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Startseite›Themenbereiche›Kultur›„Wir Geistigen haben das Differenzieren zu üben“
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Hermann Hesse

„Wir Geistigen haben das Differenzieren zu üben“

Der deutsche Schriftsteller und Journalist Manfred Hausmann schrieb über Hermann Hesse, einen der weltweit meistgelesenen Dichter des 20. Jahrhunderts: Er war „der schwäbischen Heimat verhaftet und doch ein Weltbürger des Geistes, weich und sinnenhaft und doch ein Asket, ein Müßiggänger und Zeitvergeuder und doch unentwegt zur Arbeit bereit …“ Hesse hat in seinem kompromißlosen, mitunter einsamen Weg, seinem inneren Dämon – „Demian“ – zu folgen, die Leserschaft oft polarisiert.

Als der schwäbisch-schweizerische Dichter 1946 den Literaturnobelpreis erhielt, schrieb er wenig später über die Mission des Schriftstellers: „Wir haben die Aufgabe, den übernationalen Gedanken, den Gedanken der Einheit der Menschheit und ihrer Kultur, fördern zu helfen, und haben jedem Nationalismus Widerstand zu leisten. Wir Geistigen haben, allen Dampfwalzen und Normierungen zum Trotz, das Differenzieren zu üben und nicht das Verallgemeinern.“

Hesses „Differenzieren“ macht das Erleben zum Angelpunkt, nicht das Denken – dazu sei ein ebenso eindrucksvolles wie humorvolles Zitat gebracht. In „Der Kurgast“ aus dem Jahr 1925 schildert er den folgenden Dialog:

„‚Guten Tag‘“, sagte ein Kurgast, der Hesse auflauerte: „‚Sie sehen ja heute sehr vergnügt aus!‘

‚Gewiß, ich bin sehr vergnügt. Ich habe während des Mittagessens einige Wolken am Himmel ziehen sehen, und da ich bisher der Meinung gewesen war, diese Wolken seien bloß aus Papier und gehörten zur Saaldekoration, war ich nun sehr froh über die Entdeckung, daß es richtige und wirkliche Luft und Wolken waren. Sie sind vor meinen Augen davongeflogen, sie waren nicht numeriert, und an keiner hing ein Zettel mit dem Verkaufspreis. Sie können sich denken, wie froh ich darüber bin. Die Wirklichkeit existiert noch, mitten in Baden! Es ist wunderbar!‘

O wie wenig schön war das Gesicht, das der Herr zu meinen Worten machte! ‚So, so‘, sagte er so gedehnt, daß er eine Minute dazu brauchte. ‚Also, Sie haben geglaubt, es gebe keine Wirklichkeit mehr! Ja, wenn ich fragen darf, was verstehen Sie denn unter Wirklichkeit?‘

‚Oh‘, sagte ich, ‚das ist philosophisch eine komplizierte Frage. Aber praktisch kann ich sie ganz leicht beantworten. Unter Wirklichkeit, mein Herr, verstehe ich ziemlich genau dasselbe, was man sonst auch ‚Natur‘ nennt. Jedenfalls verstehe ich unter Wirklichkeit nicht das, was uns hier in Baden ständig umgibt; nicht Kur- und Krankengeschichten, nicht diese Rheumatismusromane und Gichtdramen, nicht Promenade und Kurkonzerte, Menus und Programme, nicht Bademeister und Kurgäste.‘

‚Wie, also auch die Kurgäste sind für Sie keine Wirklichkeit? Also zum Beispiel ich, der Mann, der mit Ihnen redet, soll keine Wirklichkeit sein?‘

