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Jugendkriminalität

„Führ' mich ins Licht!“

Jugendkriminalität und bürgerliches Engagement

Wird die Jugend von sich aus immer gewalttätiger – oder werden die Bedingungen für Jugendliche immer schwieriger?
Wird die Jugend von sich aus immer gewalttätiger – oder werden die Bedingungen für Jugendliche immer schwieriger?
Im September 2009 sorgte der Fall „Dominik Brunner“ deutschlandweit für Schlagzeilen.

Vier 13- bis 15jährige Schüler werden von zwei 17- und einem betrunkenen 18jährigen an einem Münchner S-Bahnhof massiv bedroht und geschlagen. Als der 50jährige Dominik Brunner den Schülern zu Hilfe eilt, wird er selbst Opfer der gewalttätigen Auseinandersetzung und verstirbt infolge Herzversagens. Zuvor hatten ihm die Jugendlichen mehr als 20 Schläge und Tritte zugefügt, die jedoch, wie später dem Obduktionsbericht zu entnehmen war, nur mittelbar zum Tod Brunners geführt hatten.

Im Anschluß an diesen Vorfall entbrannte eine bundesweite Debatte zum Thema „Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln“, und wieder einmal wurde eine „Verschärfung des Jugendstrafrechts“ diskutiert.

Für sein couragiertes Eintreten erhielt Dominik Brunner postum den Bayerischen Verdienstorden und wird seither als trauriger Held der Zivilcourage gefeiert.

Der inzwischen 19 Jahre alte Haupttäter wurde im September 2010 wegen „Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung“ zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und zehn Monaten verurteilt, ein 18jähriger Mittäter erhielt wegen „Körperverletzung mit Todesfolge“ eine Jugendstrafe von sieben Jahren.

Gegründet wurde der Verein „Ghettokids“ von der Münchner Sonderschullehrerin Susanne Korbmacher.
Gegründet wurde der Verein „Ghettokids“ von der Münchner Sonderschullehrerin Susanne Korbmacher.
Die Zahlen der Jugendkriminalstatistik in Deutschland zeigen, daß 2009 – im Jahr des Falles Dominik Brunner – 2,8 Prozent mehr Jugendliche als im Jahr zuvor straffällig wurden, die Gesamtzahl der Jugendstrafurteile stieg damit in Deutschland von 14.651 auf 15.064.

Auch in der Schweiz nimmt die Zahl der Delikte gegen Leib und Leben zu: Die Kriminalstatistik des Kantons Zürich zeigte in einem Vergleich zwischen den Jahren 1997/1998 und 2005/2006 eine Zunahme um 180 Prozent. Ausgehend von diesen alarmierenden Zahlen wurde in Zürich eine umfangreiche Analyse der Delikte durchgeführt. Im Abschlußbericht mußte die prozentuale Entwicklung dann erheblich nach unten korrigiert werden, denn auch ein stark verändertes Anzeigeverhalten hatte die Zahlen der Schweizer Kriminalstatistik in den letzten Jahren in die Höhe schnellen lassen.

Aber stehen wir nicht dennoch einer schleichenden Brutalisierung Jugendlicher gegenüber?

Und brauchen wir demzufolge härtere Jugendstrafen, um dieser Entwicklung künftig drastisch und nachhaltig begegnen zu können?

Ursachen für extreme Gewalttätigkeit

Was führt zu solch extremen Gewalttätigkeiten bei Kindern und Jugendlichen wie im Falle „Dominik Brunner“?

Norbert Nedopil, ein Gerichtspsychiater, formulierte: „Wenn man als forensischer Psychiater darauf eine Antwort sucht, tut man das nicht, um mitleidig oder nachsichtig das schwere Schicksal der Täter zu beklagen. Man tut es aber auch nicht, um zu verurteilen. Sondern man versucht zu verstehen, um damit zu verhindern. In der Fachsprache heißt das Prävention.“

Zur Beantwortung der Frage nach den Ursachen für extreme Gewalttätigkeit lassen sich weder eindeutige noch pauschale Erklärungen finden. Die Ursachen und Motive sind vielschichtig. Eindeutige Täterprofile sind nur schwer zu erstellen; es handelt sich um Einzelschicksale. Jedes Kind und jeder Jugendliche reagiert anders und in seiner eigenen Weise auf belastende Lebenssituationen. Oft stehen Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, traumatische Kindheitserlebnisse, soziale Ausgrenzung, Drogen- und Medienkonsum im Hintergrund, die Reaktions- und Verarbeitungsmuster hierauf unterscheiden sich aber von Mensch zu Mensch erheblich.

