Leonard Elschenbroich
Ein Leben mit der Musik
Spätestens seit dem grandiosen Erfolg beim Schleswig-Holstein-Festival 2009 mit dem Brahms-Doppelkonzert an der Seite von Anne-Sophie Mutter und dem Dirigenten Christoph Eschenbach, bei dem er mit dem Leonard-Bernstein-Award ausgezeichnet wurde, gehört der 25jährige Leonard Elschenbroich zu den bedeutendsten Cellisten. Manfred Grietens traf ihn zum Gespräch.
Die Entscheidung, ein Leben der Musik zu widmen, wird von vielen Hochbegabten meist früh gefällt und dann mit Entschiedenheit verfolgt, doch wird nicht jeder Karrieretraum zu einer Traumkarriere! Hohe Motivation, Bereitschaft zur Anstrengung, Übefleiß, innere Stabilität und ein starkes Nervenkostüm sind gleichfalls wichtige Voraussetzungen, um sich als Solist auf internationalem Parkett zu behaupten und ständig weiterzuentwickeln – nicht nur die musikalische Begabung allein genügt! 1985 in Frankfurt geboren, nahm Leonard Elschenbroich im Alter von 10 Jahren ein Stipendium an der „Yehudi Menuhin School“ in London auf. Er spielte bereits mehr als 100 Konzerte in England, ist seit 2008 ein Fellow der Royal Academy of Music und wurde zuvor auch Preisträger des Borletti Buitoni Trust. Mit Sicherheit wird man von diesem jungen Künstler in Zukunft noch viel hören … im wahrsten Sinne des Wortes!
GralsWelt: Herr Elschenbroich, Sie wurden und werden als „Wunderkind“ und „Ausnahmetalent“ bestaunt. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Künstler?
Elschenbroich: Nicht nur eine Hochbegabung, sondern jede menschliche Gabe ist ein Geschenk an die Gesellschaft, an die Menschheit, und mit der Begabung kommt meist auch das Bedürfnis, sie mit anderen zu teilen. Viele Begabungen lassen sich nicht sofort in einem bestimmten Beruf festlegen; das zeigt sich dann erst im Laufe des Lebens. Auch wenn ich weiß, daß ich ausschließlich in der klassischen Musik bleiben werde, so gibt es doch viele Wege, die ich später gehen könnte – Solist, Kammermusiker, Dirigent, Lehrer? Meine Aufgabe ist es, den Weg zu finden, den ich am besten gehen kann, um mit der Welt die Begabung am besten zu teilen. Musik existiert überhaupt nur zwischen dem, der sie schreibt, dem, der sie spielt, dem, der sie hört. Sie gehört allen dreien gleichermaßen.
GralsWelt: Groß sind die Anforderungen, die ein Genie an sich selbst zu stellen hat, denn einfach nur Talent zu haben, bedeutet nichts! Erst der Fleiß, die Disziplin, das tägliche Üben ermöglichen es, daß Fähigkeiten sich entwickeln und halten können! Was beflügelt Ihr Wollen, was gibt Ihnen die Kraft, diese hohen Anforderungen zu erfüllen?
Elschenbroich: Es ist die unbeschreibliche Freude über ein gelungenes Konzert. Als Solist muß man tatsächlich einiges opfern und hat nicht viel Freiheit im Leben. Zwar reist man viel, hat keinen regulären Arbeitstag, aber man muß immer sehr viel Zeit investieren – ich zumindest -, um ein einigermaßen zufriedenstellendes Konzert zu geben. Aber die Bedeutung und die existentielle Befriedigung und Erfüllung eines guten Konzerts heiligt alle Mittel. Die schönsten Erfahrungen, die schönsten Wochen, der größte Genuß – alles wäre wertlos, wenn am Ende dabei nur ein schlechtes Konzert herauskäme.
GralsWelt: In der klassischen Musik steht die Interpretation einer Komposition im Vordergrund – im Gegensatz zum Improvisieren. Wie gehen Sie als Interpret an das Werk eines Komponisten heran?
