Spirituelle Entwicklung
Gefährliche Gedankenspuren
Gedanken üben einen machtvollen Einfluß auf das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung aus. Sie leiten unsere Entscheidungen und prägen unser Verhalten. Doch nicht alles, was wir denken, stammt ursprünglich tatsächlich aus uns selbst. Oft genug folgen wir – unkritisch und unbewußt – fremden Gedankenspuren und ahnen nicht, wie leicht beeinflußbar wir sind. Auch das, was wir als „innere Stimme“ des Geistes betrachten, kann von gedanklichen Erwägungen überlagert werden. Diese Gegebenheiten bilden gefährliche Stolpersteine auf dem Lebensweg, mit denen man rechnen sollte …
Unsere Gedankenwelt entsteht durch viele fremde Einflüsse, zum Beispiel aus Büchern oder Gesprächen, und bleibt diesen Einflüssen verbunden, bis man neue Wege sucht …„Ich denke nur das, was ich selbst will, und empfinde unbeeinflußt von anderen!“ – Ohne weiter darüber nachzudenken, gehen wir meist davon aus, in allen unseren inneren Regungen ganz „wir selbst“ zu sein und unbeeinflußt das zu tun oder zu lassen, was wir selbst wollen. Aber inwieweit stimmt das wirklich?
Bei kritischer Selbstbetrachtung weicht dieses optimistische Selbstverständnis meist der Ernüchterung, und es zeigen sich weitreichende Abhängigkeiten. Selbst wer von sich meint, einen Weg der geistigen oder spirituellen Entwicklung gefunden und sich von hemmenden gesellschaftlichen Konventionen weitgehend befreit zu haben, sollte sich seiner Unabhängigkeit nicht allzu sicher sein …
„Ich denke nur das, was ich selbst will, und empfinde unbeeinflußt von anderen!“ Ist das wirklich so?
Der Halt durch vorgeprägte Gedankenspuren
Wer glaubt, sich als „Insel“ im Ozean des Lebens unbeeinflußt von anderen Menschen entwickeln zu können, täuscht sich zumeist. Im „Untergrund“ bestimmen fremde Einflüsse …Zunächst gilt es eine grundlegende Gegebenheit zu beachten: Was immer wir Menschen sehen, hören oder sonstwie wahrnehmen, hinterläßt Spuren in unserem Denken. Niemand ist eine Insel und kann sich unbeeinflußt von anderen entwickeln. Jedes Kind wird geprägt durch die Ansichten seiner Eltern, Lehrer, Bekannten oder Freunde. Aber auch auf den Erwachsenen übt das gesellschaftliche Umfeld maßgeblichen Einfluß aus. Tradition, Konfession und Bildung prägen unseren gedanklichen Hintergrund, und ebenso bleibt niemand unberührt von den vielfältigen Anforderungen und Zielen im beruflichen und privaten Leben.
Wir alle folgen in unseren eigenen Gedanken also immer auch den Spuren anderer Menschen, dem Wissen und dem Weltbild anderer, dem Glauben und den Zweifeln anderer, dem Vorbild und der Lebensweisheit anderer.
Bildhaft könnte man ausdrücken: Uns alle umschweben „Wölkchen“ aus vorgefertigten Gedanken – teils eigenen, teils fremden Ursprungs -, die unser Handeln, unser Urteilsvermögen und auch unser Selbstverständnis maßgeblich beeinflussen. Unser gedanklicher Hintergrund wirkt sich auf die innere Haltung aus und gibt uns auch tatsächlich Halt, weil wir uns im irdischen Leben ja durch unser Denken selbst definieren.
Den meisten Menschen bereitet es keine Sorgen, wenn ihr persönliches „Gedankenwölkchen“ stark durch fremde Einflüsse geprägt ist. Viele haben offenbar sogar das Bedürfnis, ein fremdbestimmtes Leben zu führen – oder besser gesagt: sich fremdbestimmt führen zu lassen -, weil sie in dem, was viele andere machen, den bestmöglichen Halt zu haben glauben.
