Katharer
Die Tragödie von Montségur
Im Süden Frankreichs spielte im 13. Jahrhundert mit den „Albigenser Kriegen“ ein beispielloses Drama: Es endete im Untergang der Katharer.
Historische Irrtümer
Wer auf dem Weg ins südfranzösische Pyrenäenland an Narbonne vorbeifährt, den überrascht an der Seite der Autobahn ein ungewöhnliches Kunstwerk: Mitten auf grünem Hügel stehen hohe, aus starken, runden Zementblöcken aufgebaute, kriegerische Figuren mit steinernem Schild und Helm. Sie blicken aus düsterem Visier-Schlitz auf den Reisenden und weit hinein ins Land. Eine Info-Tafel erklärt das Ganze als „Chevaliers Cathares", als Katharer-Ritter also.
Die Junker wirken eindrucksvoll, aber können das Katharer sein? Das waren doch keine Kriegshelden, sondern friedliebende, gleichwohl verfolgte religiöse Sonderlinge des hohen Mittelalters, die den Gral hüteten und für ihn starben? So sehen viele das Bild der Katharer.
Sie folgen damit – bewußt oder unbewußt – den Ansichten des deutschen Journalisten und Schriftstellers Otto Rahn, der 1933 ein Buch mit dem Titel „Kreuzzug gegen den Gral" veröffentlichte. Es ist faszinierend geschrieben und erzählt die Katharergeschichte quasi als einen Roman vom Gral, der auf verschlungenen Wegen in die Hand der Katharer kam, von diesen als besonderer Schatz gehütet und verteidigt wurde. In der Nacht vor dem Untergang Montségurs, dem rettenden Zufluchtsort der „Ketzer", soll eine Handvoll todesmutiger Katharer den Gral gerettet und an bis heute verborgener Stelle in Sicherheit gebracht haben ...
Otto Rahn war 1930 nach Ussat-les-Bains (Pyrenäen) gereist und hatte am Schicksalsort der Katharer, rund um den Montségur, für seine Idee recherchiert. Die Begeisterung für die Katharer hatte sein Religionslehrer ihm eingepflanzt, er selbst verknüpfte ihr Schicksal mit den mittelalterlichen Grals-Dichtungen, und er fand nun bei einer Pariser Theosophengruppe sowie in dem Toulouser Privatgelehrten Maurice Magre Gesinnungsgenossen. Auch der Katharerforscher Déodat Roché, Anhänger von Rudolf Steiner, vertrat diese Idee, befreundete sich mit O. Rahn und unterstützte ihn intensiv.
„Der Führer" und sein „Okkultist" Himmler wollten in der Wewelsburg, nahe Paderborn, ein (ideologisches) Zentrum der braunen Bewegung einrichten, für viele eine "Ordens- und Gralsburg".
Die ihrer Religion so unbeirrt treuen Katharer mit dem Gral zu verknüpfen, machte für die Franzosen Sinn – hatten doch die französischen Gralsromane von Chrétien de Troyes oder von Robert de Boron (denen später in Deutschland Wolfram von Eschenbachs „Parzivâl" folgte) ziemlich zur selben Zeit ihre Hochkonjunktur gehabt, wie die Verfolgung der Katharer im Süden Frankreichs sich zur Tragödie auszuwachsen begann. Konnte nicht das eine mit dem anderen zu tun gehabt haben?
So präsentierte Otto Rahn in seinem „Kreuzzug gegen den Gral" ohne weiteres die Katharer als Gralshüter (Gralsritter) und die Pyrenäen-Festung Montségur … als Modell für Wolfram von Eschenbachs Gralsburg im „Parzivâl"! Doch – um es vorwegzunehmen – diese Theorie ist unhaltbar. Wolframs "Parzivâl"-Handschrift lag bereits zwischen 1203 und 1205 abgeschlossen vor (was heute außer Zweifel steht), während der Montségur erst nach seiner Eroberung 1244, d.h. nach der oder durch die Katharertragödie berühmt geworden ist. Vor dieser Zeit war die Burg Montségur nichts weiter als eine unter vielen anderen Pyrenäenfestungen und konnte in den fernen deutschen Landen Wolfram von Eschenbach nicht bekannt sein, als er den „Parzivâl" schrieb.
Davon abgesehen hatte Otto Rahns „Kreuzzug" sowohl in Frankreich (schon 1934 lag dort die Übersetzung vor) als auch in Deutschland einen Riesenerfolg! In Deutschland um so mehr, als dort der Nationalsozialismus zum Durchbruch gekommen war. „Der Führer" und sein „Okkultist" Himmler wollten in der Wewelsburg, nahe Paderborn, ein (ideologisches) Zentrum der braunen Bewegung einrichten, für viele eine „Ordens- und Gralsburg".
