur Verfügung. Der Zugang hierzu ist schnell erlernt, ebenso der Umgang mit den nötigen Suchwerkzeugen. Der Nutzer muß jedoch ständig entscheiden, welchen Informationen er sich öffnet. Auch Sprachbarrieren schwinden allmählich, denn die Programme für den Internetzugang, die sogenannten Browser, sind oft schon verbunden mit leicht anzuwendenden Übersetzungsprogrammen. Neben der Schrift wird zudem vieles über Sprache (Audio), Standbild (Foto) oder Bewegtbild (Video) übertragen. Und der einzelne Teilnehmer ist nicht nur passiver Empfänger von Informationen, sondern er kann auch aktiver Sender von Nachrichten, Meinungen und Bildern sein. Und dies nicht nur von Person zu Person, sondern auch der Allgemeinheit gegenüber.
Eingeführt wurde das Internet ursprünglich zum Austausch und zur Diskussion von wissenschaftlichen Daten. Die Nutzerfreundlichkeit stand dabei zunächst einmal nicht im Vordergrund. Seit aber immer mehr Menschen und Institutionen die vielen Möglichkeiten für ihre Zwecke erkannten und nutzten, wurde das Internet zunehmend schneller, weiter verbreitet und den menschlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten angepaßt.
Doch auch wir Menschen haben uns angepaßt. Wer sich heute zur älteren Generation zählt, der hat diese Anpassungsprozesse miterlebt. Für die Jugend ist dagegen der heutige Zustand selbstverständlich. Im Internet gibt es inzwischen soziale (aber auch asoziale) Netzwerke. Mächtige, von zahlreichen Autoren erstellte Wissenssammlungen wie Wikipedia oder NaturalPedia (bisher nur auf englisch: www.naturalpedia.com), Zugriffsmöglichkeiten auf Stadtpläne, Fahrpläne, Karten und Luftbilder, Musik und Literatur, Spiele, Programme, Rezeptsammlungen – letztlich auf alles, woran Menschen Interesse haben.
Der Autor dieses Buches nimmt jedoch das heute Selbstverständliche nicht einfach so hin, sondern er untersucht und schildert, welche Wirkung dieser Wandel auf uns hat. Dabei nimmt er sich selbst nicht aus und verrät dem Leser schließlich auch, daß er sich zum Schreiben dieses Buches eine gewisse Zeit weitgehender Internet-Enthaltsamkeit verordnen mußte. Ihm ist klar, daß wir heute durch unsere Gewöhnung an die ständig wechselnden Informationen mit ihren verführerischen Verweisen (Links) und Kommunikationsangeboten (E-Mail usw.) nur noch schwer die Konzentration zum Abfassen oder auch Lesen eines längeren Textes aufbringen. Das ist, so meint er, der Preis, den wir zahlen müssen für das, was uns das Internet bietet.
Seit man in der Lage ist, mit technischen Hilfsmitteln die einzelnen Hirnareale und deren jeweilige Tätigkeit zu erkennen, fanden Hirnforscher heraus, daß das Gehirn ebenso wie andere Körperteile organisch sehr anpassungsfähig ist. Teile, die in Anspruch genommen oder geübt werden, erstarken, während andere verkümmern.
Nicholas Carr sieht – wie auch andere Autoren – die Gefahr, daß das Gehirn dem Suchtpotential des Internets mit seinen Verführungen, Ablenkungen und Zerstreuungen widerstandslos unterliegt und damit entsprechende organische und zum Teil sicherlich unvorteilhafte Veränderungen erfährt.
Doch wenn er fragt: „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange?“, dann bringt er damit ja doch zum Ausdruck, daß dieses Ich etwas vom Gehirn Getrenntes oder ihm Übergeordnetes ist. Das Ich identifiziert sich zwar zumeist weitgehend mit dem, was an Denkprozessen in uns Menschen abläuft, es ist aber grundsätzlich auch zur Selbstdistanzierung und zu eigenem Willen fähig. Und wenn es also ein Ich gibt, das über dem Gehirn steht und von seiner Bestimmung her dieses Hirn als Werkzeug nutzen und steuern kann, dann müßten die von Carr geschilderten Folgen nicht zwangsläufig eintreten.
Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich selbst schon einmal gefragt hat, was eigentlich der Gebrauch des Internets bei ihm bewirkt. Was ist, auf lange Sicht betrachtet, die Frucht der vielen Stunden, die er damit zugebracht hat? Stunden, die im Rückblick wie im Fluge vergangen zu sein scheinen, weil ihre Inhalte den inneren Menschen nicht erreicht und keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Karl Blessing Verlag, München 2010,
ISBN 978-3-89667-428-9
Autor: Dr. Gerd Harms (Tel.: 05085 - 7691)