Mode-, Musik- und Sporttrends, sprachliche und andere kulturelle Gepflogenheiten oder der Wunsch, sich Glaubens- oder Gesinnungsgemeinschaften anzuschließen, zeugen vielfach davon.
Der Drang nach geistiger Freiheit
Andererseits aber verspüren wohl alle Menschen gelegentlich den Antrieb, sich von den Gedankenwelten, die sie umgeben und beeinflussen, freizuringen. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen, anstatt nur vorgeprägten Fährten zu folgen. Dieses Bedürfnis nach Freiheit und Eigenständigkeit zeigt sich beispielsweise in der Jugendzeit, wenn der Geist des Menschen im Bewußtsein durchbricht und unabhängig von den Eltern seine Spuren ziehen will. Und es zeigt sich aus gutem Grund, denn der Wunsch, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestalten, gehört untrennbar zum Menschsein.
Daher kann das Bedürfnis, sich von spürbaren Hemmungen freizuringen, auch später jederzeit wieder zur Wirkung kommen, etwa wenn jemand mit seinen Lebensverhältnissen unzufrieden ist und nach neuen Wegen sucht oder wenn in einem Menschen die Sehnsucht nach tieferem Wissen und Wahrheit erwacht und er sich mit dem, was ihm allgemein als Antwort auf seine Lebensfragen geboten wird, nicht mehr zufriedengeben mag.
In solchen Fällen zeigt sich der – bisweilen stark ausgeprägte – Wille, Gedankenspuren, die das Leben bisher beeinflußt und geführt haben, zu verlassen, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen und Verhaltensweisen zu ändern.
Ein solcher Wandel gleicht dem Schritt auf einer Treppe: Während man vorher fest mit beiden Beinen (im Leben) gestanden war, verläßt man den sicheren Grund nun und tastet in erhöhter Wachsamkeit, suchend und offen, nach neuem Halt und sicherem Gleichgewicht. Dieser Aufbruch ist besonders weitreichend, wenn es um Weltanschauliches geht, wenn jemand also Veränderungen in seinem Gottes-, Welt- und Menschenbild erstrebt.
Eine Sackgasse abseits des Weges
„Wer suchet, der findet!“ So lautet eine Weisheit aus dem Erfahrungsschatz der Menschheit. Wer offenen Gemüts nach Neuem Ausschau hält, wird mit großer Wahrscheinlichkeit bald etwas Weiterführendes für sich entdecken. Vielleicht noch nicht jenen Heimathafen endgültiger Wahrheit, wo er sich zuletzt geistig angekommen fühlt, aber doch wenigstens einen Weg, der seine Sehnsucht nach einem sinnvolleren Leben oder nach tieferer Gotterkenntnis besser erfüllt.
Betrachten wir als Beispiel jemanden, der aus seiner Kirche austritt. Nicht, weil er plötzlich seinen Gottesglauben verloren hätte, sondern, wie wir hier annehmen wollen, wegen einer anderen Überzeugung: Er spürt, daß es für ein spirituelles Leben nicht ausreicht, die Sonntagsmesse zu besuchen und an den Erlöser einfach nur zu glauben. Deshalb schließt er sich einer Gemeinschaft an, die konkretere, direkt ins Alltagsleben eingreifende Ideale pflegt. Nehmen wir an, er verzichtet fortan auf den Konsum von Tabak, ernährt sich vegetarisch, sucht innere Ruhe in regelmäßigen Gebeten, belegt Seminare zur spirituellen Entfaltung und so weiter. Nach und nach nimmt sein Leben dadurch neue Formen an, die neuen Ideale führen zu neuen Erkenntnissen, neuen Bekanntschaften und eröffnen weitere Horizonte. Spürbar erfrischend und beglückend vollzieht sich für diesen Menschen eine Entwicklung; sein Innenleben orientiert sich an sinnvolleren Zielen und folgt den entsprechenden Leitlinien.