Die „SS" hatte hier das Sagen. Dieser war Otto Rahn mittlerweile beigetreten (SS-Untersturmführer), er arbeitete auch auf der Wewelsburg, und sein Buch über die Katharer und den Gral kam der „Bewegung" wie gerufen. Hier war die Ersatzreligion fürs Volk! Durch Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel Parsifal" hatte der Gral im allgemeinen Bewußtsein ohnehin schon einen hohen Bedeutungsrang, und jetzt waren Rahns Darstellungen im „Kreuzzug gegen den Gral" genau das Richtige, um den Mythos zum neuen religiösen Inbegriff hochzustilisieren.
Ein kritisches Wort aus der Zeit „danach" sagt, O. Rahn sei der "Gralsjäger" seiner Dienstherren gewesen, das ist vielleicht überpointiert, aber auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Himmler hat ihn durchaus und nachweislich gefördert.
Daß Rahn möglicherweise als Opfer des Regimes starb, ändert nichts an der Wirkung seines Buchs. Und die war nun einmal günstig für bestimmte Tendenzen, zeichneten sich doch die todesmutigen und todesbereiten Katharer in Rahns Schriften (dem „Kreuzzug gegen den Gral" folgte 1938 „Luzifers Hofgesind") in einem solchen Sinne aus, daß sie zur „Herrenrasse" gerechnet werden und als Vorbilder gelten konnten.
Auch die Literaturwissenschaft jener Zeit übernahm Rahns Thesen betreffend Wolfram, Gralsburg und „Parzivâl"; das wirkte lange nach. Und noch hartnäckiger halten sich die historisierenden und/oder romantisierenden Romane und Darstellungen, die die Katharer als „Gralshüter" beschreiben. Vorschub gibt solchen Spekulationen der historische Fakt, daß in der Nacht vor dem Fall von Montségur eine kühne Aktion stattfand, um über die Steilhänge herab etwas in Sicherheit zu bringen. Was war es? Der Geldschatz der „Ketzerkirche" war schon früher herausgebracht worden – was war es dann? Der "Gral" sicher nicht. Aber vielleicht wertvolle Schriftsachen aus der frühen christlichen Tradition der Katharer …?
Nach dem 2. Weltkrieg konnte die Katharerforschung verschüttete, z.T. neue Quellen, Selbstdarstellungen und Dokumente der „Ketzer" freilegen, und heute zeichnet sich ein klareres und deutlicheres Bild des Katharismus (nicht nur in Südfrankreich) ab: Die „Katharer" (gr. "katharoi" = die Reinen) kamen mit ihrer Religion um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert auch in das Gebiet des heutigen Languedoc bzw. in das damals politisch selbständige „Occitan", wo es ihnen zunächst recht gut erging.
Mehrere Kirchenkonzile zur Bekämpfung des Ketzertums in Frankreich bewirkten in Okzitanien nicht viel, kaum jemand störte es, wie die Katharer ihre eigene Vorstellung vom Christentum umsetzten bzw. ihre Religion ausübten.
Im Gegenteil gaben die Katharer durch ihre asketische Lebensweise und ihre am Jenseits orientierte Weltsicht ein vorteilhaft es Bild ab im Vergleich zu einem auf Freudenleben, Geld und Macht gerichteten katholischen Klerus und den daraus folgen- den Mißständen für Kirche und Gesellschaft. So tolerierte, ja, akzeptierte man die Katharer im Volk ebenso wie in den Adelskreisen. Außerdem war ihre Meisterschaft als Weber – ein Handwerk, das sie bevorzugt ausübten – im Lande hochgeschätzt.
Spaltungen im Glauben hat es von Beginn der „christlichen" Geschichte an gegeben, und wer ihnen anhing, war ein Häretiker, von griech. „hairesis" = "Wahl, Auswahl". Im 2. Jahrhundert z.B. bezeichneten die Kirchenväter Justin und Tertullian jene, die eine bruchlose Weitergabe des Evangeliums (wie es die Kirche behauptete) bestritten, als Häretiker, weil sie eine von der Orthodoxie, also dem rechten Glauben abweichende Meinung gewählt hatten. Im 3./4. Jahrhundert hatte ein Häretiker schon nicht mehr „gewählt", sondern er war nun ein Abgefallener, der angeklagt, strafverfolgt und zum Tode verurteilt wurde.