‚Es tut mir leid, ich möchte Sie gewiß nicht verletzen, aber in der Tat sind Sie für mich ohne Wirklichkeit. Sie sind, so wie Sie sich mir darstellen, ohne jene überzeugenden Züge, die uns das Wahrgenommene zum Erlebten, das Geschehen zur Wirklichkeit machen. Sie existieren, mein Herr, das kann ich nicht bestreiten. Sie existieren aber auf einer Ebene, welche einer zeitlich-räumlichen Wirklichkeit ermangelt. Sie existieren, möchte ich sagen, auf einer Ebene des Papieres, des Geldes und Kredits, der Moral, der Gesetze, des Geistes, der Achtbarkeit, Sie sind ein Raum- und Zeitgenosse der Tugend, des kategorischen Imperativs und der Vernunft, und vielleicht sind Sie sogar mit dem Ding an sich oder mit dem Kapitalismus verwandt. Aber Sie haben nicht die Wirklichkeit, die mich bei jedem Stein oder Baum, bei jeder Kröte, bei jedem Vogel unmittelbar überzeugt. Ich kann Sie, mein Herr, bis ins Unermessene billigen, achten, ich kann Sie anzweifeln oder gelten lassen, aber es ist mir unmöglich, Sie zu erleben, es ist mir völlig unmöglich, Sie zu lieben. Sie teilen dies Schicksal mit Ihren Verwandten und werten Angehörigen, mit der Tugend, der Vernunft, dem kategorischen Imperativ und mit allen Idealen der Menschheit. Ihr seid großartig. Wir sind stolz auf Euch. Aber wirklich seid Ihr nicht.‘

Der Herr riß seine Augen sehr auf.

‚Wenn Sie nun aber zufällig meine Handfläche auf Ihrem Gesicht spüren sollten, wären Sie dann von meiner Wirklichkeit überzeugt?‘

‚Sollten Sie dies Experiment ausführen, so wäre es erstens Ihr Schade, denn ich bin kräftiger als Sie und bin im Augenblick wunderbar frei von allen moralischen Hemmungen; aber außerdem würden Sie auch durch den so freundlich angebotenen Beweis Ihr Ziel nicht erreichen […], mich von der Existenz einer Person und Seele bei Ihnen zu überzeugen.‘“

Nun, diese Geschichte mag sich nicht ganz genau so zugetragen haben, doch sie steht – trotz oder wegen ihrer Ironie – ganz für die Haltung Hesses. Gerade die Frage nach der Wirklichkeit ist eines seiner großen Themen.

Das Ringen um die „Wirklichkeit“

Wenn die deutsche Literaturkritik in den frühen 1960er Jahren den Dichter als „esoterischen Idylliker“ verunglimpfte, tat sie ihm bitter unrecht. Nicht weil sie wohl nicht ahnen konnte, daß Hesse mit „Siddharta“ und „Der Steppenwolf“ ausgerechnet Timothy Leary – dem Guru der amerikanischen Hippie-Bewegung – die Zauberformel zum psychedelischen Erlebnis gab, sondern da sie das Dämonische und Abgründige in diesem Dichter nicht sehen wollte. Denn dieses verführte ihn auch dazu, der Wirklichkeit mit Drogen zu begegnen. So sagt Harry Haller, die zentrale Gestalt im „Steppenwolf“ (1927): „… meine Träume hatten recht gehabt, tausendmal recht […] Das Leben aber, die Wirklichkeit, hatte unrecht.“

Harry Haller spielt auch mit der Idee eines Selbstmordes, den er letztlich nicht ausführt, anders als sein „Vorgänger“, der Beamte Friedrich Klein in „Klein und Wagner“ (1919). Am Beispiel dieses „Helden“ schildert Hesse das verfehlte Leben eines Bürgers und dessen Flucht vor Familie und Wohlanständigkeit nach Italien, mit unterschlagenem Geld, falschem Paß und Mordphantasien beladen. Seine enge und zugleich aus den Fugen geratene Gedankenwelt kommt nicht zur Ruhe, vermag sich begreiflicherweise auch durch ein südländisch-erotisches Abenteuer nicht zu weiten. So scheint allein das „Sich-fallen-Lassen“ in den Tod, das „sanfte“ Herabsinken im See „Erlösung“ zu bringen. Es wird verklärt wie der Liebestod in Richard Wagners „Tristan“. Was hilft es denn, wenn solcher Tod zugleich als Geburt, als Teil der „ewigen Kette der Geburten“ gesehen und wenn davon gesprochen wird, es sei „selig zu leben, […] selig zu sterben, sobald man allein im Weltraum“ hinge?

Erinnerungen an die Kindheit

Dies waren jedoch nicht die einzigen Wege, die Hesse in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der Zeit zu beschreiten versuchte, denn seine faustische Wandlungsfähigkeit – man erinnere sich an sein berühmtes Gedicht Stufen – bewahrte ihn davor, bei Drogen- und Selbstmordphantasien stehenzubleiben. An verschiedenen Wegmarken haben sich überdies seine Beziehung zur Natur und zu einer erfüllten Kindheit immer wieder Bahn gebrochen, gerade im mitunter schmerzlichen Selbstfindungsprozeß.