Erfahrungen dieser oder ähnlicher Art machen viele wahrheitssuchende Menschen, die den „Lebenskonzepten“ der breiten Masse kritisch gegenüberstehen. Doch ohne es zu bemerken, geraten sie manchmal auf ihrem neuen Weg in eine neue Sackgasse. Denn die fremden, alten Gedankenspuren von einst sind nun zwar glücklich überwunden, der Schritt auf der Treppe ist getan, dafür aber umschweben den Menschen im Kontakt mit Gleichgesinnten und unter dem Einfluß der jetzt für ihn gültigen Lehre viele neue „Wölkchen“ mit neuen Gedankenprägungen, die letztlich wieder hemmend wirken können.
Unsere Gedankenwelt entsteht durch viele fremde Einflüsse, zum Beispiel aus Büchern oder Gesprächen, und bleibt diesen Einflüssen verbunden, bis man neue Wege sucht …„Ich denke nur das, was ich selbst will, und empfinde unbeeinflußt von anderen!“ – Ohne weiter darüber nachzudenken, gehen wir meist davon aus, in allen unseren inneren Regungen ganz „wir selbst“ zu sein und unbeeinflußt das zu tun oder zu lassen, was wir selbst wollen. Aber inwieweit stimmt das wirklich?
Bei kritischer Selbstbetrachtung weicht dieses optimistische Selbstverständnis meist der Ernüchterung, und es zeigen sich weitreichende Abhängigkeiten. Selbst wer von sich meint, einen Weg der geistigen oder spirituellen Entwicklung gefunden und sich von hemmenden gesellschaftlichen Konventionen weitgehend befreit zu haben, sollte sich seiner Unabhängigkeit nicht allzu sicher sein …
„Ich denke nur das, was ich selbst will, und empfinde unbeeinflußt von anderen!“ Ist das wirklich so?
Der Halt durch vorgeprägte Gedankenspuren
Wer glaubt, sich als „Insel“ im Ozean des Lebens unbeeinflußt von anderen Menschen entwickeln zu können, täuscht sich zumeist. Im „Untergrund“ bestimmen fremde Einflüsse …Zunächst gilt es eine grundlegende Gegebenheit zu beachten: Was immer wir Menschen sehen, hören oder sonstwie wahrnehmen, hinterläßt Spuren in unserem Denken. Niemand ist eine Insel und kann sich unbeeinflußt von anderen entwickeln. Jedes Kind wird geprägt durch die Ansichten seiner Eltern, Lehrer, Bekannten oder Freunde. Aber auch auf den Erwachsenen übt das gesellschaftliche Umfeld maßgeblichen Einfluß aus. Tradition, Konfession und Bildung prägen unseren gedanklichen Hintergrund, und ebenso bleibt niemand unberührt von den vielfältigen Anforderungen und Zielen im beruflichen und privaten Leben.
Wir alle folgen in unseren eigenen Gedanken also immer auch den Spuren anderer Menschen, dem Wissen und dem Weltbild anderer, dem Glauben und den Zweifeln anderer, dem Vorbild und der Lebensweisheit anderer.
Bildhaft könnte man ausdrücken: Uns alle umschweben „Wölkchen“ aus vorgefertigten Gedanken – teils eigenen, teils fremden Ursprungs -, die unser Handeln, unser Urteilsvermögen und auch unser Selbstverständnis maßgeblich beeinflussen. Unser gedanklicher Hintergrund wirkt sich auf die innere Haltung aus und gibt uns auch tatsächlich Halt, weil wir uns im irdischen Leben ja durch unser Denken selbst definieren.