Tatsache ist jedoch, daß der normale und gesunde kindliche Widerstand gegen ein belastendes Umfeld oftmals keine andere Ausdrucksmöglichkeit mehr findet, als sich in unkontrollierten Wutanfällen zu ergehen, die gegen alles und jeden gerichtet sind.

Wird die Jugend immer schlechter?

Anläßlich des 19. Deutschen Jugendgerichtstags im Jahr 1983 äußerte sich Gerhard Mauz zu dieser Frage mit Worten, die gut auch auf die heutige Situation passen: „Die These, die Jugend werde immer schlechter, wird dieser Tage noch lauter vorgetragen als sonst. Die Krise, in der sich die Bundesrepublik […] befindet, schreit nach einem Fußbreit Boden, auf dem die Rechtdenkenden, die Menschen guten Willens, so zerstritten sie auch sonst in jeder Hinsicht sind, denn doch noch zusammenstehen können, ja, zusammenstehen müssen, um nicht von der Flut der Kriminalität überrollt und hinweggeschwemmt zu werden. Und was malt schon das Bild einer derartigen heranjagenden Flutwelle dramatischer als die Behauptung, die Jugend führe sie an. Doch nicht die Jugend wird schlechter. Es ist diese Welt, die immer schlechter für Kinder und Jugendliche ist. Die Umstände und Bedingungen des Auf- und Heranwachsens können kaum noch schlimmer werden. Einer Pflanze, die ohne Luft, Licht und leidlichen Boden nicht gedeiht, wird keiner einen Vorwurf machen, sondern den Gärtner schelten.“ Doch die „Jugendgärtner“ unserer Gesellschaft, die sogenannten Erwachsenen, meinen, nichts zu versäumen oder falsch zu machen …

Eine Leitthese zum 28. Deutschen Jugendgerichtstag 2010 lautete: „Es ist insbesondere für Jugendliche von extrem hoher Bedeutung, geachtet zu sein. Dies gilt auch und gerade für solche Jugendlichen, die diese Achtung auf den ersten Blick nicht verdienen.“

Vielerorts sind die Rahmenbedingungen für Jugendliche indes äußerst schwierig. Ein Beispiel aus München, der „Weltstadt mit Herz“, steht für viele andere:

Der Verein „Ghettokids – Soziale Projekte e. V.“ sorgt erfolgreich für Gewaltprävention.
Der Verein „Ghettokids – Soziale Projekte e. V.“ sorgt erfolgreich für Gewaltprävention.
Heute ebenso wie vor 30 Jahren zeigt sich der Münchner Stadtteil Hasenbergl als ein sozialer Brennpunkt, wie er in allen deutschen Großstädten zu finden ist. Nach der Grundsteinlegung für die Siedlung in den 1960er Jahren entstand im Münchner Norden im Laufe der Jahre eine Großsiedlung des sozialen Wohnungsbaus für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen. Von jeher steht Hasenbergl auch für Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Abstieg. Migranten aus den verschiedensten Teilen der Welt treffen hier aufeinander. Die Zahl der ausländischen Mitbürger liegt bei rund 26 Prozent (2006). Deutsche, Kosovo-Albaner, Türken, Griechen und Sinti bilden einen Schmelztiegel der Kulturen; ein pulsierendes, brodelndes Gemisch aus Gewalt, Nationalitätenkonflikten, Alkohol und Kriminalität bestimmt den Alltag der Kinder und Jugendlichen, die hier aufwachsen. Hasenbergl bedeutet Ghetto und Stigmatisierung. Mangelndes Selbstwertgefühl, Perspektivlosigkeit und Wut ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schicksale der Heranwachsenden …

Gewaltprävention statt härterer Strafen

Nach dem Tod von Dominik Brunner wurde die Dominik-Brunner-Stiftung gegründet. Neben der allgemeinen Förderung der Zivilcourage in der Gesellschaft ist die Gewaltprävention ein zentrales Anliegen der Stiftung: „Wir müssen bei den Kindern in diesen Vierteln anfangen“, sagt Stiftungs-Vorstand Alois Meier. „Wenn wir nichts tun, wächst dort immer neue Gewalt.“

Gewaltprävention – damit begann Susanne Korbmacher vor mehr als zehn Jahren auf ihre eigene Art und Weise. Im November 2000 gründete die Sonderschullehrerin in München den Verein „Ghettokids – Soziale Projekte e. V.“ Dieser Verein betreut heute im Stadtteil Hasenbergl rund 18 Familien sowie 400 Kinder und Jugendliche und wird von der „Dominik-Brunner-Stiftung“ als besonders förderungswürdig im Sinne der Gewaltprävention angesehen und finanziell unterstützt.