Die Katharer galten als solche Häretiker und zudem als „Gnostiker" (von gr. „gnosis" = Wissen). Ein Gnostiker erkennt Wahrheit und Wissen nicht in einem allgemein gültigen Lehrgebäude, sondern über einen individuellen Erkenntnisweg, der das Leibliche, das Materielle hinter sich läßt und in eine höhere, geistige Welt führt. Gnostische Vorstellungen vertrat man z.B. in der Gemeinde von Korinth, und das führte dazu, daß man sich den Gottessohn Jesus nicht in einer leiblichen Realität vorstellen wollte – ein Gedanke, gegen den Paulus einschritt. Und den man bei den „Katharern" wiederfindet!
Wie sich überhaupt die religiösen Wurzeln des Katharismus in einem Labyrinth vielfältiger Einflüsse im Ur- oder Früh-Christentums verlieren und auch in die Lehren christlich- theologischer Denker des 2. und 3. christlichen Jahrhunderts hineinreichen. Dazu gehören z.B. Origenes (Griechenland/Palästina ca. 185-253) und der dem Buddhismus und Zoroastrismus verbundene Mani (Babylonien/Persien/Indien ca. 215-277), deren Wiedergeburtsgedanken bei den Katharern ähnlich zu finden sind.
Die Studien der Historiker anhand der Protokolle zu den Inquisitionsprozessen im Süden Frankreichs sowie der überlieferten Katharer- Schriften haben u.a. ergeben, daß die Katharer sich selbst nur „gute Christen", „gute Menschen" und vor allem „Freunde Gottes" nannten. Ihre Religion war im Laufe der Zeit, vermutlich von den christlichen Gemeinden Kleinasiens ausgehend, über Rumänien und Bulgarien ins westliche Abendland vorgestoßen und hatte sich dort – mit einem Zweig über Oberitalien bis Südfrankreich und einem anderen über Deutschland, Nord-/Mittelfrankreich bis nach England – überall in Europa verbreitet.
In Bulgarien hießen die Katharer „Bogomilen", was von (slawonisch) „bogomil" abgeleitet ist und "Freund Gottes" bedeutet. Sie standen in naher Beziehung zu den „Freunden Gottes" im Languedoc. Und man nimmt an, daß Niketas von Konstantinopel, Pope der Bogomilen, zugleich auch Oberhaupt der Katharerkirche in Frankreich war.
Wenn wir übrigens heute gemeinhin von „Katharern" sprechen mit der Sinngebung von „die Reinen", meinen wir das als eine Art Ehrentitel für die grausam verfolgten „guten Christen". Unbewußt fallen wir damit aber einem historischen Irrtum zum Opfer. Denn der Begriff "Katharer" war zu ihrer Zeit diskriminierend gemeint!
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts hatten französische und deutsche Kleriker begonnen, in ihren Streitschriften die „Freunde Gottes" schmähend als „die Reinen" (= cathari, cathares) zu bezeichnen: Sie hätten mit ihrem Anspruch, ein reines oder gereinigtes Christentum zu vertreten, auf Satan gehört und sich von der katholischen Kirche getrennt. Die so Bescholtenen nannten sich selbst keineswegs „die Reinen" und ihrer Überzeugung zufolge konnten sie auch keinen Erdgeborenen für „rein" halten. Dennoch blieb dieser Begriff an ihnen hängen und stempelte die „guten Christen" zu Häretikern und Ketzern. Unser deutsches Wort „Ketzer" ist ja denn auch von "cathari" abgeleitet.
Auch der Begriff „Vollkommene" als ein anderer Name für die Katharer ist inhaltlich in ähnlicher Weise verdreht. Es wäre keinem Gläubigen der Katharerkirche und schon gar nicht einem ihrer Priester je eingefallen, sich als „vollkommen" zu bezeichnen. Waren sie doch überzeugt, als Unfertige hier auf Erden zu leben.
Auch hier erklärt sich der Verständnis-Irrtum aus dem Usus der verfolgenden Kirche: Für sie wurde ein Anhänger der Katharerkirche durch den Empfang des „Consolamentum" (des einzigen Sakraments der Katharerkirche) zum „haereticus perfectus", d.h. zum vollkommenen Häretiker. Nur in diesem Sinne also war ein Katharer ein „Vollkommener".
Genaugenommen bringen wir mit dem üblichen Gebrauch der Begriffe, und ohne deren Sinn-Zusammenhang zu berücksichtigen, noch heute die „Freunde Gottes" und ihre Religion unbewußt in Mißkredit. Es zeigt, wie tief wirksam damals eine Menschengruppe verketzert wurde, um dann von Christen ihres anders-christlichen Glaubens wegen regelrecht vernichtet zu werden. Das Katharerland präsentiert sich heute als sehr beliebtes Touristenziel, man tut auch viel dafür. ...
