Zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen
„Das lebhafteste Vergnügen, das ein vernünftiger Mensch in der Welt haben kann, ist, neue Wahrheiten zu entdecken; das nächste nach diesem ist, alle Vorurteile loszuwerden.“
Am 24. Januar 2012 war der 300. Geburtstag des Preußenkönigs Friedrich der Große. Dies ist Anlaß genug, einen Gedanken des ebenso berühmten wie umstrittenen Philosophen, Musikers, Kriegsherrn und „ersten Diener seines Staates“ aufzugreifen. Das Titel-Zitat stammt aus einem Brief an Voltaire. Eine Aussage von großer Aktualität!
Was steht hinter der Entdeckerfreude, neue Wahrheiten zu finden – wie steht es mit den Vorurteilen?
Hinter Friedrichs Wort steht zunächst die pure Neugierde, der Wunsch, Neues zu erfahren, oder ist es mehr? Im Zusammenhang mit den Vorurteilen scheint dies tatsächlich der Fall zu sein. Liegt im Ablegen von Vorurteilen schon eine neue Wahrheit? Immerhin hat sich in den Vorurteilen jene „Wahrheit“ verfestigt, die wir sicher zu haben wähnten. Dabei handelt es sich fast immer um eine Unwahrheit! Dies liegt schon in dem Begriff Vorurteil verankert. Also gilt es, die umklammerte und verfälschte Wahrheit freizulegen.
Vorurteile sind nicht als persönliche Erkenntnisleistungen zu werten, sondern als kollektive Urteile, die sich aus den verschiedensten – fast immer – schlechten Erfahrungen speisen. Beispiele dafür gibt es genug, daraus ergeben sich Fremdenhaß, Ablehnung oder Verfolgung anderer Religionen, religiöser Gruppierungen usw.
Friedrich II. war weitgehend frei von solchen Haltungen. Deshalb vertrat er auch die – politisch umgesetzte – Auffassung, jeder solle „nach seiner Façon selig werden“.
Ist nun die Suche nach neuen Wahrheiten mehr als das Ablegen von Vorurteilen und mehr, als Toleranz zu üben? Hat Voltaire – dieser ebenso große Aufklärer wie Spötter – Friedrich auf diesem Weg nicht unterstützt; vor allem in dem Sinne, Altes, Überholtes zu überwinden?
Friedrich der Große
Die Folgen des Wunsches, alles Alte zu überwinden
Auf diesem Weg wurden nicht nur der Aberglauben sowie allzu enge Glaubenshaltungen beiseite gelassen, sondern auch Überzeugungen der vorangegangenen Zeit, wie die des Philosophen Leibnitz, der von der Welt als der „besten aller möglichen Welten“ sprach und damit nicht den gegenwärtigen Zustand, sondern – laut Wikipedia – ihr „Entwicklungspotential“ meinte. Die Aufklärung, die dies alles ablehnte, trug nicht nur dazu bei, neue Wahrheiten und Freiheiten von hemmenden Glaubensbindungen abzulösen, sondern begann damals – am Vorabend der Französischen Revolution – bisherige Weltbilder zu atomisieren. Insofern wird auch gerne von Wahrheiten gesprochen und nicht von Wahrheit!
Die heutige Situation und Hoffnung
Wir sind heute in einer zum Teil vergleichbaren Situation: Einerseits nehmen Vorurteile ständig zu – sie wollen sich durch Gewalt und Terror bestätigen, das heißt global scheinen die Errungenschaften der Aufklärung null und nichtig zu sein – andererseits hat es noch nie so viele neue „Wahrheiten“ gegeben wie gerade jetzt. Propheten und falsche Propheten haben Hochkonjunktur, und es ist schwierig geworden, sich in dieser babylonischen Verwirrung zurechtzufinden.
Wie kann es heute überhaupt noch gelingen, wirkliche neue Wahrheiten zu entdecken, ja an ihnen lebhaftestes Vergnügen zu empfinden?
Damals hat man vor allem an die Vernunft appelliert, und dies entsprach auch der Überzeugung Friedrichs des Großen. Ist dies auch heute noch ein gangbarer Weg?
An die Vernunft – zumal an die der Menschheit – glaubt man nicht mehr so recht. Mit Vernunft war damals vor allem die höhere Vernunft gemeint, das heißt der bloße Verstand sollte sich der Einsicht unterordnen. Doch wo gibt es noch wahre Einsicht, die auch die Sensibilität für Dinge oder Menschen einbezieht?
Angesichts des Überhandnehmens rein intellektuellen Wissen- und Erkennenwollens scheint dies selten geworden zu sein. Und doch spricht man heute auch von emotionaler Intelligenz, von Bauchentscheidungen usw. Das heißt, hier findet ein Umbruch statt, dessen Folgen zwar weit davon entfernt sind, den Menschen wieder an die höhere Vernunft zu erinnern, und doch wird – gleichsam im Dunkeln – ein neuer Weg gesucht.
Erst wenn wieder von einerHarmonie von Empfindung und Verstand – einem Ausgleich zwischen den emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten – gesprochen werden kann, mögen die höhere Vernunft und Einsicht wiederentdeckt werden und das Vergnügen, neue Wahrheiten zu erkennen, wieder erwachen. Wer wagemutig genug ist, kann sich über die Wahrheiten dann auch auf die Suche nach der Wahrheit begeben. Dies ist auch heute noch möglich. Denn wenn es wirklich eine Wahrheit gibt, muß sie über den menschlichen und historischen Entwicklungen stehen. Es gibt allerdings kein abstraktes Wissen über die Wahrheit – die Suche danach wird immer von persönlichen Erfahrungen ausgehen müssen.