So schreibt er in „Kindheit des Zauberers“ (1945): „Ich war ein lebhafter und glücklicher Knabe, spielend mit der schönen farbigen Welt, überall zu Hause, nicht minder bei Tieren und Pflanzen wie im Urwald meiner eigenen Phantasie und Träume meiner Kräfte und Fähigkeiten froh, von meinen glühenden Wünschen mehr beglückt als verzehrt. […] Lange habe ich im Paradies gelebt, obwohl meine Eltern mich frühzeitig mit der Schlange bekannt machten. Lange dauerte mein Kindertraum, die Welt gehörte mir, alles war Gegenwart, alles stand zum schönen Spiel um mich geordnet. […] Lange lebte ich im Paradiese.“

In „Narziß und Goldmund“ (1930) wiederum ist zu lesen: „Du hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst.“

Daß die wunderbaren Erlebnisse der Kindheit, die unbewußte Erinnerung an das Paradies, verlorengehen, daß sie sogar verspielt werden können, läßt sich viel leichter darstellen – auch Hesse gibt reichlich Proben davon – als die Wiederentdeckung dessen, was einst verlorenging.

Der Weg aus dem Labyrinth der Seele

Wenn hier anhand einiger Werkzitate versucht wird, einen Weg zu schildern, der aus dem Labyrinth der Seele des Erwachsenen – ja des Menschen überhaupt – wieder herausführt, entspricht dies nicht der gesamten, durchgängigen Auffassung Hermann Hesses. Vielmehr sind dies Erkenntnis-Splitter, die der einzelne für sich finden oder auch nicht finden mag!

In dem Roman „Gertrud“ (1909) sind es die Musik und die Liebe, die den durch einen Unfall verkrüppelten Komponisten Kuhn auf seinem Weg zurück- und weiterführen. Bei der Aufführung seines Violin-Trios spürt er die Gegenwart des von ihm tief verehrten Fräulein Gertrud: „Zugleich mit dem Wohlgefühl und wachsenden Schwall der Töne trug und erhob mich ein verwundertes Glück darüber, daß ich nun so plötzlich wisse, was Liebe sei. Es war kein neues Gefühl, nur eine Klärung und Entscheidung uralter Ahnungen, Rückkehr in ein altes Vaterhaus.“ Im folgenden singt Gertrud die Sopranstimme in Kuhns neuen Kompositionen: „Sie sang mit einer hohen, vogelleichten, köstlich schwebenden Stimme, und es war das Schönste, was ich in meinem Leben gehört habe. In mich aber drang die Stimme wie der Südsturm in ein beschneites Tal, und jeder Ton zog eine Hülle von meinem Herzen, und während ich selig war und zu schweben meinte, mußte ich kämpfen und mich hart machen, denn die Tränen standen mir in den Augen und wollten mir die Noten verlöschen.“

Eine irdische Erfüllung war indes beiden versagt, und die Verzweiflung war bald auf seiner, bald auf ihrer Seite. In „Das Glasperlenspiel“ (1943) sagt Hesse: „Die Verzweiflung schickt uns Gott nicht, um uns zu töten, er schickt sie uns, um neues Leben in uns zu erwecken.“

Das Leben in uns zu erwecken und zu erkennen, ist sicher nicht die besondere Aufgabe der Dichtung und Literatur, es sollte der Wille eines jeden Menschen sein. Für Hesse ruht in der Tiefe der Seele die einzige Wirklichkeit, die er anerkennt. Es ist die „Wirklichkeit“ – wie er in „Demian“ (1919) formuliert –, „die wir in uns haben“. Es ist der Weg von innen nach außen, der heute weniger denn je selbstverständlich ist.