Ein bewegtes Kinderschicksal

Als Sechsjähriger flieht der Kosovo-Albaner Faton mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Sein Vater kann die Erinnerungen an den Krieg und den Verlust der Heimat nur im Alkohol ertränken. Faton wächst in einer Atmosphäre der Gewalt und Verwahrlosung heran. Als sein Cousin, mit dem er aufgewachsen ist und der für ihn wie ein Bruder war, im Kosovo umkommt, kann er nur noch Haß- und Rachegefühle empfinden. In der Folge verliert er sich in einer Spirale der Gewalttätigkeit, die von Klauen bis zu Körperverletzung reicht. Faton ist einer der zahlreichen Schützlinge der Sonderschullehrerin Susanne Korbmacher, die in ihrem lesenswerten Buch „Ghettokids – Immer da sein, wo's weh tut“ zu Wort kommen. Die darin geschilderten Einzelschicksale gehen unter die Haut, die Verrohung und Verwahrlosung, die sich nicht zuletzt auch in einer entsprechenden Sprache der Jugendlichen zeigt, ist absatzweise nur schwer auszuhalten – gerade dann, wenn Wut und Schmerz in Gewalt eskalieren.

Seit 1998 wurden in jedem Schuljahr über 400 Kinder und Jugendliche in „Ghettokids“-Angebote wie unter anderem Thealimuta – Theater-Lieder-Musik-Tanz, Trommelprojekte und „Lichttaler“ – eingebunden.

„Ghettokids“ hat sich „die Förderung von Kindern und Jugendlichen – besonders in sozialen Brennpunkten – im kreativen, musischen, sprachlichen, sportlichen, schulischen, sozialen und interkulturellen Bereich und die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement“ zur Aufgabe gemacht und wurde für seine Projekte bereits vielfach ausgezeichnet.

Eigene Fähigkeiten und Stärken zu entdecken und zu leben hat für die Kinder und Jugendlichen einen unmittelbaren Zuwachs an Selbstwert zur Folge und fördert damit nicht zuletzt auch den Aggressionsabbau. Darüber hinaus finden die Heranwachsenden hier auch endlich die oftmals so schmerzlich vermißte Anerkennung ihrer Person und lernen ihre sozialen Kompetenzen – zum Beispiel im Umgang mit Konflikten – zu erweitern.

Das Lichttaler-Projekt

Nach dem Motto „Tu ich was, bekomm' ich was“ funktioniert das „Lichttaler-Projekt“ von „Ghettokids“ wie ein klassischer Tauschring – mit der imaginären Währungseinheit Lichttaler. Für eine Gebe-Aktion erhalten die Kinder und Jugendlichen eine vereinbarte Zahl von Lichttalern pro Zeiteinheit. In einer Nehme-Aktion können nun für die gesammelten Lichttaler Einheiten bei einem „Profi“ (zum Beispiel Musikunterricht, Mathenachhilfe oder Kurs in Schmuckherstellung) „eingekauft“ werden. Aus vermeintlichen „Opfern“ werden somit Handlungsträger, die Kinder und Jugendlichen erleben ihre eigenen kreativen Potentiale und lernen diese auch zugunsten des Gemeinwohls einzusetzen.

Salon für sozial benachteiligte Kids

Seit 2005 treffen sich regelmäßig am Samstag außerhalb ihres Wohnbezirks bis zu 50 Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, kinderreiche Familien sowie Ehrenamtliche im Privathaushalt der Vorsitzenden des Vereins „Ghettokids“, Susanne Korbmacher. Hier wird gemeinsam gekocht, gegessen, musiziert, diskutiert und vieles mehr. Die „Mutter Courage vom Hasenbergl“, wie sie in der Vergangenheit von der Süddeutschen Zeitung genannt wurde, ist für die Jugendlichen da; wenn es sein muß, auch nachts und am Wochenende.

