Paul Klee
„Tatort Gehirn“ – Schwarze Blitze
Im großen Oeuvre des bedeutenden Malers, Graphikers und Bauhauslehrers Paul Klee (1879–1940) gibt es in den Jahren 1918 bis 1927 eine Reihe von außergewöhnlichen Bildern, die um das Thema „Blitz“ kreisen. Es werden darin Inhalte vermittelt, die zum Nachdenken anregen und sich mit den Forschungsergebnissen von Neurologen in Verbindung bringen lassen.
Vom „Erlebnis in den Lechauen“ bis zum „Physiognomischen Blitz“
Eingeleitet werden die Darstellungen von Blitzen durch das Bild „Erlebnis in den Lechauen“ (1) von 1918. Hier wird eine skizzenhaft angelegte Wiesenlandschaft mit Vögeln und einer Schlange gezeigt, die von roten und schwarzen Zackenlinien – von Blitzen – durchzogen ist. Offenbar handelt es sich um das Erlebnis eines Gewitters, dessen Kraft hier durch dunkle „Blitze“ anschaulich gemacht wird.
Zu einer wesentlich klareren, konzentrierteren Gestaltung kommt das Thema 1922 in dem Bild „Betroffener Ort“ (2). Hier dringt ein „grauer Blitz“ diagonal durch waagrechte, transparente Schichtungen ein, wird senkrecht nach unten gelenkt, drückt als schwarzer, schwerer Pfeil auf das „Kartenhaus“ eines Orts und zerstreut in tieferen Ebenen zeichenhafte Häuser, Türme und menschliche Figuren. Der Titel „Betroffener Ort“ ist durchaus nachvollziehbar.
Dieses Thema wird 1927 im Bild „Gebannter Blitz“ (3) nochmals abgewandelt. Dort fährt ein gezackter schwarzer Blitz „vom Himmel“ und trifft wieder auf ein „Kartenhaus“. Doch hier ist es nicht ein einfacher Ort, sondern eher eine Ansammlung von technischen Vorrichtungen des Menschen. Eigentlich kommt der Blitz nicht vom Himmel, sondern er ist merkwürdig erstarrt, „gebannt“ und könnte auch als Straße nach oben genützt werden. In der Tat hat ein Männchen – es sieht aus wie ein Hampelmann – mit roten Leitern den „Blitz“ erklommen und balanciert oberhalb des Blitzes triumphierend darüber, mit einer weißen Fahne das obere Ende – oder den Beginn – der Zackenlinie markierend.
Der Blitz ist hier kein Phänomen der Natur mehr, sondern scheint – in einem bestimmten Ausmaß – vom Menschen erzeugt und in der Folge sein „Spielzeug“ zu sein! Die Technik soll die Natur beherrschen, und alles ist doch so labil und zerbrechlich wie in dem Bild. Diese Darstellung erinnert an das Bild „Grenzen des Verstandes“ (4), ebenfalls von 1927. Hier handelt es sich allerdings nicht um einen gemalten Blitz, sondern um eine labile Konstruktion von Leitern, die zu einem Gestirn hinaufführen – zu einer roten Sonne oder zum Mars (?) – und dieses nicht erreichen. Die Leitern beginnen an einem Ort, der wie ein geometrischer Kopf gestaltet ist. Die Vergeblichkeit rein intellektueller Erkenntnis wird dadurch sinnfällig.
Ganz dem Menschen zugeordnet, ihn selbst betreffend, ja ihn zu einem Betroffenen machend, erscheint das schwarze Zackenband in dem Bild „Physiognomischer Blitz“ (5), ebenfalls von 1927. Hier wird nicht mehr mit dem Blitz „gespielt“, vielmehr durchschneidet dieser schicksalhaft das eigene Bild des Menschen. Der Blitz ist ortlos, kommt nicht „vom Himmel“, sondern beginnt am oberen Rand des kreisrunden Gesichts – oder ist es ein Mond, also ein Phänomen der mitbetroffenen Natur (?) – und tritt im Bereich der Kinnpartie wieder aus. Hier drängt sich die Assoziation des Gedankenblitzes auf. Ein solcher Blitz vermag offenbar nicht zu erleuchten, sondern erlischt rasch, ins Dunkle gebannt. Er mag aus einem Denken kommen, das seine selbstzerstörerische Kraft erweist.
