Václav Havel
„Wir wollen in der Wahrheit leben“
Als im Herbst 1989 der Ruf erklang „Havel auf die Burg“, das heißt ins Präsidentenamt der Tschechischen Republik, grüßten zugleich die Worte des Dichters und Dissidenten Václav Havel auf dem Wenzelsplatz: „Wir wollen in der Wahrheit leben“. Der Unbeugsame, der unter kommunistischer Herrschaft lieber ins Gefängnis ging, als sich in den Westen abschieben zu lassen, hatte dieses Wort geprägt.
Václav Havel, 2008, in einer Aufnahme von Martin Kozák (aus „Wikipedia“)Havel, der Systemkritiker und Autor des absurden Theaters
„Havels moralische Absage an die Lüge des Systems, sein ‚Versuch, in Wahrheit zu leben‘, schöpfte tief aus der hussitischen Quelle des tschechischen Selbstverständnisses: ‚Suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, bleib bei der Wahrheit, verteidige die Wahrheit bis zum Tod.‘“ (1)
Nun sind natürlich der Wahrheitsbegriff eines politisch Verfolgten und der eines Schriftstellers im Geiste des absurden Theaters – so begann die Karriere des Dichters Havel – recht unterschiedlich.
Der Dissident sieht sich im Widerspruch zum starren, ideologisch geprägten Machtapparat einer herrschenden Partei. Er folgt bereits dann der Wahrheit, wenn er sich solcher Ideologie widersetzt.
Für den Autor des absurden Theaters war dies nicht ganz so einfach. Er enthüllt einerseits in Das Gartenfest (1963) das verlogene System des Staates: „Auf einem Gartenfest sind die Funktionäre des Amts für Eröffnung und des Amts für Auflösung vertreten, einer dem andern mißtrauend. Der junge Hugo fügt sich schnell in diese Gesellschaft ein und entwickelt sein Projekt eines Amts für Eröffnungs-Auflösungs-Eröffnung, das alle überschwenglich loben, weil es niemand so richtig durchschaut.“ (2) So scheint das Ganze andererseits doch nur ein Spiel zu sein, ein Spiel jenseits der Wirklichkeit! Und doch konnte bei Havel aus dem ironisch gefärbten Spiel irgendwann blutige Realität werden!
Wie hatte dies eines seiner westlichen Vorbilder, Eugène Ionesco, in Die Unterrichtsstunde formuliert: „Ich habe den Eindruck, in einer mehr oder weniger gut eingerichteten Welt von sehr höflichen Menschen zu stehen. Plötzlich geht etwas kaputt, zerreißt, und der ungeheuerliche Charakter der Menschen kommt zum Vorschein […] Die Enthüllung von etwas, das verborgen war. Theater ist das Unerwartete, das sich zeigt. Theater ist Überraschung. Für mich muß Theater Offenbarung verborgener Wahrheiten sein. Durch das Theater müssen sie als lebendige Wahrheiten zum Vorschein kommen.“
Hier müssen wir fragen: Sind solche Wahrheiten im Westen denn verbindlich, führen sie ins Leben zurück? Eher nein! Umso bewundernder schauen wir in den ehemaligen Osten, wo sich genau dies vollzog!
Stellt sich die Wahrheitsfrage in einer freien Gesellschaft überhaupt?
Im Westen kann man die Pilatusfrage „Was ist Wahrheit?“ kaum mehr ohne ironischen Unterton stellen: „Was ist denn schon Wahrheit“? Und doch kann man am Beispiel von Havels Leben sehen, zu welch furchtbarer Realität eine solche Frage werden kann. Wir scheinen völlig ungefährdet zu sein, wenn wir am Fernseher geruhsam die Geschehnisse in Syrien, Palästina, Iran, Afghanistan oder Nordkorea verfolgen. Denn es ist uns meist nicht bewußt, daß die Lüge, die Havel bekämpft hat, hier ganz andere, kaum identifizierbare Gesichter hat! Es gibt hier weniger Gewalt als Verführung, subtilste Verführung in allen Bereichen des immer wieder als frei bezeichneten Lebens.
Auch Václav Havel sah sich nach dem Sturz des Kommunismus mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert und sagte: „Solange wir um die Freiheit kämpfen mußten, kannten wir unser Ziel. Jetzt haben wir die Freiheit und wissen gar nicht mehr so genau, was wir wollen.“
Das ist eine fast schon westliche Erkenntnis, mit dem Unterschied, daß hier kaum mehr von „wir“ gesprochen werden kann. Dieses „Wir-Gefühl“ ist in dem berühmten westlichen Pluralismus abhanden gekommen, in einem Pluralismus, der allerdings Minderheiten sowie dem einzelnen in einer nie dagewesenen Form zugute kommt.
Umso wichtiger ist es für jeden Menschen, der diese momentane Freiheit genießt, für sich selbst die Wahrheitsfrage, die für jedes sinnerfüllte Leben fundamental ist, zu stellen. Die Tabuisierung einer solchen Frage ist in unserer Gesellschaft, die es „so herrlich weit gebracht“, ebenso bequem wie gefährlich. Denn auch die Freiheit kann kein einseitiger Konsumartikel sein. Sie muß immer wieder neu errungen werden, und das geschieht nur, wenn Verantwortung geübt wird. Verantwortung aber setzt voraus, daß wir ergründen, was wahr und was falsch ist. „In der Wahrheit leben“ – wie es Václav Havel propagiert hat – kann nur der, der sich ständig darum bemüht, die Wahrheit zu erringen.