Elschenbroich: In der Niederschrift der klassischen Musik gibt es eine implizite Dimension, die man zuerst erforschen muß. Vor jeglicher Interpretation und metaphorischer Einsicht muß zuerst das Gerüst der Komposition analysiert werden – vertikal und horizontal. Habe ich dieses Gerüst dann entschlüsselt und schließlich auch verinnerlicht, nehme ich mir als Interpret relativ viel Freiheit. Einige Musiker schrecken davor zurück, viel zu analysieren und glauben, dadurch ihre Spontaneität zu verlieren, andere wiederum klammern sich an die „Werktreue“. Ich meine, die Treue zum Werk liegt im Erspüren seines geistigen Inhaltes, und nicht in der Ausführung der einzelnen Noten.
GralsWelt: Sie sind als Künstler viel unterwegs und geben weltweit Konzerte. Bemerken Sie Unterschiede beim Publikum im Zugang zur Musik?
Elschenbroich: Es gibt Unterschiede zwischen Nationen und Kontinenten, aber oft sind diese kleiner als die Unterschiede zwischen den Konzertsälen oder den einzelnen Anlässen. Es gibt verschiedene Muster beim Klatschen, aber das ist nur oberflächlich. Dagegen bemerke ich als Musiker sehr genau die Art, wie das Publikum zuhört, die Stimmung, ob es wirklich mitgeht und dabei ist, ob es sich auf die Musik einläßt, oder auch, ob es die Musik „versteht“, oder das von sich behauptet. Viele Leute im Publikum ärgern sich, wenn einige zwischen den Sätzen anfangen zu klatschen. Dieses Sichärgern dauert dann häufig länger als der kurze Applaus. Ich freue mich eher darüber und denke mir, daß ich heute ein neues Publikum gewonnen habe. Besonders gerne spiele ich in Italien; dort habe ich immer den Eindruck, daß ein Konzert ein mit viel Aufregung verbundener Anlaß ist – nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Organisatoren und das Orchester. Das Publikum dort ist sehr großzügig und wunderbar gefühlvoll. Das wohl gebildetste Publikum ist in Deutschland. Das ist eine große Herausforderung.
GralsWelt: In den Künsten sind für die Menschheit teilweise unschätzbare geistige Werte verborgen. Was möchten Sie mit Ihrem Spielen den Menschen grundlegend vermitteln?
Elschenbroich: Diese „geistigen Werte“ basieren mehr oder weniger auf menschlichen Erfahrungen, die nun auf abstrahierte und metaphorische Weise in der Kunst ausgedrückt werden. So geht es mir und wohl allen Künstlern, daß wir eben diese Botschaft nicht in Worte fassen können, sonst müßten wir sie ja nicht durch die Kunst ausdrücken. Musik ist dabei die abstrakteste Kunstform, und ihr Inhalt wäre wohl am schwersten in Worten zu binden. Meine ganze Begabung, freigesetzt in diese Welt, fließt mit allen Erkenntnissen und Erfahrungen, die ich habe, in die Musik, die ich spiele. Zwar ist mir als Interpret der kreative Rahmen bedeutend enger gesetzt als dem Komponisten, aber dadurch wird nicht meine Kreativität eingeschränkt, meine Ausdruckstiefe. In dieser Weise also reiche ich als Interpret auf künstlerischem Wege meine Lebenseinsichten an das Publikum, das diese wiederum subjektiv für sich interpretiert und vielleicht gerade aufgrund dieser Subjektivität dabei in der Musik eigene Einsichten wiederfindet oder etwas völlig Neues entdeckt.
GralsWelt: Was wünschen Sie dem Publikum, den Künstlern und sich selbst für die Zukunft?
Elschenbroich: Hauptsächlich Geduld und Zeit. Klassische Musik erfordert viel Geduld und Zeit. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß sie aus einer Zeit stammt, in der von beidem noch mehr vorhanden war, aber hauptsächlich liegt es an der Komplexität und Tiefe dieser Musik. In den letzten Jahrzehnten ist alles immer schneller und ungeduldiger geworden. Dazu kommt das Konzept des Multi-Tasking und die ständige Gleichzeitigkeit. Welche Stelle findet da die klassische Musik? Eine Mahler-Sinfonie benötigt eine Stunde intensives Zuhören, ohne Ablenkung. Die technische Entwicklung der Menschheit ist der biologischen weit voraus, und diese Diskrepanz wird ständig größer. Ich bin aber überzeugt, daß der Mensch sich danach sehnt, dem Rhythmus des Körpers hin und wieder zu gehorchen, und so wie er den einen oder anderen Spaziergang im Park macht, wird der Mensch auch das eine oder andere Konzert am Abend hören wollen. Man muß die Menschen das nur verstehen lassen.