Tatort Gehirn ?
Könnte Paul Klees Werk die Illustration zu dem Titel eines Buches sein, das zwei Neuro-logen „Tatort Gehirn“ genannt und 2007 publiziert haben? Die Autoren, der Hirnforscher Hans J. Markowitsch und der Diplom-Biologe Werner Siefer, haben in ihrer Arbeit die Ergebnisse der Suche nach dem Ursprung des Verbrechens zusammengetragen. Sie kommen zu dem Schluß, daß bei anomalen Verbrechern meist Schädigungen im Stirnhirn (präfrontaler Cortex) und des Mandelkerns (Amygdala) vorliegen. Das heißt, rein körperliche Ursachen wären den jeweiligen Verbrechen zugrunde zu legen und könnten diese letztlich entschuldigen.
Wenn wir Paul Klees Werk noch einmal betrachten, so gibt es hier nur eine scheinbare Übereinstimmung mit dem reißerischen Buchtitel! Die dunklen Kräfte, die bei Klee das Gesicht zerspalten und ein seitlich zu erfassendes hartes Profil ergeben, sind nicht per se „verbrecherisch“. Es geht in dem Bild von Klee nicht um den genetischen Abdruck der Physiognomie eines Verbrechers. Vielmehr zeigt der dunkle Blitz, der das Menschenantlitz spaltet, die dunklen Kräfte im Menschen, die nicht einen anderen treffen, sondern in erster Linie ihn selbst und damit seine Harmonie empfindlich beeinträchtigen. Sie spiegeln sich in der Natur – hier im Mond – und erinnern daran, daß der Mensch auch nur gegebene Kräfte verwenden kann.
Das schwarze Zackenband – der Blitz – steht im harten Gegensatz zu dem sensiblen Antlitz des Menschen, und der Schritt ist nicht weit, das Denken für die Störung verantwortlich zu machen. Die gesamte linke Gesichtshälfte – vom Betrachter aus rechts – ist im Bild durch den „Blitz“ aus dem Lot gebracht, insbesondere das linke Auge, das blaß und gerändert erscheint. Es wird von oben durch ein halbrundes Ding durchbohrt, als wäre ein Augenlid oder eine Augenbraue verrutscht und richte sich gegen das Auge selbst. Wenn man weiß, wie stark Augen und Gehirn miteinander verbunden sind, mag es mehr als ein Zufall sein, daß sich die Störung vor allem links ausdrückt, auf der Seite des Gehirns, die für das analytische Denken verantwortlich ist. So ist es vor allem dieses Denken, das im Konflikt zu den sensiblen Empfindungskräften steht.
Jenseits des Buchtitels kann tatsächlich – in allgemeiner Form – von einem „Tatort Gehirn“ gesprochen werden. Denn der Mensch hat sich angewöhnt, sein Denken falsch einzusetzen, es gegen das Leben zu setzen, gegen den Einsatz seiner Herzenskräfte. Die Grenzen des Verstandes sind weit überschritten worden, und der Mensch muß darum ringen, zur Harmonie mit sich selbst und der Natur zurückzukehren!
Wenn Paul Klee sagt: „Der Glückliche, das ist ein halber Idiot, dem alles gedeiht und Früchte trägt“ (6), so hat er sehr wohl die Vorteile gesehen, die der genießen kann, der kaum mit intellektuellen Gaben ausgestattet ist. Doch daraus zu schließen, man müsse nur „dumm“ genug sein, um keine Probleme mit sich und der Welt zu haben, das hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es geht darum, die Hypertrophie des Intellekts kritisch zu sehen und einzudämmen, um nach und nach zu einem gesunden Gleichgewicht der Kräfte des Verstandes und der der Empfindung zu gelangen. Doch die notwendige Korrektur darf keinesfalls allein vom Kopf ausgehen. Es sind die Lebenserfahrungen, die – richtig verarbeitet – mit der Zeit einen Ausgleich mit den emotionalen Fähigkeiten des Menschen herbeiführen. So betrachtet, ist Klees „Physiognomischer Blitz“ ein ganz hervorragendes intuitives Denkbild zum Umdenken.