Historische Irrtümer
Wer auf dem Weg ins südfranzösische Pyrenäenland an Narbonne vorbeifährt, den überrascht an der Seite der Autobahn ein ungewöhnliches Kunstwerk: Mitten auf grünem Hügel stehen hohe, aus starken, runden Zementblöcken aufgebaute, kriegerische Figuren mit steinernem Schild und Helm. Sie blicken aus düsterem Visier-Schlitz auf den Reisenden und weit hinein ins Land. Eine Info-Tafel erklärt das Ganze als „Chevaliers Cathares", als Katharer-Ritter also.
Die Junker wirken eindrucksvoll, aber können das Katharer sein? Das waren doch keine Kriegshelden, sondern friedliebende, gleichwohl verfolgte religiöse Sonderlinge des hohen Mittelalters, die den Gral hüteten und für ihn starben? So sehen viele das Bild der Katharer.
Sie folgen damit – bewußt oder unbewußt – den Ansichten des deutschen Journalisten und Schriftstellers Otto Rahn, der 1933 ein Buch mit dem Titel „Kreuzzug gegen den Gral" veröffentlichte. Es ist faszinierend geschrieben und erzählt die Katharergeschichte quasi als einen Roman vom Gral, der auf verschlungenen Wegen in die Hand der Katharer kam, von diesen als besonderer Schatz gehütet und verteidigt wurde. In der Nacht vor dem Untergang Montségurs, dem rettenden Zufluchtsort der „Ketzer", soll eine Handvoll todesmutiger Katharer den Gral gerettet und an bis heute verborgener Stelle in Sicherheit gebracht haben ...
Otto Rahn war 1930 nach Ussat-les-Bains (Pyrenäen) gereist und hatte am Schicksalsort der Katharer, rund um den Montségur, für seine Idee recherchiert. Die Begeisterung für die Katharer hatte sein Religionslehrer ihm eingepflanzt, er selbst verknüpfte ihr Schicksal mit den mittelalterlichen Grals-Dichtungen, und er fand nun bei einer Pariser Theosophengruppe sowie in dem Toulouser Privatgelehrten Maurice Magre Gesinnungsgenossen. Auch der Katharerforscher Déodat Roché, Anhänger von Rudolf Steiner, vertrat diese Idee, befreundete sich mit O. Rahn und unterstützte ihn intensiv.
„Der Führer" und sein „Okkultist" Himmler wollten in der Wewelsburg, nahe Paderborn, ein (ideologisches) Zentrum der braunen Bewegung einrichten, für viele eine "Ordens- und Gralsburg".
Die ihrer Religion so unbeirrt treuen Katharer mit dem Gral zu verknüpfen, machte für die Franzosen Sinn – hatten doch die französischen Gralsromane von Chrétien de Troyes oder von Robert de Boron (denen später in Deutschland Wolfram von Eschenbachs „Parzivâl" folgte) ziemlich zur selben Zeit ihre Hochkonjunktur gehabt, wie die Verfolgung der Katharer im Süden Frankreichs sich zur Tragödie auszuwachsen begann. Konnte nicht das eine mit dem anderen zu tun gehabt haben?
So präsentierte Otto Rahn in seinem „Kreuzzug gegen den Gral" ohne weiteres die Katharer als Gralshüter (Gralsritter) und die Pyrenäen-Festung Montségur … als Modell für Wolfram von Eschenbachs Gralsburg im „Parzivâl"! Doch – um es vorwegzunehmen – diese Theorie ist unhaltbar. Wolframs "Parzivâl"-Handschrift lag bereits zwischen 1203 und 1205 abgeschlossen vor (was heute außer Zweifel steht), während der Montségur erst nach seiner Eroberung 1244, d.h. nach der oder durch die Katharertragödie berühmt geworden ist. Vor dieser Zeit war die Burg Montségur nichts weiter als eine unter vielen anderen Pyrenäenfestungen und konnte in den fernen deutschen Landen Wolfram von Eschenbach nicht bekannt sein, als er den „Parzivâl" schrieb.
Davon abgesehen hatte Otto Rahns „Kreuzzug" sowohl in Frankreich (schon 1934 lag dort die Übersetzung vor) als auch in Deutschland einen Riesenerfolg! In Deutschland um so mehr, als dort der Nationalsozialismus zum Durchbruch gekommen war. „Der Führer" und sein „Okkultist" Himmler wollten in der Wewelsburg, nahe Paderborn, ein (ideologisches) Zentrum der braunen Bewegung einrichten, für viele eine „Ordens- und Gralsburg".