In „Siddhartha“ (1922) wird dazu der Rat gegeben: „Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, daß sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.“

Die Natur kann dem Menschen immer das höchste Gleichnis des frohen, ja kindlichen Einklangs mit der Schöpfung sein. So schreibt Hesse in „Das Glasperlenspiel“: „Sieh diese Wolkenlandschaft mit ihren Himmelsstreifen! Beim ersten Blick möchte man meinen, die Tiefe sei dort, wo es am dunkelsten ist, aber gleich nimmt man wahr, daß dieses Dunkle und Weiche nur die Wolken sind und daß der Weltraum mit seiner Tiefe erst an den Rändern und Fjorden dieser Wolkengebirge beginnt und ins Unendliche sinkt, darin die Sterne stehen, feierlich und für uns Menschen höchste Sinnbilder der Klarheit und Ordnung. Nicht dort ist die Tiefe der Welt und ihrer Geheimnisse, wo die Wolken und die Schwärze sind, die Tiefe ist im Klaren und Heiteren.“


Als der schwäbisch-schweizerische Dichter 1946 den Literaturnobelpreis erhielt, schrieb er wenig später über die Mission des Schriftstellers: „Wir haben die Aufgabe, den übernationalen Gedanken, den Gedanken der Einheit der Menschheit und ihrer Kultur, fördern zu helfen, und haben jedem Nationalismus Widerstand zu leisten. Wir Geistigen haben, allen Dampfwalzen und Normierungen zum Trotz, das Differenzieren zu üben und nicht das Verallgemeinern.“

Hesses „Differenzieren“ macht das Erleben zum Angelpunkt, nicht das Denken – dazu sei ein ebenso eindrucksvolles wie humorvolles Zitat gebracht. In „Der Kurgast“ aus dem Jahr 1925 schildert er den folgenden Dialog:

„‚Guten Tag‘“, sagte ein Kurgast, der Hesse auflauerte: „‚Sie sehen ja heute sehr vergnügt aus!‘

‚Gewiß, ich bin sehr vergnügt. Ich habe während des Mittagessens einige Wolken am Himmel ziehen sehen, und da ich bisher der Meinung gewesen war, diese Wolken seien bloß aus Papier und gehörten zur Saaldekoration, war ich nun sehr froh über die Entdeckung, daß es richtige und wirkliche Luft und Wolken waren. Sie sind vor meinen Augen davongeflogen, sie waren nicht numeriert, und an keiner hing ein Zettel mit dem Verkaufspreis. Sie können sich denken, wie froh ich darüber bin. Die Wirklichkeit existiert noch, mitten in Baden! Es ist wunderbar!‘

O wie wenig schön war das Gesicht, das der Herr zu meinen Worten machte! ‚So, so‘, sagte er so gedehnt, daß er eine Minute dazu brauchte. ‚Also, Sie haben geglaubt, es gebe keine Wirklichkeit mehr! Ja, wenn ich fragen darf, was verstehen Sie denn unter Wirklichkeit?‘

‚Oh‘, sagte ich, ‚das ist philosophisch eine komplizierte Frage. Aber praktisch kann ich sie ganz leicht beantworten. Unter Wirklichkeit, mein Herr, verstehe ich ziemlich genau dasselbe, was man sonst auch ‚Natur‘ nennt. Jedenfalls verstehe ich unter Wirklichkeit nicht das, was uns hier in Baden ständig umgibt; nicht Kur- und Krankengeschichten, nicht diese Rheumatismusromane und Gichtdramen, nicht Promenade und Kurkonzerte, Menus und Programme, nicht Bademeister und Kurgäste.‘

‚Wie, also auch die Kurgäste sind für Sie keine Wirklichkeit? Also zum Beispiel ich, der Mann, der mit Ihnen redet, soll keine Wirklichkeit sein?‘

‚Es tut mir leid, ich möchte Sie gewiß nicht verletzen, aber in der Tat sind Sie für mich ohne Wirklichkeit. Sie sind, so wie Sie sich mir darstellen, ohne jene überzeugenden Züge, die uns das Wahrgenommene zum Erlebten, das Geschehen zur Wirklichkeit machen. Sie existieren, mein Herr, das kann ich nicht bestreiten. Sie existieren aber auf einer Ebene, welche einer zeitlich-räumlichen Wirklichkeit ermangelt. Sie existieren, möchte ich sagen, auf einer Ebene des Papieres, des Geldes und Kredits, der Moral, der Gesetze, des Geistes, der Achtbarkeit, Sie sind ein Raum- und Zeitgenosse der Tugend, des kategorischen Imperativs und der Vernunft, und vielleicht sind Sie sogar mit dem Ding an sich oder mit dem Kapitalismus verwandt. Aber Sie haben nicht die Wirklichkeit, die mich bei jedem Stein oder Baum, bei jeder Kröte, bei jedem Vogel unmittelbar überzeugt. Ich kann Sie, mein Herr, bis ins Unermessene billigen, achten, ich kann Sie anzweifeln oder gelten lassen, aber es ist mir unmöglich, Sie zu erleben, es ist mir völlig unmöglich, Sie zu lieben. Sie teilen dies Schicksal mit Ihren Verwandten und werten Angehörigen, mit der Tugend, der Vernunft, dem kategorischen Imperativ und mit allen Idealen der Menschheit. Ihr seid großartig. Wir sind stolz auf Euch. Aber wirklich seid Ihr nicht.‘

Der Herr riß seine Augen sehr auf.