(2) http://www.kunstkopie.de/kunst/paul_klee_11025/Betroffener-Ort.jpg
(3) http://www.albertina.at/jart/prj3/albertina/images/img-db/1215680358606.jpeg
(4) http://www.kunstkopie.de/kunst/paul_klee_11025/klee_grenzen_verstand.jpg
(5) http://www.kunstkopie.de/kunst/paul_klee_11025/Physiognomischer_Blitz_Klee.jpg
Vom „Erlebnis in den Lechauen“ bis zum „Physiognomischen Blitz“
Eingeleitet werden die Darstellungen von Blitzen durch das Bild „Erlebnis in den Lechauen“ (1) von 1918. Hier wird eine skizzenhaft angelegte Wiesenlandschaft mit Vögeln und einer Schlange gezeigt, die von roten und schwarzen Zackenlinien – von Blitzen – durchzogen ist. Offenbar handelt es sich um das Erlebnis eines Gewitters, dessen Kraft hier durch dunkle „Blitze“ anschaulich gemacht wird.
Zu einer wesentlich klareren, konzentrierteren Gestaltung kommt das Thema 1922 in dem Bild „Betroffener Ort“ (2). Hier dringt ein „grauer Blitz“ diagonal durch waagrechte, transparente Schichtungen ein, wird senkrecht nach unten gelenkt, drückt als schwarzer, schwerer Pfeil auf das „Kartenhaus“ eines Orts und zerstreut in tieferen Ebenen zeichenhafte Häuser, Türme und menschliche Figuren. Der Titel „Betroffener Ort“ ist durchaus nachvollziehbar.
Dieses Thema wird 1927 im Bild „Gebannter Blitz“ (3) nochmals abgewandelt. Dort fährt ein gezackter schwarzer Blitz „vom Himmel“ und trifft wieder auf ein „Kartenhaus“. Doch hier ist es nicht ein einfacher Ort, sondern eher eine Ansammlung von technischen Vorrichtungen des Menschen. Eigentlich kommt der Blitz nicht vom Himmel, sondern er ist merkwürdig erstarrt, „gebannt“ und könnte auch als Straße nach oben genützt werden. In der Tat hat ein Männchen – es sieht aus wie ein Hampelmann – mit roten Leitern den „Blitz“ erklommen und balanciert oberhalb des Blitzes triumphierend darüber, mit einer weißen Fahne das obere Ende – oder den Beginn – der Zackenlinie markierend.
Der Blitz ist hier kein Phänomen der Natur mehr, sondern scheint – in einem bestimmten Ausmaß – vom Menschen erzeugt und in der Folge sein „Spielzeug“ zu sein! Die Technik soll die Natur beherrschen, und alles ist doch so labil und zerbrechlich wie in dem Bild. Diese Darstellung erinnert an das Bild „Grenzen des Verstandes“ (4), ebenfalls von 1927. Hier handelt es sich allerdings nicht um einen gemalten Blitz, sondern um eine labile Konstruktion von Leitern, die zu einem Gestirn hinaufführen – zu einer roten Sonne oder zum Mars (?) – und dieses nicht erreichen. Die Leitern beginnen an einem Ort, der wie ein geometrischer Kopf gestaltet ist. Die Vergeblichkeit rein intellektueller Erkenntnis wird dadurch sinnfällig.
Ganz dem Menschen zugeordnet, ihn selbst betreffend, ja ihn zu einem Betroffenen machend, erscheint das schwarze Zackenband in dem Bild „Physiognomischer Blitz“ (5), ebenfalls von 1927. Hier wird nicht mehr mit dem Blitz „gespielt“, vielmehr durchschneidet dieser schicksalhaft das eigene Bild des Menschen. Der Blitz ist ortlos, kommt nicht „vom Himmel“, sondern beginnt am oberen Rand des kreisrunden Gesichts – oder ist es ein Mond, also ein Phänomen der mitbetroffenen Natur (?) – und tritt im Bereich der Kinnpartie wieder aus. Hier drängt sich die Assoziation des Gedankenblitzes auf. Ein solcher Blitz vermag offenbar nicht zu erleuchten, sondern erlischt rasch, ins Dunkle gebannt. Er mag aus einem Denken kommen, das seine selbstzerstörerische Kraft erweist.
Tatort Gehirn ?