Den meisten Menschen bereitet es keine Sorgen, wenn ihr persönliches „Gedankenwölkchen“ stark durch fremde Einflüsse geprägt ist. Viele haben offenbar sogar das Bedürfnis, ein fremdbestimmtes Leben zu führen – oder besser gesagt: sich fremdbestimmt führen zu lassen -, weil sie in dem, was viele andere machen, den bestmöglichen Halt zu haben glauben.
Mode-, Musik- und Sporttrends, sprachliche und andere kulturelle Gepflogenheiten oder der Wunsch, sich Glaubens- oder Gesinnungsgemeinschaften anzuschließen, zeugen vielfach davon.
Der Drang nach geistiger Freiheit
Andererseits aber verspüren wohl alle Menschen gelegentlich den Antrieb, sich von den Gedankenwelten, die sie umgeben und beeinflussen, freizuringen. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen, anstatt nur vorgeprägten Fährten zu folgen. Dieses Bedürfnis nach Freiheit und Eigenständigkeit zeigt sich beispielsweise in der Jugendzeit, wenn der Geist des Menschen im Bewußtsein durchbricht und unabhängig von den Eltern seine Spuren ziehen will. Und es zeigt sich aus gutem Grund, denn der Wunsch, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestalten, gehört untrennbar zum Menschsein.
Daher kann das Bedürfnis, sich von spürbaren Hemmungen freizuringen, auch später jederzeit wieder zur Wirkung kommen, etwa wenn jemand mit seinen Lebensverhältnissen unzufrieden ist und nach neuen Wegen sucht oder wenn in einem Menschen die Sehnsucht nach tieferem Wissen und Wahrheit erwacht und er sich mit dem, was ihm allgemein als Antwort auf seine Lebensfragen geboten wird, nicht mehr zufriedengeben mag.
In solchen Fällen zeigt sich der – bisweilen stark ausgeprägte – Wille, Gedankenspuren, die das Leben bisher beeinflußt und geführt haben, zu verlassen, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen und Verhaltensweisen zu ändern.
Ein solcher Wandel gleicht dem Schritt auf einer Treppe: Während man vorher fest mit beiden Beinen (im Leben) gestanden war, verläßt man den sicheren Grund nun und tastet in erhöhter Wachsamkeit, suchend und offen, nach neuem Halt und sicherem Gleichgewicht. Dieser Aufbruch ist besonders weitreichend, wenn es um Weltanschauliches geht, wenn jemand also Veränderungen in seinem Gottes-, Welt- und Menschenbild erstrebt.
Eine Sackgasse abseits des Weges
„Wer suchet, der findet!“ So lautet eine Weisheit aus dem Erfahrungsschatz der Menschheit. Wer offenen Gemüts nach Neuem Ausschau hält, wird mit großer Wahrscheinlichkeit bald etwas Weiterführendes für sich entdecken. Vielleicht noch nicht jenen Heimathafen endgültiger Wahrheit, wo er sich zuletzt geistig angekommen fühlt, aber doch wenigstens einen Weg, der seine Sehnsucht nach einem sinnvolleren Leben oder nach tieferer Gotterkenntnis besser erfüllt.
Betrachten wir als Beispiel jemanden, der aus seiner Kirche austritt. Nicht, weil er plötzlich seinen Gottesglauben verloren hätte, sondern, wie wir hier annehmen wollen, wegen einer anderen Überzeugung: Er spürt, daß es für ein spirituelles Leben nicht ausreicht, die Sonntagsmesse zu besuchen und an den Erlöser einfach nur zu glauben. Deshalb schließt er sich einer Gemeinschaft an, die konkretere, direkt ins Alltagsleben eingreifende Ideale pflegt. Nehmen wir an, er verzichtet fortan auf den Konsum von Tabak, ernährt sich vegetarisch, sucht innere Ruhe in regelmäßigen Gebeten, belegt Seminare zur spirituellen Entfaltung und so weiter. Nach und nach nimmt sein Leben dadurch neue Formen an, die neuen Ideale führen zu neuen Erkenntnissen, neuen Bekanntschaften und eröffnen weitere Horizonte. Spürbar erfrischend und beglückend vollzieht sich für diesen Menschen eine Entwicklung; sein Innenleben orientiert sich an sinnvolleren Zielen und folgt den entsprechenden Leitlinien.