‚Wenn Sie nun aber zufällig meine Handfläche auf Ihrem Gesicht spüren sollten, wären Sie dann von meiner Wirklichkeit überzeugt?‘

‚Sollten Sie dies Experiment ausführen, so wäre es erstens Ihr Schade, denn ich bin kräftiger als Sie und bin im Augenblick wunderbar frei von allen moralischen Hemmungen; aber außerdem würden Sie auch durch den so freundlich angebotenen Beweis Ihr Ziel nicht erreichen […], mich von der Existenz einer Person und Seele bei Ihnen zu überzeugen.‘“

Nun, diese Geschichte mag sich nicht ganz genau so zugetragen haben, doch sie steht – trotz oder wegen ihrer Ironie – ganz für die Haltung Hesses. Gerade die Frage nach der Wirklichkeit ist eines seiner großen Themen.

Das Ringen um die „Wirklichkeit“

Wenn die deutsche Literaturkritik in den frühen 1960er Jahren den Dichter als „esoterischen Idylliker“ verunglimpfte, tat sie ihm bitter unrecht. Nicht weil sie wohl nicht ahnen konnte, daß Hesse mit „Siddharta“ und „Der Steppenwolf“ ausgerechnet Timothy Leary – dem Guru der amerikanischen Hippie-Bewegung – die Zauberformel zum psychedelischen Erlebnis gab, sondern da sie das Dämonische und Abgründige in diesem Dichter nicht sehen wollte. Denn dieses verführte ihn auch dazu, der Wirklichkeit mit Drogen zu begegnen. So sagt Harry Haller, die zentrale Gestalt im „Steppenwolf“ (1927): „… meine Träume hatten recht gehabt, tausendmal recht […] Das Leben aber, die Wirklichkeit, hatte unrecht.“

Harry Haller spielt auch mit der Idee eines Selbstmordes, den er letztlich nicht ausführt, anders als sein „Vorgänger“, der Beamte Friedrich Klein in „Klein und Wagner“ (1919). Am Beispiel dieses „Helden“ schildert Hesse das verfehlte Leben eines Bürgers und dessen Flucht vor Familie und Wohlanständigkeit nach Italien, mit unterschlagenem Geld, falschem Paß und Mordphantasien beladen. Seine enge und zugleich aus den Fugen geratene Gedankenwelt kommt nicht zur Ruhe, vermag sich begreiflicherweise auch durch ein südländisch-erotisches Abenteuer nicht zu weiten. So scheint allein das „Sich-fallen-Lassen“ in den Tod, das „sanfte“ Herabsinken im See „Erlösung“ zu bringen. Es wird verklärt wie der Liebestod in Richard Wagners „Tristan“. Was hilft es denn, wenn solcher Tod zugleich als Geburt, als Teil der „ewigen Kette der Geburten“ gesehen und wenn davon gesprochen wird, es sei „selig zu leben, […] selig zu sterben, sobald man allein im Weltraum“ hinge?

Erinnerungen an die Kindheit

Dies waren jedoch nicht die einzigen Wege, die Hesse in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der Zeit zu beschreiten versuchte, denn seine faustische Wandlungsfähigkeit – man erinnere sich an sein berühmtes Gedicht Stufen – bewahrte ihn davor, bei Drogen- und Selbstmordphantasien stehenzubleiben. An verschiedenen Wegmarken haben sich überdies seine Beziehung zur Natur und zu einer erfüllten Kindheit immer wieder Bahn gebrochen, gerade im mitunter schmerzlichen Selbstfindungsprozeß.