GralsWelt: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute für ein glückliches und erfolgreiches Leben mit der Musik!
Die Entscheidung, ein Leben der Musik zu widmen, wird von vielen Hochbegabten meist früh gefällt und dann mit Entschiedenheit verfolgt, doch wird nicht jeder Karrieretraum zu einer Traumkarriere! Hohe Motivation, Bereitschaft zur Anstrengung, Übefleiß, innere Stabilität und ein starkes Nervenkostüm sind gleichfalls wichtige Voraussetzungen, um sich als Solist auf internationalem Parkett zu behaupten und ständig weiterzuentwickeln – nicht nur die musikalische Begabung allein genügt! 1985 in Frankfurt geboren, nahm Leonard Elschenbroich im Alter von 10 Jahren ein Stipendium an der „Yehudi Menuhin School“ in London auf. Er spielte bereits mehr als 100 Konzerte in England, ist seit 2008 ein Fellow der Royal Academy of Music und wurde zuvor auch Preisträger des Borletti Buitoni Trust. Mit Sicherheit wird man von diesem jungen Künstler in Zukunft noch viel hören … im wahrsten Sinne des Wortes!
GralsWelt: Herr Elschenbroich, Sie wurden und werden als „Wunderkind“ und „Ausnahmetalent“ bestaunt. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Künstler?
Elschenbroich: Nicht nur eine Hochbegabung, sondern jede menschliche Gabe ist ein Geschenk an die Gesellschaft, an die Menschheit, und mit der Begabung kommt meist auch das Bedürfnis, sie mit anderen zu teilen. Viele Begabungen lassen sich nicht sofort in einem bestimmten Beruf festlegen; das zeigt sich dann erst im Laufe des Lebens. Auch wenn ich weiß, daß ich ausschließlich in der klassischen Musik bleiben werde, so gibt es doch viele Wege, die ich später gehen könnte – Solist, Kammermusiker, Dirigent, Lehrer? Meine Aufgabe ist es, den Weg zu finden, den ich am besten gehen kann, um mit der Welt die Begabung am besten zu teilen. Musik existiert überhaupt nur zwischen dem, der sie schreibt, dem, der sie spielt, dem, der sie hört. Sie gehört allen dreien gleichermaßen.
GralsWelt: Groß sind die Anforderungen, die ein Genie an sich selbst zu stellen hat, denn einfach nur Talent zu haben, bedeutet nichts! Erst der Fleiß, die Disziplin, das tägliche Üben ermöglichen es, daß Fähigkeiten sich entwickeln und halten können! Was beflügelt Ihr Wollen, was gibt Ihnen die Kraft, diese hohen Anforderungen zu erfüllen?
Elschenbroich: Es ist die unbeschreibliche Freude über ein gelungenes Konzert. Als Solist muß man tatsächlich einiges opfern und hat nicht viel Freiheit im Leben. Zwar reist man viel, hat keinen regulären Arbeitstag, aber man muß immer sehr viel Zeit investieren – ich zumindest -, um ein einigermaßen zufriedenstellendes Konzert zu geben. Aber die Bedeutung und die existentielle Befriedigung und Erfüllung eines guten Konzerts heiligt alle Mittel. Die schönsten Erfahrungen, die schönsten Wochen, der größte Genuß – alles wäre wertlos, wenn am Ende dabei nur ein schlechtes Konzert herauskäme.
GralsWelt: In der klassischen Musik steht die Interpretation einer Komposition im Vordergrund – im Gegensatz zum Improvisieren. Wie gehen Sie als Interpret an das Werk eines Komponisten heran?
Elschenbroich: In der Niederschrift der klassischen Musik gibt es eine implizite Dimension, die man zuerst erforschen muß. Vor jeglicher Interpretation und metaphorischer Einsicht muß zuerst das Gerüst der Komposition analysiert werden – vertikal und horizontal. Habe ich dieses Gerüst dann entschlüsselt und schließlich auch verinnerlicht, nehme ich mir als Interpret relativ viel Freiheit. Einige Musiker schrecken davor zurück, viel zu analysieren und glauben, dadurch ihre Spontaneität zu verlieren, andere wiederum klammern sich an die „Werktreue“. Ich meine, die Treue zum Werk liegt im Erspüren seines geistigen Inhaltes, und nicht in der Ausführung der einzelnen Noten.