In ihrem Buch „Ghettokids“ beschreibt Susanne Korbmacher bewegte und bewegende Kinderschicksale.
In ihrem Buch „Ghettokids“ beschreibt Susanne Korbmacher bewegte und bewegende Kinderschicksale.
Faton, der junge Kosovo-Albaner, erzählt in einem Gespräch mit Susanne Korbmacher von einem Traum:

„Ich hatte mal einen Traum, da hat mich jemand ins Licht geführt. Erst war ich im Dreck, und alles war dunkel und schwarz um mich herum. Und dann hat jemand meine Hand gepackt und mich in Richtung Licht gezogen. Die Sonne habe ich nicht gesehen, aber es war sehr, sehr hell. Und das gab mir ein so glückliches Gefühl. Und dann war plötzlich alles wieder weg und dunkel. Das machte mir Angst. Und ich rief nach der Person, die mich wieder ins Licht führen sollte: ,Führ mich ins Licht. Bitte führ mich wieder ins Licht!' Ich weiß nicht, nach wem ich gerufen habe. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht, weil meine Mutter in der Tür stand. Sie sagte, daß ich im Schlaf geschrien habe.

Manchmal muß man gar nicht laut rufen, um eine Antwort zu bekommen.

Damals habe ich Sie [Susanne Korbmacher] noch nicht gekannt. Aber ich glaube, daß Sie diese Person aus meinem Traum waren. Es war Schicksal, daß wir uns getroffen haben. Und dafür danke ich Allah.“

Gewaltprävention beginnt mit der Achtung, der Liebe und der Fürsorge, die wir der heranwachsenden Generation schenken – als Eltern, Lehrer oder als einfache Mitbürger. Sie beginnt mit dem Mut und der Entschlossenheit, sich einer verletzten Menschenseele anzunehmen, sie an die Hand zu nehmen, um mit ihr dem Licht entgegen in eine bessere Zukunft zu schreiten.

 

Literatur:

Korbmacher Susanne, Ghettokids – Immer da sein, wo's weh tut, Piper Verlag 2006

Heisig Kirsten, Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, Herder 2010


Wird die Jugend von sich aus immer gewalttätiger – oder werden die Bedingungen für Jugendliche immer schwieriger?
Wird die Jugend von sich aus immer gewalttätiger – oder werden die Bedingungen für Jugendliche immer schwieriger?
Im September 2009 sorgte der Fall „Dominik Brunner“ deutschlandweit für Schlagzeilen.

Vier 13- bis 15jährige Schüler werden von zwei 17- und einem betrunkenen 18jährigen an einem Münchner S-Bahnhof massiv bedroht und geschlagen. Als der 50jährige Dominik Brunner den Schülern zu Hilfe eilt, wird er selbst Opfer der gewalttätigen Auseinandersetzung und verstirbt infolge Herzversagens. Zuvor hatten ihm die Jugendlichen mehr als 20 Schläge und Tritte zugefügt, die jedoch, wie später dem Obduktionsbericht zu entnehmen war, nur mittelbar zum Tod Brunners geführt hatten.

Im Anschluß an diesen Vorfall entbrannte eine bundesweite Debatte zum Thema „Sicherheit in öffentlichen Verkehrsmitteln“, und wieder einmal wurde eine „Verschärfung des Jugendstrafrechts“ diskutiert.

Für sein couragiertes Eintreten erhielt Dominik Brunner postum den Bayerischen Verdienstorden und wird seither als trauriger Held der Zivilcourage gefeiert.

Der inzwischen 19 Jahre alte Haupttäter wurde im September 2010 wegen „Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung“ zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und zehn Monaten verurteilt, ein 18jähriger Mittäter erhielt wegen „Körperverletzung mit Todesfolge“ eine Jugendstrafe von sieben Jahren.

Gegründet wurde der Verein „Ghettokids“ von der Münchner Sonderschullehrerin Susanne Korbmacher.
Gegründet wurde der Verein „Ghettokids“ von der Münchner Sonderschullehrerin Susanne Korbmacher.
Die Zahlen der Jugendkriminalstatistik in Deutschland zeigen, daß 2009 – im Jahr des Falles Dominik Brunner – 2,8 Prozent mehr Jugendliche als im Jahr zuvor straffällig wurden, die Gesamtzahl der Jugendstrafurteile stieg damit in Deutschland von 14.651 auf 15.064.