Die „SS" hatte hier das Sagen. Dieser war Otto Rahn mittlerweile beigetreten (SS-Untersturmführer), er arbeitete auch auf der Wewelsburg, und sein Buch über die Katharer und den Gral kam der „Bewegung" wie gerufen. Hier war die Ersatzreligion fürs Volk! Durch Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel Parsifal" hatte der Gral im allgemeinen Bewußtsein ohnehin schon einen hohen Bedeutungsrang, und jetzt waren Rahns Darstellungen im „Kreuzzug gegen den Gral" genau das Richtige, um den Mythos zum neuen religiösen Inbegriff hochzustilisieren.
Ein kritisches Wort aus der Zeit „danach" sagt, O. Rahn sei der "Gralsjäger" seiner Dienstherren gewesen, das ist vielleicht überpointiert, aber auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Himmler hat ihn durchaus und nachweislich gefördert.
Daß Rahn möglicherweise als Opfer des Regimes starb, ändert nichts an der Wirkung seines Buchs. Und die war nun einmal günstig für bestimmte Tendenzen, zeichneten sich doch die todesmutigen und todesbereiten Katharer in Rahns Schriften (dem „Kreuzzug gegen den Gral" folgte 1938 „Luzifers Hofgesind") in einem solchen Sinne aus, daß sie zur „Herrenrasse" gerechnet werden und als Vorbilder gelten konnten.
Auch die Literaturwissenschaft jener Zeit übernahm Rahns Thesen betreffend Wolfram, Gralsburg und „Parzivâl"; das wirkte lange nach. Und noch hartnäckiger halten sich die historisierenden und/oder romantisierenden Romane und Darstellungen, die die Katharer als „Gralshüter" beschreiben. Vorschub gibt solchen Spekulationen der historische Fakt, daß in der Nacht vor dem Fall von Montségur eine kühne Aktion stattfand, um über die Steilhänge herab etwas in Sicherheit zu bringen. Was war es? Der Geldschatz der „Ketzerkirche" war schon früher herausgebracht worden – was war es dann? Der "Gral" sicher nicht. Aber vielleicht wertvolle Schriftsachen aus der frühen christlichen Tradition der Katharer …?
Nach dem 2. Weltkrieg konnte die Katharerforschung verschüttete, z.T. neue Quellen, Selbstdarstellungen und Dokumente der „Ketzer" freilegen, und heute zeichnet sich ein klareres und deutlicheres Bild des Katharismus (nicht nur in Südfrankreich) ab: Die „Katharer" (gr. "katharoi" = die Reinen) kamen mit ihrer Religion um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert auch in das Gebiet des heutigen Languedoc bzw. in das damals politisch selbständige „Occitan", wo es ihnen zunächst recht gut erging.
Mehrere Kirchenkonzile zur Bekämpfung des Ketzertums in Frankreich bewirkten in Okzitanien nicht viel, kaum jemand störte es, wie die Katharer ihre eigene Vorstellung vom Christentum umsetzten bzw. ihre Religion ausübten.
Im Gegenteil gaben die Katharer durch ihre asketische Lebensweise und ihre am Jenseits orientierte Weltsicht ein vorteilhaft es Bild ab im Vergleich zu einem auf Freudenleben, Geld und Macht gerichteten katholischen Klerus und den daraus folgen- den Mißständen für Kirche und Gesellschaft. So tolerierte, ja, akzeptierte man die Katharer im Volk ebenso wie in den Adelskreisen. Außerdem war ihre Meisterschaft als Weber – ein Handwerk, das sie bevorzugt ausübten – im Lande hochgeschätzt.
Spaltungen im Glauben hat es von Beginn der „christlichen" Geschichte an gegeben, und wer ihnen anhing, war ein Häretiker, von griech. „hairesis" = "Wahl, Auswahl". Im 2. Jahrhundert z.B. bezeichneten die Kirchenväter Justin und Tertullian jene, die eine bruchlose Weitergabe des Evangeliums (wie es die Kirche behauptete) bestritten, als Häretiker, weil sie eine von der Orthodoxie, also dem rechten Glauben abweichende Meinung gewählt hatten. Im 3./4. Jahrhundert hatte ein Häretiker schon nicht mehr „gewählt", sondern er war nun ein Abgefallener, der angeklagt, strafverfolgt und zum Tode verurteilt wurde.