So schreibt er in „Kindheit des Zauberers“ (1945): „Ich war ein lebhafter und glücklicher Knabe, spielend mit der schönen farbigen Welt, überall zu Hause, nicht minder bei Tieren und Pflanzen wie im Urwald meiner eigenen Phantasie und Träume meiner Kräfte und Fähigkeiten froh, von meinen glühenden Wünschen mehr beglückt als verzehrt. […] Lange habe ich im Paradies gelebt, obwohl meine Eltern mich frühzeitig mit der Schlange bekannt machten. Lange dauerte mein Kindertraum, die Welt gehörte mir, alles war Gegenwart, alles stand zum schönen Spiel um mich geordnet. […] Lange lebte ich im Paradiese.“

In „Narziß und Goldmund“ (1930) wiederum ist zu lesen: „Du hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst.“

Daß die wunderbaren Erlebnisse der Kindheit, die unbewußte Erinnerung an das Paradies, verlorengehen, daß sie sogar verspielt werden können, läßt sich viel leichter darstellen – auch Hesse gibt reichlich Proben davon – als die Wiederentdeckung dessen, was einst verlorenging.

Der Weg aus dem Labyrinth der Seele

Wenn hier anhand einiger Werkzitate versucht wird, einen Weg zu schildern, der aus dem Labyrinth der Seele des Erwachsenen – ja des Menschen überhaupt – wieder herausführt, entspricht dies nicht der gesamten, durchgängigen Auffassung Hermann Hesses. Vielmehr sind dies Erkenntnis-Splitter, die der einzelne für sich finden oder auch nicht finden mag!

In dem Roman „Gertrud“ (1909) sind es die Musik und die Liebe, die den durch einen Unfall verkrüppelten Komponisten Kuhn auf seinem Weg zurück- und weiterführen. Bei der Aufführung seines Violin-Trios spürt er die Gegenwart des von ihm tief verehrten Fräulein Gertrud: „Zugleich mit dem Wohlgefühl und wachsenden Schwall der Töne trug und erhob mich ein verwundertes Glück darüber, daß ich nun so plötzlich wisse, was Liebe sei. Es war kein neues Gefühl, nur eine Klärung und Entscheidung uralter Ahnungen, Rückkehr in ein altes Vaterhaus.“ Im folgenden singt Gertrud die Sopranstimme in Kuhns neuen Kompositionen: „Sie sang mit einer hohen, vogelleichten, köstlich schwebenden Stimme, und es war das Schönste, was ich in meinem Leben gehört habe. In mich aber drang die Stimme wie der Südsturm in ein beschneites Tal, und jeder Ton zog eine Hülle von meinem Herzen, und während ich selig war und zu schweben meinte, mußte ich kämpfen und mich hart machen, denn die Tränen standen mir in den Augen und wollten mir die Noten verlöschen.“

Eine irdische Erfüllung war indes beiden versagt, und die Verzweiflung war bald auf seiner, bald auf ihrer Seite. In „Das Glasperlenspiel“ (1943) sagt Hesse: „Die Verzweiflung schickt uns Gott nicht, um uns zu töten, er schickt sie uns, um neues Leben in uns zu erwecken.“

Das Leben in uns zu erwecken und zu erkennen, ist sicher nicht die besondere Aufgabe der Dichtung und Literatur, es sollte der Wille eines jeden Menschen sein. Für Hesse ruht in der Tiefe der Seele die einzige Wirklichkeit, die er anerkennt. Es ist die „Wirklichkeit“ – wie er in „Demian“ (1919) formuliert –, „die wir in uns haben“. Es ist der Weg von innen nach außen, der heute weniger denn je selbstverständlich ist.

In „Siddhartha“ (1922) wird dazu der Rat gegeben: „Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, daß sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben.“

Die Natur kann dem Menschen immer das höchste Gleichnis des frohen, ja kindlichen Einklangs mit der Schöpfung sein. So schreibt Hesse in „Das Glasperlenspiel“: „Sieh diese Wolkenlandschaft mit ihren Himmelsstreifen! Beim ersten Blick möchte man meinen, die Tiefe sei dort, wo es am dunkelsten ist, aber gleich nimmt man wahr, daß dieses Dunkle und Weiche nur die Wolken sind und daß der Weltraum mit seiner Tiefe erst an den Rändern und Fjorden dieser Wolkengebirge beginnt und ins Unendliche sinkt, darin die Sterne stehen, feierlich und für uns Menschen höchste Sinnbilder der Klarheit und Ordnung. Nicht dort ist die Tiefe der Welt und ihrer Geheimnisse, wo die Wolken und die Schwärze sind, die Tiefe ist im Klaren und Heiteren.“



Autor: Dr. Christian Baur

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