Auch in der Schweiz nimmt die Zahl der Delikte gegen Leib und Leben zu: Die Kriminalstatistik des Kantons Zürich zeigte in einem Vergleich zwischen den Jahren 1997/1998 und 2005/2006 eine Zunahme um 180 Prozent. Ausgehend von diesen alarmierenden Zahlen wurde in Zürich eine umfangreiche Analyse der Delikte durchgeführt. Im Abschlußbericht mußte die prozentuale Entwicklung dann erheblich nach unten korrigiert werden, denn auch ein stark verändertes Anzeigeverhalten hatte die Zahlen der Schweizer Kriminalstatistik in den letzten Jahren in die Höhe schnellen lassen.

Aber stehen wir nicht dennoch einer schleichenden Brutalisierung Jugendlicher gegenüber?

Und brauchen wir demzufolge härtere Jugendstrafen, um dieser Entwicklung künftig drastisch und nachhaltig begegnen zu können?

Ursachen für extreme Gewalttätigkeit

Was führt zu solch extremen Gewalttätigkeiten bei Kindern und Jugendlichen wie im Falle „Dominik Brunner“?

Norbert Nedopil, ein Gerichtspsychiater, formulierte: „Wenn man als forensischer Psychiater darauf eine Antwort sucht, tut man das nicht, um mitleidig oder nachsichtig das schwere Schicksal der Täter zu beklagen. Man tut es aber auch nicht, um zu verurteilen. Sondern man versucht zu verstehen, um damit zu verhindern. In der Fachsprache heißt das Prävention.“

Zur Beantwortung der Frage nach den Ursachen für extreme Gewalttätigkeit lassen sich weder eindeutige noch pauschale Erklärungen finden. Die Ursachen und Motive sind vielschichtig. Eindeutige Täterprofile sind nur schwer zu erstellen; es handelt sich um Einzelschicksale. Jedes Kind und jeder Jugendliche reagiert anders und in seiner eigenen Weise auf belastende Lebenssituationen. Oft stehen Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, traumatische Kindheitserlebnisse, soziale Ausgrenzung, Drogen- und Medienkonsum im Hintergrund, die Reaktions- und Verarbeitungsmuster hierauf unterscheiden sich aber von Mensch zu Mensch erheblich.

Tatsache ist jedoch, daß der normale und gesunde kindliche Widerstand gegen ein belastendes Umfeld oftmals keine andere Ausdrucksmöglichkeit mehr findet, als sich in unkontrollierten Wutanfällen zu ergehen, die gegen alles und jeden gerichtet sind.

Wird die Jugend immer schlechter?

Anläßlich des 19. Deutschen Jugendgerichtstags im Jahr 1983 äußerte sich Gerhard Mauz zu dieser Frage mit Worten, die gut auch auf die heutige Situation passen: „Die These, die Jugend werde immer schlechter, wird dieser Tage noch lauter vorgetragen als sonst. Die Krise, in der sich die Bundesrepublik […] befindet, schreit nach einem Fußbreit Boden, auf dem die Rechtdenkenden, die Menschen guten Willens, so zerstritten sie auch sonst in jeder Hinsicht sind, denn doch noch zusammenstehen können, ja, zusammenstehen müssen, um nicht von der Flut der Kriminalität überrollt und hinweggeschwemmt zu werden. Und was malt schon das Bild einer derartigen heranjagenden Flutwelle dramatischer als die Behauptung, die Jugend führe sie an. Doch nicht die Jugend wird schlechter. Es ist diese Welt, die immer schlechter für Kinder und Jugendliche ist. Die Umstände und Bedingungen des Auf- und Heranwachsens können kaum noch schlimmer werden. Einer Pflanze, die ohne Luft, Licht und leidlichen Boden nicht gedeiht, wird keiner einen Vorwurf machen, sondern den Gärtner schelten.“ Doch die „Jugendgärtner“ unserer Gesellschaft, die sogenannten Erwachsenen, meinen, nichts zu versäumen oder falsch zu machen …

Eine Leitthese zum 28. Deutschen Jugendgerichtstag 2010 lautete: „Es ist insbesondere für Jugendliche von extrem hoher Bedeutung, geachtet zu sein. Dies gilt auch und gerade für solche Jugendlichen, die diese Achtung auf den ersten Blick nicht verdienen.“

Vielerorts sind die Rahmenbedingungen für Jugendliche indes äußerst schwierig. Ein Beispiel aus München, der „Weltstadt mit Herz“, steht für viele andere:

Der Verein „Ghettokids – Soziale Projekte e. V.“ sorgt erfolgreich für Gewaltprävention.
Der Verein „Ghettokids – Soziale Projekte e. V.“ sorgt erfolgreich für Gewaltprävention.
Heute ebenso wie vor 30 Jahren zeigt sich der Münchner Stadtteil Hasenbergl als ein sozialer Brennpunkt, wie er in allen deutschen Großstädten zu finden ist. Nach der Grundsteinlegung für die Siedlung in den 1960er Jahren entstand im Münchner Norden im Laufe der Jahre eine Großsiedlung des sozialen Wohnungsbaus für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen. Von jeher steht Hasenbergl auch für Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Abstieg. Migranten aus den verschiedensten Teilen der Welt treffen hier aufeinander. Die Zahl der ausländischen Mitbürger liegt bei rund 26 Prozent (2006). Deutsche, Kosovo-Albaner, Türken, Griechen und Sinti bilden einen Schmelztiegel der Kulturen; ein pulsierendes, brodelndes Gemisch aus Gewalt, Nationalitätenkonflikten, Alkohol und Kriminalität bestimmt den Alltag der Kinder und Jugendlichen, die hier aufwachsen. Hasenbergl bedeutet Ghetto und Stigmatisierung. Mangelndes Selbstwertgefühl, Perspektivlosigkeit und Wut ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schicksale der Heranwachsenden …

Gewaltprävention statt härterer Strafen

Nach dem Tod von Dominik Brunner wurde die Dominik-Brunner-Stiftung gegründet. Neben der allgemeinen Förderung der Zivilcourage in der Gesellschaft ist die Gewaltprävention ein zentrales Anliegen der Stiftung: „Wir müssen bei den Kindern in diesen Vierteln anfangen“, sagt Stiftungs-Vorstand Alois Meier. „Wenn wir nichts tun, wächst dort immer neue Gewalt.“

Gewaltprävention – damit begann Susanne Korbmacher vor mehr als zehn Jahren auf ihre eigene Art und Weise. Im November 2000 gründete die Sonderschullehrerin in München den Verein „Ghettokids – Soziale Projekte e. V.“ Dieser Verein betreut heute im Stadtteil Hasenbergl rund 18 Familien sowie 400 Kinder und Jugendliche und wird von der „Dominik-Brunner-Stiftung“ als besonders förderungswürdig im Sinne der Gewaltprävention angesehen und finanziell unterstützt.

Ein bewegtes Kinderschicksal

Als Sechsjähriger flieht der Kosovo-Albaner Faton mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Sein Vater kann die Erinnerungen an den Krieg und den Verlust der Heimat nur im Alkohol ertränken. Faton wächst in einer Atmosphäre der Gewalt und Verwahrlosung heran. Als sein Cousin, mit dem er aufgewachsen ist und der für ihn wie ein Bruder war, im Kosovo umkommt, kann er nur noch Haß- und Rachegefühle empfinden. In der Folge verliert er sich in einer Spirale der Gewalttätigkeit, die von Klauen bis zu Körperverletzung reicht. Faton ist einer der zahlreichen Schützlinge der Sonderschullehrerin Susanne Korbmacher, die in ihrem lesenswerten Buch „Ghettokids – Immer da sein, wo's weh tut“ zu Wort kommen. Die darin geschilderten Einzelschicksale gehen unter die Haut, die Verrohung und Verwahrlosung, die sich nicht zuletzt auch in einer entsprechenden Sprache der Jugendlichen zeigt, ist absatzweise nur schwer auszuhalten – gerade dann, wenn Wut und Schmerz in Gewalt eskalieren.

Seit 1998 wurden in jedem Schuljahr über 400 Kinder und Jugendliche in „Ghettokids“-Angebote wie unter anderem Thealimuta – Theater-Lieder-Musik-Tanz, Trommelprojekte und „Lichttaler“ – eingebunden.

„Ghettokids“ hat sich „die Förderung von Kindern und Jugendlichen – besonders in sozialen Brennpunkten – im kreativen, musischen, sprachlichen, sportlichen, schulischen, sozialen und interkulturellen Bereich und die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement“ zur Aufgabe gemacht und wurde für seine Projekte bereits vielfach ausgezeichnet.