Die Katharer galten als solche Häretiker und zudem als „Gnostiker" (von gr. „gnosis" = Wissen). Ein Gnostiker erkennt Wahrheit und Wissen nicht in einem allgemein gültigen Lehrgebäude, sondern über einen individuellen Erkenntnisweg, der das Leibliche, das Materielle hinter sich läßt und in eine höhere, geistige Welt führt. Gnostische Vorstellungen vertrat man z.B. in der Gemeinde von Korinth, und das führte dazu, daß man sich den Gottessohn Jesus nicht in einer leiblichen Realität vorstellen wollte – ein Gedanke, gegen den Paulus einschritt. Und den man bei den „Katharern" wiederfindet!
Wie sich überhaupt die religiösen Wurzeln des Katharismus in einem Labyrinth vielfältiger Einflüsse im Ur- oder Früh-Christentums verlieren und auch in die Lehren christlich- theologischer Denker des 2. und 3. christlichen Jahrhunderts hineinreichen. Dazu gehören z.B. Origenes (Griechenland/Palästina ca. 185-253) und der dem Buddhismus und Zoroastrismus verbundene Mani (Babylonien/Persien/Indien ca. 215-277), deren Wiedergeburtsgedanken bei den Katharern ähnlich zu finden sind.
Die Studien der Historiker anhand der Protokolle zu den Inquisitionsprozessen im Süden Frankreichs sowie der überlieferten Katharer- Schriften haben u.a. ergeben, daß die Katharer sich selbst nur „gute Christen", „gute Menschen" und vor allem „Freunde Gottes" nannten. Ihre Religion war im Laufe der Zeit, vermutlich von den christlichen Gemeinden Kleinasiens ausgehend, über Rumänien und Bulgarien ins westliche Abendland vorgestoßen und hatte sich dort – mit einem Zweig über Oberitalien bis Südfrankreich und einem anderen über Deutschland, Nord-/Mittelfrankreich bis nach England – überall in Europa verbreitet.
In Bulgarien hießen die Katharer „Bogomilen", was von (slawonisch) „bogomil" abgeleitet ist und "Freund Gottes" bedeutet. Sie standen in naher Beziehung zu den „Freunden Gottes" im Languedoc. Und man nimmt an, daß Niketas von Konstantinopel, Pope der Bogomilen, zugleich auch Oberhaupt der Katharerkirche in Frankreich war.
Wenn wir übrigens heute gemeinhin von „Katharern" sprechen mit der Sinngebung von „die Reinen", meinen wir das als eine Art Ehrentitel für die grausam verfolgten „guten Christen". Unbewußt fallen wir damit aber einem historischen Irrtum zum Opfer. Denn der Begriff "Katharer" war zu ihrer Zeit diskriminierend gemeint!
Gegen Ende des 12. Jahrhunderts hatten französische und deutsche Kleriker begonnen, in ihren Streitschriften die „Freunde Gottes" schmähend als „die Reinen" (= cathari, cathares) zu bezeichnen: Sie hätten mit ihrem Anspruch, ein reines oder gereinigtes Christentum zu vertreten, auf Satan gehört und sich von der katholischen Kirche getrennt. Die so Bescholtenen nannten sich selbst keineswegs „die Reinen" und ihrer Überzeugung zufolge konnten sie auch keinen Erdgeborenen für „rein" halten. Dennoch blieb dieser Begriff an ihnen hängen und stempelte die „guten Christen" zu Häretikern und Ketzern. Unser deutsches Wort „Ketzer" ist ja denn auch von "cathari" abgeleitet.
Auch der Begriff „Vollkommene" als ein anderer Name für die Katharer ist inhaltlich in ähnlicher Weise verdreht. Es wäre keinem Gläubigen der Katharerkirche und schon gar nicht einem ihrer Priester je eingefallen, sich als „vollkommen" zu bezeichnen. Waren sie doch überzeugt, als Unfertige hier auf Erden zu leben.
Auch hier erklärt sich der Verständnis-Irrtum aus dem Usus der verfolgenden Kirche: Für sie wurde ein Anhänger der Katharerkirche durch den Empfang des „Consolamentum" (des einzigen Sakraments der Katharerkirche) zum „haereticus perfectus", d.h. zum vollkommenen Häretiker. Nur in diesem Sinne also war ein Katharer ein „Vollkommener".
Genaugenommen bringen wir mit dem üblichen Gebrauch der Begriffe, und ohne deren Sinn-Zusammenhang zu berücksichtigen, noch heute die „Freunde Gottes" und ihre Religion unbewußt in Mißkredit. Es zeigt, wie tief wirksam damals eine Menschengruppe verketzert wurde, um dann von Christen ihres anders-christlichen Glaubens wegen regelrecht vernichtet zu werden. Das Katharerland präsentiert sich heute als sehr beliebtes Touristenziel, man tut auch viel dafür. ...