Erfahrungen dieser oder ähnlicher Art machen viele wahrheitssuchende Menschen, die den „Lebenskonzepten“ der breiten Masse kritisch gegenüberstehen. Doch ohne es zu bemerken, geraten sie manchmal auf ihrem neuen Weg in eine neue Sackgasse. Denn die fremden, alten Gedankenspuren von einst sind nun zwar glücklich überwunden, der Schritt auf der Treppe ist getan, dafür aber umschweben den Menschen im Kontakt mit Gleichgesinnten und unter dem Einfluß der jetzt für ihn gültigen Lehre viele neue „Wölkchen“ mit neuen Gedankenprägungen, die letztlich wieder hemmend wirken können.
Wenn der innere „Halt“ zu einem „Stop“ wird
Starre Verhaltensregeln, Dogmen und Gebote schränken die eigene Gedankenwelt ein und blockieren zugleich die lebendige Empfindung, die immer der Situation angemessen reagiert.Vornehmlich religiöse Gruppierungen grenzen sich ja oft durch einen konkreten Verhaltenscodex von anderen Richtungen ab, und der geistige Weg der Anhänger einer Gemeinschaft wird meist von zahlreichen Regeln bestimmt. Man lernt also sehr genau, was im Sinne des angestrebten Ideals getan und was gelassen werden sollte, was fördernd und was hemmend wirkt. Vielleicht sind diese Verhaltensregeln schriftlich festgehalten, vielleicht stehen sie auch nur unausgesprochen „im Raum“ (wodurch sie in ihrer vagen Unschärfe einen noch größeren Einfluß ausüben können – um so mehr, wenn der Mensch, der diesem Gedankengut willig folgt, offen und sensibel ist).
Objektiv betrachtet können die gebotenen Konzepte, Gebote oder Lebensregeln durchaus richtig und weiterführend sein. Das Rauchen aufzugeben, sich bewußt zu ernähren oder regelmäßige Gebets- und Andachtsstunden einzuhalten – das alles sind bewährte und gut zu begründende Empfehlungen, wie es noch Dutzende weitere gibt, die zu einem erfüllten, glücklichen Leben beitragen können. Verhaltensregeln bieten Halt und schützen vor dem Sturz. Darin liegt der Wert religiöser Gebote oder weiser Ratschläge.
Doch dieser Halt kann auch zu einem „Stop“ werden, und das aktive Anhalten, also das Inanspruchnehmen einer Führung, kann in ein Anhalten im Sinne von Stehenbleiben münden, also in die Passivität. Das geschieht, sobald man den Verhaltensregeln ein „Eigenleben“ zugesteht, wenn man also dem Irrtum erliegt, sie seien immer und unter allen Umständen richtig und müßten daher bedingungslos befolgt werden.
Vor dieser „blinden Befolgung“ von Regeln warnte Abd-ru-shin (1875-1941), der mit seinem überkonfessionellen Werk „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“ alle seine Hörer und Leser zu geistiger Freiheit führen wollte, ausdrücklich. Er sagte im Hinblick auf die von ihm selbst gegebenen Ratschläge und Gebote: „Wenn ich […] sage: ,Tue dies und jenes, lasse das‘, so gebe ich damit nur schwache, äußerliche Krücken, auf denen niemand richtig und selbständig gehen kann, weil ihm die Krücken nicht auch gleichzeitig zum ,Sehen‘ dienen. Und doch muß er den ,Weg‘ klar vor sich sehen, sonst nützen ihm die Krücken nichts. Ein solcher humpelt irrend wie ein Blinder auf ihm unbekanntem Wege. Nein, das ist nicht das Rechte, würde wieder nur zu einem neuen Dogma führen, welches hindernd jeden Aufstieg hemmt.“
In den „Krücken“ liegt also, so wichtig der damit gebotene Halt auch sein mag, noch nicht der geistige Weg, auf dem es wirklich vorangeht. Wenn jemand noch so konsequent in seiner Ernährungsweise ist, sich regelmäßig zur Andacht besinnt oder allen seinen Mitmenschen in reservierter Art begegnet, um hemmende Bindungen zu vermeiden, so hat er trotz seiner strikten Regeltreue doch noch nichts für sich gewonnen. Im Gegenteil: Die Gefahr ist groß für ihn, daß er an den Forderungen und Chancen, die ihm das Leben bietet, blind vorübergeht, daß er Entwicklungsmöglichkeiten mißachtet und seine Mitmenschen vergrämt.