Eigene Fähigkeiten und Stärken zu entdecken und zu leben hat für die Kinder und Jugendlichen einen unmittelbaren Zuwachs an Selbstwert zur Folge und fördert damit nicht zuletzt auch den Aggressionsabbau. Darüber hinaus finden die Heranwachsenden hier auch endlich die oftmals so schmerzlich vermißte Anerkennung ihrer Person und lernen ihre sozialen Kompetenzen – zum Beispiel im Umgang mit Konflikten – zu erweitern.

Das Lichttaler-Projekt

Nach dem Motto „Tu ich was, bekomm' ich was“ funktioniert das „Lichttaler-Projekt“ von „Ghettokids“ wie ein klassischer Tauschring – mit der imaginären Währungseinheit Lichttaler. Für eine Gebe-Aktion erhalten die Kinder und Jugendlichen eine vereinbarte Zahl von Lichttalern pro Zeiteinheit. In einer Nehme-Aktion können nun für die gesammelten Lichttaler Einheiten bei einem „Profi“ (zum Beispiel Musikunterricht, Mathenachhilfe oder Kurs in Schmuckherstellung) „eingekauft“ werden. Aus vermeintlichen „Opfern“ werden somit Handlungsträger, die Kinder und Jugendlichen erleben ihre eigenen kreativen Potentiale und lernen diese auch zugunsten des Gemeinwohls einzusetzen.

Salon für sozial benachteiligte Kids

Seit 2005 treffen sich regelmäßig am Samstag außerhalb ihres Wohnbezirks bis zu 50 Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, kinderreiche Familien sowie Ehrenamtliche im Privathaushalt der Vorsitzenden des Vereins „Ghettokids“, Susanne Korbmacher. Hier wird gemeinsam gekocht, gegessen, musiziert, diskutiert und vieles mehr. Die „Mutter Courage vom Hasenbergl“, wie sie in der Vergangenheit von der Süddeutschen Zeitung genannt wurde, ist für die Jugendlichen da; wenn es sein muß, auch nachts und am Wochenende.

In ihrem Buch „Ghettokids“ beschreibt Susanne Korbmacher bewegte und bewegende Kinderschicksale.
In ihrem Buch „Ghettokids“ beschreibt Susanne Korbmacher bewegte und bewegende Kinderschicksale.
Faton, der junge Kosovo-Albaner, erzählt in einem Gespräch mit Susanne Korbmacher von einem Traum:

„Ich hatte mal einen Traum, da hat mich jemand ins Licht geführt. Erst war ich im Dreck, und alles war dunkel und schwarz um mich herum. Und dann hat jemand meine Hand gepackt und mich in Richtung Licht gezogen. Die Sonne habe ich nicht gesehen, aber es war sehr, sehr hell. Und das gab mir ein so glückliches Gefühl. Und dann war plötzlich alles wieder weg und dunkel. Das machte mir Angst. Und ich rief nach der Person, die mich wieder ins Licht führen sollte: ,Führ mich ins Licht. Bitte führ mich wieder ins Licht!' Ich weiß nicht, nach wem ich gerufen habe. Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht, weil meine Mutter in der Tür stand. Sie sagte, daß ich im Schlaf geschrien habe.

Manchmal muß man gar nicht laut rufen, um eine Antwort zu bekommen.

Damals habe ich Sie [Susanne Korbmacher] noch nicht gekannt. Aber ich glaube, daß Sie diese Person aus meinem Traum waren. Es war Schicksal, daß wir uns getroffen haben. Und dafür danke ich Allah.“

Gewaltprävention beginnt mit der Achtung, der Liebe und der Fürsorge, die wir der heranwachsenden Generation schenken – als Eltern, Lehrer oder als einfache Mitbürger. Sie beginnt mit dem Mut und der Entschlossenheit, sich einer verletzten Menschenseele anzunehmen, sie an die Hand zu nehmen, um mit ihr dem Licht entgegen in eine bessere Zukunft zu schreiten.

 

Literatur:

Korbmacher Susanne, Ghettokids – Immer da sein, wo's weh tut, Piper Verlag 2006

Heisig Kirsten, Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, Herder 2010



Autor: Martina Ullrich

Weiterführende Links

› Ghettokids:

› Dominik-Brunner-Stiftung:

› Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e. V.:

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Nachschlagworte

  • Jugendkriminalität
  • Gewalt
  • Kinderschicksal

Autor

Martina Ullrich

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