Historische Irrtümer
Könnten die Troubadoure, die dort und anderswo Station machten, vielleicht auch vom Ritter „Perceval" auf dem Weg zum „Graal" gesungen haben? Und könnte also tatsächlich das Occitan jener Zeit eine Schnittstelle zwischen Gralsmythos und Katharismus gewesen sein? Überlegungen, die nur wenig Ankergrund finden. So ist zum Beispiel zwar die Versform der französischen „Romane" im 12. Jh. der Liedform der provenzalischen Troubadoure ähnlich, aber das läßt keine zwingenden Schlüsse auf eine Berührung des französischen Gralsromans mit dem Katharismus in Südfrankreich zu.
Auch lebten und schrieben die Verfasser der großen französischen Gralsepen wie Robert de Boron oder Chrétiens de Troyes im weit nördlicheren Frankreich oder in Flandern, und ob ihre „Chansons de Graal" im Languedoc der Katharerzeit überhaupt wirkungsvolle Verbreitung fanden, ist für Literaturhistoriker nicht gesichert.
Kommt hinzu: Im „Katharerland", im Languedoc, war das Okzitanische Landessprache (übrigens bis ins 16. Jh. hinein) und nicht das höfische Französisch von Paris wie in den Gralsepen. Und noch etwas: Nirgends in den Schriften der Katharer und auch nicht in den Protokollen ihrer Inquisitionsprozesse taucht je das Wort „Gral" auf, obwohl die „Ketzer" sonst detailliert über ihre Religion, Kult und Gebräuche auf Befragung (ob „peinlich" oder nicht) stolz und wahrheitsgemäß Auskunft zu geben pflegten. Sie fürchteten weder Folter noch Tod.
Aus ihrem Weltverständnis heraus bedeutete der Weg ins bessere Jenseits ja Erlösung und nicht Bedrohung. Wäre der Gral für sie etwas von besonderer Bedeutung gewesen, sie hätten von ihm ohne Scheu und Furcht bekennend gesprochen, selbst im Bewußtsein des Risikos von Folter und Tod. Und so stellt der profunde Katharerforscher Michel Roquebert in seinem Buch „Les Cathares et le Graal" zusammenfassend fest: „Von einem Widerhall auf den Gralsmythos findet man in der Theologie, der Moralvorstellung und in der Lithurgie der Katharer nichts. Keinerlei Verknüpfung, aber auch keinen weiterführenden Hinweis im Sinne einer Lehrmeinung oder einer religiösen Praktik, die sich aus dem Auftreten der literarischen Mythe am Ende des 12. Jahrhunderts erklären könnte."
Das läßt nach den wichtigsten Koordinaten der Katharerreligion fragen: In ihrer Mitte stand allein das Gotteswort der Christusbotschaft, allein das Neue Testament der Bibel, und hier besonders Evangelium und Offenbarung des Johannes. Nach der Lehre der Katharer kam der Gottessohn zur Erde, um die Menschen durch seine Botschaft zu retten, aber nicht, um durch seinen Kreuzestod ihre Schuldenlast zu übernehmen. Jesu Leidensgeschichte sahen sie zwar als historische Tatsache, aber sie glaubten ihn in einem „übernatürlichen Leib".
Er war für sie also nicht wirklich Mensch und ist am Kreuze nicht wirklich gestorben. Daher anerkannten die Katharer auch nicht das Leidenskreuz des Sühnetodes und setzten dagegen das alte Symbol der Wahrheit, das gleichschenkelige Kreuz. Auch die Wunder Jesu deuteten sie rein symbolisch und spirituell. Die Kommunion und Eucharistie verwarfen sie als Götzenanbetung, doch brachen sie das Brot (des Abendmahls) in verehrender Erinnerung an Jesus Christus.
Die Katharerkirche sah die Christusbotschaft durch die katholischen Dogmen und menschengemachten Sakramente (nur die Erwachsenentaufe, wie Christus sie vollzog, ließ sie gelten) entstellt und verkündete ein gereinigtes Christentum, zu dem jeder Gläubige unmittelbar Zugang haben sollte. Hand in Hand damit ging der Dualismusglaube, d.h. die Vorstellung, daß unmöglich das „Gute Reich des Geistes" und das „Reich des Bösen", die vergängliche Welt der Materie, von ein und demselben Schöpfer herrühren könnten.