Die Frage, was man zu tun hat, um ein richtiges, sinnvolles Leben zu führen und sein geistiges Ziel zu erreichen, kann nicht durch Verhaltensregeln beantwortet werden. Abd-ru-shin formulierte daher klipp und klar: „Es wäre falsch, die Frage, welche oft herantritt, mit einer ganz bestimmten Regel zu beantworten, zu sagen: Tue dies und tue jenes! Damit ist noch kein Weg gezeigt! Es würde nichts Lebendiges darin liegen, und aus diesem Grunde kann auch nichts Lebendes daraus erstehen …“
Die Frage, was man zu tun hat, um ein richtiges Leben zu führen, kann nicht mit Verhaltensregeln beantwortet werden.
Wenn die Empfindung blockiert wird
Wer an starren Verhaltensregeln und Dogmen hängt, degradiert sich zur Marionette bestimmter Gedankenwelten und verliert die innere Lebendigkeit.Dem tiefgreifenden Irrtum, eine geistige Entwicklung könne dadurch gelingen, daß man konsequent und rücksichtslos bestimmten Verhaltensregeln oder Idealen folgt, schließt sich – fast zwangsläufig – ein einfaches Wenn-Dann-Denkmuster an: Wenn etwas der gültigen Regel oder dem angestrebten Ideal entspricht, wird es als richtig erkannt; wenn nicht, so muß es falsch sein.
Das Ergebnis dieses gedanklichen Abgleichs zwischen dem „Soll-Zustand“ und dem „Ist-Zustand“ wird natürlich spürbar – entweder als angenehmes Gefühl der Bestätigung im Fall einer Übereinstimmung oder als unangenehmes Gefühl durch den Widerspruch. Aufgrund dieser Eindrücke meinen viele Menschen, im Resultat ihres inneren Abwägens würde sich ein „untrügliches Bauchgefühl“ äußern.
In Wirklichkeit aber ist die „innere Stimme“ des Geistes, die tatsächlich richtungweisend wirken könnte, durch die eigenen „fixen Vorstellungen“ blockiert – also etwa durch die irrige Annahme, bestimmte Verhaltensregeln seien unter allen Umständen in unabänderlicher Form richtig und gültig. Diese Haltung ist übrigens auch der Nährboden für jede Art von Dogmatismus, Sektiererei und religiösem Fanatismus; hier wähnen sich Menschen als besonders „gottgefällig“, wenn sie ihre Lebens- und Glaubenskonzepte ohne Rücksicht auf Verluste „konsequent“ durchsetzen.
Doch richtig handeln heißt nicht, starr und allen Widrigkeiten zum Trotz das Eine zu tun, sondern es zeigt sich in der Angemessenheit. Wer richtig handelt, handelt der Situation entsprechend, den Mitmenschen und ihren Bedürfnissen entsprechend und auch den eigenen Möglichkeiten entsprechend.