Literatur:
(1) Siehe: Das Leben in der Wahrheit. In: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/zum-tode-von-vaclav-havel-das-leben-in-der-wahrheit-11570249.html
(2) Siehe: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/unterhaltung/buecher/index0,page=1145294.html
Václav Havel, 2008, in einer Aufnahme von Martin Kozák (aus „Wikipedia“)Havel, der Systemkritiker und Autor des absurden Theaters
„Havels moralische Absage an die Lüge des Systems, sein ‚Versuch, in Wahrheit zu leben‘, schöpfte tief aus der hussitischen Quelle des tschechischen Selbstverständnisses: ‚Suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, bleib bei der Wahrheit, verteidige die Wahrheit bis zum Tod.‘“ (1)
Nun sind natürlich der Wahrheitsbegriff eines politisch Verfolgten und der eines Schriftstellers im Geiste des absurden Theaters – so begann die Karriere des Dichters Havel – recht unterschiedlich.
Der Dissident sieht sich im Widerspruch zum starren, ideologisch geprägten Machtapparat einer herrschenden Partei. Er folgt bereits dann der Wahrheit, wenn er sich solcher Ideologie widersetzt.
Für den Autor des absurden Theaters war dies nicht ganz so einfach. Er enthüllt einerseits in Das Gartenfest (1963) das verlogene System des Staates: „Auf einem Gartenfest sind die Funktionäre des Amts für Eröffnung und des Amts für Auflösung vertreten, einer dem andern mißtrauend. Der junge Hugo fügt sich schnell in diese Gesellschaft ein und entwickelt sein Projekt eines Amts für Eröffnungs-Auflösungs-Eröffnung, das alle überschwenglich loben, weil es niemand so richtig durchschaut.“ (2) So scheint das Ganze andererseits doch nur ein Spiel zu sein, ein Spiel jenseits der Wirklichkeit! Und doch konnte bei Havel aus dem ironisch gefärbten Spiel irgendwann blutige Realität werden!
Wie hatte dies eines seiner westlichen Vorbilder, Eugène Ionesco, in Die Unterrichtsstunde formuliert: „Ich habe den Eindruck, in einer mehr oder weniger gut eingerichteten Welt von sehr höflichen Menschen zu stehen. Plötzlich geht etwas kaputt, zerreißt, und der ungeheuerliche Charakter der Menschen kommt zum Vorschein […] Die Enthüllung von etwas, das verborgen war. Theater ist das Unerwartete, das sich zeigt. Theater ist Überraschung. Für mich muß Theater Offenbarung verborgener Wahrheiten sein. Durch das Theater müssen sie als lebendige Wahrheiten zum Vorschein kommen.“
Hier müssen wir fragen: Sind solche Wahrheiten im Westen denn verbindlich, führen sie ins Leben zurück? Eher nein! Umso bewundernder schauen wir in den ehemaligen Osten, wo sich genau dies vollzog!
Stellt sich die Wahrheitsfrage in einer freien Gesellschaft überhaupt?
Im Westen kann man die Pilatusfrage „Was ist Wahrheit?“ kaum mehr ohne ironischen Unterton stellen: „Was ist denn schon Wahrheit“? Und doch kann man am Beispiel von Havels Leben sehen, zu welch furchtbarer Realität eine solche Frage werden kann. Wir scheinen völlig ungefährdet zu sein, wenn wir am Fernseher geruhsam die Geschehnisse in Syrien, Palästina, Iran, Afghanistan oder Nordkorea verfolgen. Denn es ist uns meist nicht bewußt, daß die Lüge, die Havel bekämpft hat, hier ganz andere, kaum identifizierbare Gesichter hat! Es gibt hier weniger Gewalt als Verführung, subtilste Verführung in allen Bereichen des immer wieder als frei bezeichneten Lebens.
Auch Václav Havel sah sich nach dem Sturz des Kommunismus mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert und sagte: „Solange wir um die Freiheit kämpfen mußten, kannten wir unser Ziel. Jetzt haben wir die Freiheit und wissen gar nicht mehr so genau, was wir wollen.“
Das ist eine fast schon westliche Erkenntnis, mit dem Unterschied, daß hier kaum mehr von „wir“ gesprochen werden kann. Dieses „Wir-Gefühl“ ist in dem berühmten westlichen Pluralismus abhanden gekommen, in einem Pluralismus, der allerdings Minderheiten sowie dem einzelnen in einer nie dagewesenen Form zugute kommt.
Umso wichtiger ist es für jeden Menschen, der diese momentane Freiheit genießt, für sich selbst die Wahrheitsfrage, die für jedes sinnerfüllte Leben fundamental ist, zu stellen. Die Tabuisierung einer solchen Frage ist in unserer Gesellschaft, die es „so herrlich weit gebracht“, ebenso bequem wie gefährlich. Denn auch die Freiheit kann kein einseitiger Konsumartikel sein. Sie muß immer wieder neu errungen werden, und das geschieht nur, wenn Verantwortung geübt wird. Verantwortung aber setzt voraus, daß wir ergründen, was wahr und was falsch ist. „In der Wahrheit leben“ – wie es Václav Havel propagiert hat – kann nur der, der sich ständig darum bemüht, die Wahrheit zu erringen.
Literatur:
(1) Siehe: Das Leben in der Wahrheit. In: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/zum-tode-von-vaclav-havel-das-leben-in-der-wahrheit-11570249.html
(2) Siehe: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/unterhaltung/buecher/index0,page=1145294.html
Autor: Dr. Christian Baur