Könnte Paul Klees Werk die Illustration zu dem Titel eines Buches sein, das zwei Neuro-logen „Tatort Gehirn“ genannt und 2007 publiziert haben? Die Autoren, der Hirnforscher Hans J. Markowitsch und der Diplom-Biologe Werner Siefer, haben in ihrer Arbeit die Ergebnisse der Suche nach dem Ursprung des Verbrechens zusammengetragen. Sie kommen zu dem Schluß, daß bei anomalen Verbrechern meist Schädigungen im Stirnhirn (präfrontaler Cortex) und des Mandelkerns (Amygdala) vorliegen. Das heißt, rein körperliche Ursachen wären den jeweiligen Verbrechen zugrunde zu legen und könnten diese letztlich entschuldigen.
Wenn wir Paul Klees Werk noch einmal betrachten, so gibt es hier nur eine scheinbare Übereinstimmung mit dem reißerischen Buchtitel! Die dunklen Kräfte, die bei Klee das Gesicht zerspalten und ein seitlich zu erfassendes hartes Profil ergeben, sind nicht per se „verbrecherisch“. Es geht in dem Bild von Klee nicht um den genetischen Abdruck der Physiognomie eines Verbrechers. Vielmehr zeigt der dunkle Blitz, der das Menschenantlitz spaltet, die dunklen Kräfte im Menschen, die nicht einen anderen treffen, sondern in erster Linie ihn selbst und damit seine Harmonie empfindlich beeinträchtigen. Sie spiegeln sich in der Natur – hier im Mond – und erinnern daran, daß der Mensch auch nur gegebene Kräfte verwenden kann.
Das schwarze Zackenband – der Blitz – steht im harten Gegensatz zu dem sensiblen Antlitz des Menschen, und der Schritt ist nicht weit, das Denken für die Störung verantwortlich zu machen. Die gesamte linke Gesichtshälfte – vom Betrachter aus rechts – ist im Bild durch den „Blitz“ aus dem Lot gebracht, insbesondere das linke Auge, das blaß und gerändert erscheint. Es wird von oben durch ein halbrundes Ding durchbohrt, als wäre ein Augenlid oder eine Augenbraue verrutscht und richte sich gegen das Auge selbst. Wenn man weiß, wie stark Augen und Gehirn miteinander verbunden sind, mag es mehr als ein Zufall sein, daß sich die Störung vor allem links ausdrückt, auf der Seite des Gehirns, die für das analytische Denken verantwortlich ist. So ist es vor allem dieses Denken, das im Konflikt zu den sensiblen Empfindungskräften steht.
Jenseits des Buchtitels kann tatsächlich – in allgemeiner Form – von einem „Tatort Gehirn“ gesprochen werden. Denn der Mensch hat sich angewöhnt, sein Denken falsch einzusetzen, es gegen das Leben zu setzen, gegen den Einsatz seiner Herzenskräfte. Die Grenzen des Verstandes sind weit überschritten worden, und der Mensch muß darum ringen, zur Harmonie mit sich selbst und der Natur zurückzukehren!
Wenn Paul Klee sagt: „Der Glückliche, das ist ein halber Idiot, dem alles gedeiht und Früchte trägt“ (6), so hat er sehr wohl die Vorteile gesehen, die der genießen kann, der kaum mit intellektuellen Gaben ausgestattet ist. Doch daraus zu schließen, man müsse nur „dumm“ genug sein, um keine Probleme mit sich und der Welt zu haben, das hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es geht darum, die Hypertrophie des Intellekts kritisch zu sehen und einzudämmen, um nach und nach zu einem gesunden Gleichgewicht der Kräfte des Verstandes und der der Empfindung zu gelangen. Doch die notwendige Korrektur darf keinesfalls allein vom Kopf ausgehen. Es sind die Lebenserfahrungen, die – richtig verarbeitet – mit der Zeit einen Ausgleich mit den emotionalen Fähigkeiten des Menschen herbeiführen. So betrachtet, ist Klees „Physiognomischer Blitz“ ein ganz hervorragendes intuitives Denkbild zum Umdenken.
(2) http://www.kunstkopie.de/kunst/paul_klee_11025/Betroffener-Ort.jpg
(3) http://www.albertina.at/jart/prj3/albertina/images/img-db/1215680358606.jpeg
(4) http://www.kunstkopie.de/kunst/paul_klee_11025/klee_grenzen_verstand.jpg
(5) http://www.kunstkopie.de/kunst/paul_klee_11025/Physiognomischer_Blitz_Klee.jpg
Autor: Dr. Christian Baur