„Laßt alles Starre Euren Nebenmenschen gegenüber fallen, werdet dafür lebend und beweglich!“ sagte Abd-ru-shin. „Starrheit ist immer falsch, weil unnatürlich und auch nicht im Einklang mit den Schöpfungsurgesetzen stehend, die Beweglichkeit bedingen. Ein jedes starre Festhalten ist Unbeholfenheit, die andere gangbare Wege nicht erkennt und deshalb auch das Vorwärtsstreben seiner Mitmenschen vermauert!“
Um zu erkennen, was in einer Situation wirklich richtig und angemessen ist, verfügen wir über einen verläßlichen Wegweiser: die Empfindung, die innere Stimme des freien, geistigen Wesenskerns. Denn sie betrachtet und erwägt immer ganzheitlich, selbstlos und umfassend. Nicht das eine Bedürfnis oder die eine, bestimmte Verhaltensregel ist für die Empfindung von Belang, sondern die Gesamtsituation, die ein angemessenes, also ihr genau entsprechendes Handeln erfordert.
Was gegenüber dem einen Menschen richtig ist, kann gegenüber einem anderen fehl am Platz sein. Ein und derselbe Regenguß bringt für das ausgedörrte Land die ersehnte Erlösung und für das bereits überflutete die endgültige Katastrophe.
Nur die lebendige Empfindung, nicht aber eine starre Regel sagt uns, ob wir durch unser Tun und Lassen Nutzen stiften oder Schaden anrichten, ob etwas richtig und angemessen oder unangebracht, falsch ist. Leider aber übertönt diese tatsächlich innere – oder noch besser: innerste – Stimme ein mächtiges Organ, das in seinem Einfluß immer wieder unterschätzt wird: die (ebenfalls der Innenwelt zugehörige) „Kopfstimme“ des Verstandes.
Zwar mißtrauen heute bereits viele Menschen, die sensibel und geistig aufgeschlossen sind, einer intellektuellen Entscheidungsfindung und folgen lieber ihrer „Intuition“ oder ihrem „Bauchgefühl“, anstatt verstandeskühl die Für und Wider logisch abzuwägen. Doch sie vermuten nicht, daß sich der Verstand auch unter der Maske der inneren Stimme äußern kann. Und eben dies geschieht, wenn unser Urteil, wie beschrieben, einer allzu simplen „Wenn-Dann-Logik“ folgt: Weil sich jemand vegetarisch ernährt, muß er geistig fortgeschritten sein; weil der Autor das Wort „geil“ im Text verwendet, muß er unmoralisch sein; weil das Kind andauernd brüllt, ist es schlecht erzogen – und so weiter und so fort.
Wann immer wir eine menschliche Verhaltensweise oder eine Gegebenheit wie mit Scheuklappen behaftet nur mit einer bestimmten Idealvorstellung aus unserem eigenen „Gedankenwölkchen“ vergleichen und so den ganzen Menschen beziehungsweise die ganze Situation beurteilen wollen, schließen wir die wirkliche innere Stimme von vornherein aus. Denn punktfixierte Betrachtungen sind die ideale Grundlage für ein verstandgeprägtes Urteil, weil der Verstand – im Gegensatz zur ganzheitlich und angemessen urteilenden Empfindung – sich immer nur auf einen Punkt oder einen Aspekt konzentrieren kann.
Schwarz-weiß-Beurteilungen von Menschen und Gegebenheiten sind weit verbreitet, weil sie kein tieferes, differenzierteres Abwägen, also keine geistige Arbeit erfordern, aber der Wahrheit kommen sie meist nicht nahe; die Empfindung wurde durch den Einfluß der Verstandeslogik in den Irrtum geführt.
„Laßt alles Starre Euren Nebenmenschen gegenüber fallen, werdet dafür lebend und beweglich!“
Wenn Empfindungen einander widersprechen
Der Entwicklungsweg aus einer Gedankenwelt in die nächste: Die Suche nach neuen Erkenntnissen ist auch die Suche nach einem guten inneren Halt.Ein und dasselbe Verhalten kann unterschiedliche Hintergründe haben; ein und dieselbe Reaktion kann dem einen Menschen gegenüber völlig unangebracht, für den anderen aber genau richtig sein; ein und dasselbe Bild kann bei zwei Menschen konträre Empfindungen auslösen. Lebendigkeit läßt sich nicht in feste Schemen und Regeln pressen.