GralsWelt: Sie sind als Künstler viel unterwegs und geben weltweit Konzerte. Bemerken Sie Unterschiede beim Publikum im Zugang zur Musik?
Elschenbroich: Es gibt Unterschiede zwischen Nationen und Kontinenten, aber oft sind diese kleiner als die Unterschiede zwischen den Konzertsälen oder den einzelnen Anlässen. Es gibt verschiedene Muster beim Klatschen, aber das ist nur oberflächlich. Dagegen bemerke ich als Musiker sehr genau die Art, wie das Publikum zuhört, die Stimmung, ob es wirklich mitgeht und dabei ist, ob es sich auf die Musik einläßt, oder auch, ob es die Musik „versteht“, oder das von sich behauptet. Viele Leute im Publikum ärgern sich, wenn einige zwischen den Sätzen anfangen zu klatschen. Dieses Sichärgern dauert dann häufig länger als der kurze Applaus. Ich freue mich eher darüber und denke mir, daß ich heute ein neues Publikum gewonnen habe. Besonders gerne spiele ich in Italien; dort habe ich immer den Eindruck, daß ein Konzert ein mit viel Aufregung verbundener Anlaß ist – nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Organisatoren und das Orchester. Das Publikum dort ist sehr großzügig und wunderbar gefühlvoll. Das wohl gebildetste Publikum ist in Deutschland. Das ist eine große Herausforderung.
GralsWelt: In den Künsten sind für die Menschheit teilweise unschätzbare geistige Werte verborgen. Was möchten Sie mit Ihrem Spielen den Menschen grundlegend vermitteln?
Elschenbroich: Diese „geistigen Werte“ basieren mehr oder weniger auf menschlichen Erfahrungen, die nun auf abstrahierte und metaphorische Weise in der Kunst ausgedrückt werden. So geht es mir und wohl allen Künstlern, daß wir eben diese Botschaft nicht in Worte fassen können, sonst müßten wir sie ja nicht durch die Kunst ausdrücken. Musik ist dabei die abstrakteste Kunstform, und ihr Inhalt wäre wohl am schwersten in Worten zu binden. Meine ganze Begabung, freigesetzt in diese Welt, fließt mit allen Erkenntnissen und Erfahrungen, die ich habe, in die Musik, die ich spiele. Zwar ist mir als Interpret der kreative Rahmen bedeutend enger gesetzt als dem Komponisten, aber dadurch wird nicht meine Kreativität eingeschränkt, meine Ausdruckstiefe. In dieser Weise also reiche ich als Interpret auf künstlerischem Wege meine Lebenseinsichten an das Publikum, das diese wiederum subjektiv für sich interpretiert und vielleicht gerade aufgrund dieser Subjektivität dabei in der Musik eigene Einsichten wiederfindet oder etwas völlig Neues entdeckt.
GralsWelt: Was wünschen Sie dem Publikum, den Künstlern und sich selbst für die Zukunft?
Elschenbroich: Hauptsächlich Geduld und Zeit. Klassische Musik erfordert viel Geduld und Zeit. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß sie aus einer Zeit stammt, in der von beidem noch mehr vorhanden war, aber hauptsächlich liegt es an der Komplexität und Tiefe dieser Musik. In den letzten Jahrzehnten ist alles immer schneller und ungeduldiger geworden. Dazu kommt das Konzept des Multi-Tasking und die ständige Gleichzeitigkeit. Welche Stelle findet da die klassische Musik? Eine Mahler-Sinfonie benötigt eine Stunde intensives Zuhören, ohne Ablenkung. Die technische Entwicklung der Menschheit ist der biologischen weit voraus, und diese Diskrepanz wird ständig größer. Ich bin aber überzeugt, daß der Mensch sich danach sehnt, dem Rhythmus des Körpers hin und wieder zu gehorchen, und so wie er den einen oder anderen Spaziergang im Park macht, wird der Mensch auch das eine oder andere Konzert am Abend hören wollen. Man muß die Menschen das nur verstehen lassen.
GralsWelt: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute für ein glückliches und erfolgreiches Leben mit der Musik!
Autor: Manfred Grietens