Was steht hinter der Entdeckerfreude, neue Wahrheiten zu finden – wie steht es mit den Vorurteilen?
Hinter Friedrichs Wort steht zunächst die pure Neugierde, der Wunsch, Neues zu erfahren, oder ist es mehr? Im Zusammenhang mit den Vorurteilen scheint dies tatsächlich der Fall zu sein. Liegt im Ablegen von Vorurteilen schon eine neue Wahrheit? Immerhin hat sich in den Vorurteilen jene „Wahrheit“ verfestigt, die wir sicher zu haben wähnten. Dabei handelt es sich fast immer um eine Unwahrheit! Dies liegt schon in dem Begriff Vorurteil verankert. Also gilt es, die umklammerte und verfälschte Wahrheit freizulegen.
Vorurteile sind nicht als persönliche Erkenntnisleistungen zu werten, sondern als kollektive Urteile, die sich aus den verschiedensten – fast immer – schlechten Erfahrungen speisen. Beispiele dafür gibt es genug, daraus ergeben sich Fremdenhaß, Ablehnung oder Verfolgung anderer Religionen, religiöser Gruppierungen usw.
Friedrich II. war weitgehend frei von solchen Haltungen. Deshalb vertrat er auch die – politisch umgesetzte – Auffassung, jeder solle „nach seiner Façon selig werden“.
Ist nun die Suche nach neuen Wahrheiten mehr als das Ablegen von Vorurteilen und mehr, als Toleranz zu üben? Hat Voltaire – dieser ebenso große Aufklärer wie Spötter – Friedrich auf diesem Weg nicht unterstützt; vor allem in dem Sinne, Altes, Überholtes zu überwinden?
Friedrich der Große
Die Folgen des Wunsches, alles Alte zu überwinden
Auf diesem Weg wurden nicht nur der Aberglauben sowie allzu enge Glaubenshaltungen beiseite gelassen, sondern auch Überzeugungen der vorangegangenen Zeit, wie die des Philosophen Leibnitz, der von der Welt als der „besten aller möglichen Welten“ sprach und damit nicht den gegenwärtigen Zustand, sondern – laut Wikipedia – ihr „Entwicklungspotential“ meinte. Die Aufklärung, die dies alles ablehnte, trug nicht nur dazu bei, neue Wahrheiten und Freiheiten von hemmenden Glaubensbindungen abzulösen, sondern begann damals – am Vorabend der Französischen Revolution – bisherige Weltbilder zu atomisieren. Insofern wird auch gerne von Wahrheiten gesprochen und nicht von Wahrheit!
Die heutige Situation und Hoffnung
Wir sind heute in einer zum Teil vergleichbaren Situation: Einerseits nehmen Vorurteile ständig zu – sie wollen sich durch Gewalt und Terror bestätigen, das heißt global scheinen die Errungenschaften der Aufklärung null und nichtig zu sein – andererseits hat es noch nie so viele neue „Wahrheiten“ gegeben wie gerade jetzt. Propheten und falsche Propheten haben Hochkonjunktur, und es ist schwierig geworden, sich in dieser babylonischen Verwirrung zurechtzufinden.
Wie kann es heute überhaupt noch gelingen, wirkliche neue Wahrheiten zu entdecken, ja an ihnen lebhaftestes Vergnügen zu empfinden?
Damals hat man vor allem an die Vernunft appelliert, und dies entsprach auch der Überzeugung Friedrichs des Großen. Ist dies auch heute noch ein gangbarer Weg?
An die Vernunft – zumal an die der Menschheit – glaubt man nicht mehr so recht. Mit Vernunft war damals vor allem die höhere Vernunft gemeint, das heißt der bloße Verstand sollte sich der Einsicht unterordnen. Doch wo gibt es noch wahre Einsicht, die auch die Sensibilität für Dinge oder Menschen einbezieht?
Angesichts des Überhandnehmens rein intellektuellen Wissen- und Erkennenwollens scheint dies selten geworden zu sein. Und doch spricht man heute auch von emotionaler Intelligenz, von Bauchentscheidungen usw. Das heißt, hier findet ein Umbruch statt, dessen Folgen zwar weit davon entfernt sind, den Menschen wieder an die höhere Vernunft zu erinnern, und doch wird – gleichsam im Dunkeln – ein neuer Weg gesucht.
Erst wenn wieder von einerHarmonie von Empfindung und Verstand – einem Ausgleich zwischen den emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten – gesprochen werden kann, mögen die höhere Vernunft und Einsicht wiederentdeckt werden und das Vergnügen, neue Wahrheiten zu erkennen, wieder erwachen. Wer wagemutig genug ist, kann sich über die Wahrheiten dann auch auf die Suche nach der Wahrheit begeben. Dies ist auch heute noch möglich. Denn wenn es wirklich eine Wahrheit gibt, muß sie über den menschlichen und historischen Entwicklungen stehen. Es gibt allerdings kein abstraktes Wissen über die Wahrheit – die Suche danach wird immer von persönlichen Erfahrungen ausgehen müssen.
Autor: Dr. Christian Baur