Deshalb ist es durchaus normal, wenn die Empfindungen zweier Menschen einander manchmal widersprechen. Denn das Wesen der Empfindung, dieser Stimme unseres geistigen Kerns, liegt im Emporfinden. Die innere Stimme findet den Weg, weiß, wo es langgeht, sagt uns zuverlässig, ob wir etwas suchen oder meiden, tun oder lassen sollen, damit wir unser geistiges Ziel erreichen. Doch diese Wegweisung gilt vor allem uns selbst, ist bezogen auf unsere eigene Situation, auf unsere eigenen Aufgaben, Fähigkeiten und Möglichkeiten.
Befände sich ein anderer Mensch in genau der gleichen Lage wie wir, könnte es gut sein, daß seine Empfindung ihm einen anderen Weg weist. Denn ein anderer Mensch mag zwar das gleiche geistige Ziel haben wie wir, aber seine Aufgaben und seine persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten sind andere. Daher sollten gleichgeschaltete Empfindungen und Beurteilungen oft als Warnsignal betrachtet werden. Wenn alle die gleichen Aspekte als fragwürdig, die gleichen Dinge als störend oder die gleichen Menschen als Feinde „empfinden“, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß hinter dieser Beurteilung nicht der freie Geist steht, sondern ein mächtiges gemeinsames „Wölkchen“, gebildet aus allerlei fremden Gedankenspuren.
Natürlich gestattet uns die Empfindung auch objektive Beurteilungen. Der menschliche Sinn für Schönheit wird zum Beispiel immer dann angesprochen, wenn etwas in seinen Proportionen, Formen oder Farben der natürlichen Harmonie entspricht, wie sie sich aus dem Wirken der Schöpfungsgesetze ergibt. Aber wir stellen diesen absoluten, umfassenden Sinn für das Gute, Wahre und Schöne, der aus dem freien Geist kommt und uns eine Orientierung im Leben ermöglicht, nur allzu gern in den Dienst unseres momentanen Welt- und Menschenbildes. Doch damit engen wir die Empfindung auf vorgeprägte gedankliche Muster ein und vermauern uns den Weg für neue Erfahrungen.
Aber könnten wir mit wahrer Freiheit auch umgehen?
Es zeigt sich also, daß der Weg aus alten, fremden Gedankenspuren nicht immer in die Freiheit führt. Oft wird lediglich der frühere innere Halt gegen einen neuen ausgetauscht; der alten Gleichschaltung mit bestimmten Menschen und Gepflogenheiten folgt eine neue Gleichschaltung mit anderen Gleichgesinnten und anderen Gepflogenheiten. Indes bleibt der geistige Drang nach Freiheit und Überwindung der Fremdbestimmung weiterhin unerfüllt.
Es ist wohl vorteilhaft, sich den weitreichenden, vielleicht sogar gefährlichen Einfluß fremder Gedankenspuren, die den Menschen zu einer Marionette degradieren, einmal klar bewußtzumachen. Denn es sollte ja gelingen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und Entscheidungen zu treffen, die nicht von irgendeinem Gedankenwölkchen vorgeprägt werden, sondern der freien, reinen Empfindung folgen.
Freilich geht es aber deshalb nicht darum, wertvolle Gebote oder Lebensregeln einfach achtlos über Bord zu werfen. Mehr oder weniger benötigt jeder Mensch Stützen und Leitplanken für sein Leben.
Aber es gibt eine feine, scharfe Grenze, die wir genau kennen sollten – zwischen Lehre und Dogma, zwischen Orientierungshilfe und Verhaltensregel … zwischen selbstbestimmt und fremdbestimmt.
Autor: Werner Huemer