Daher gingen die Katharer vom Grundsatz der „Zwei Prinzipien" aus und glaubten neben dem „Guten Gott" an ein von Gott unabhängiges zweites Prinzip (personifiziert in Luzifer oder Satan), das gegen Gott gerichtet ist. Durch dieses entstand ohne Gottes Wissen die materielle Welt zur Versuchung der Menschen. Innerhalb der Katharerkirche überwog dieser absolute Dualismus gegenüber den Verfechtern eines geminderten Dualismus, der besagt, Satan habe die böse Welt der Materie mit Wissen Gottes geschaffen. An eine Hölle oder ein Letztes Gericht glaubten die Katharer nicht, weil sie beides mit der Liebe Gottes für nicht vereinbar hielten. Die irdische Welt bedeutete für sie den Ort der Versuchung und des Dunkels.
Jesu Leidensgeschichte sahen sie zwar als historische Tatsache, aber sie glaubten ihn in einem „übernatürlichen Leib". Er war für sie also nicht wirklich Mensch und ist am Kreuze nicht wirklich gestorben. Daher anerkannten die Katharer auch nicht das Leidenskreuz des Sühnetodes und setzten dagegen das alte Symbol der Wahrheit, das gleichschenkelige Kreuz.
Als Luzifer (Satan, Teufel) das Prinzip des Bösen, die Versuchung einführte, gab ein Teil der Geister im Reich des Guten Gottes der Versuchung nach und mußte deshalb aus dem Himmel fallen, ein anderer Teil fiel durch Unachtsamkeit. Sie alle stürzten herab auf die „Erde des Vergessens", d.h. sie vergaßen dort ihre „himmlische Wesenheit". Diese Vorstellung entspricht übrigens nur teilweise der Lehre des Origenes, der in den Menschen aus dem Himmel gefallene Engel sah.
Der Mensch ist im Katharismus ein Gottesgeschöpf, aber nicht als Engel geschaffen. Er nimmt mit seiner Seele, so glaubten die „Freunde Gottes", am guten Reich des Geistes teil und durch seinen Körper am Reich des Bösen, der Erdenwelt. Außerdem hat der Mensch ein spirituelles Ich, den Geist. Diesen hat er bei dem „Guten Gott " im Himmel zurückgelassen.
Satan lockt auf der Erde die Menschen, um die Seele in seinem Reich gefangenzuhalten. Deshalb muß der Mensch sich von allen materiellen, irdischen Lockungen abwenden und möglichst jenseitsgerichtet den Weg der Erlösung gehen, d.h. dem Reich des Geistes zustreben. Der Tod bedeutet Befreiung aus dem Gefängnis des Körpers.
Mehrere Erdenleben können den Entwicklungsweg zur Erlösung verlängern. Dabei wird die Seele – je nachdem, wie der Mensch auf Erden lebte – u.U. auch in einem Tier geboren. (Daher töteten die Katharer keine Tiere, und konnte die Forderung der Inquisitoren, ein Huhn zu schlachten, sie der „Ketzerei" über- führen.) Endlich erlöst ist die Seele, wenn sie die Wiedervereinigung mit ihrem Geist im Himmel erlangt. Diese Erlösungs-Erkenntnis der Katharerreligion wurde durch den Heiligen Geist und mit der Christusbotschaft gegeben, sagten die Katharer, und sie ist überliefert durch die Apostel.
Die Kirche der Katharer hatte Bischöfe, Diakone, Prediger und Priester, sowie einfache Gläubige, die „Credentes" – diese unterlagen keinen strengen Fastenregeln und hatten Familie. In einem mehrjährigen Noviziat bildete die Kirche Männer und auch Frauen zu Predigern aus, die mit dem „Consolamentum" geweiht wurden (das den Credentes nur in der Todesstunde zuteil wurde). Das Noviziat war meist verbunden mit einer handwerklichen Lehre (Weber). Denn jeder Katharer, ob Priester oder einfacher Gläubige, mußte selbst für seinen Broterwerb sorgen.
Die Prediger und Priester führten ein Asketenleben: Sie aßen kein Fleisch, wie überhaupt keine tierische Nahrung, die aus einer Zeugung hervorgeht. Sie fasteten an drei Wochentagen, und drei längere Fastenzeiten im Jahr waren Pflicht. Ab und an gab es Fisch, dachte man doch damals, die Fische entstünden einfach aus dem Wasser, in dem sie leben. Die Geweihten zogen predigend, immer zu zweit, durchs Land – ihre dunklen Kutten, die durch das viele Fasten hageren Gestalten und bleichen Gesichter verrieten sie oft als „Ketzer".
Die Frau galt den Katharern wie der Mann als ein beseelter Mensch, aber auch als Helfershelferin des Teufels, nämlich über die geschlechtliche Vereinigung. Der Glaube der Katharer an einen Geschlechterwechsel bei Wiedergeburten relativierte den Unterschied Mann/Frau, und es durften auch Frauen predigen und das „Consolamentum" spenden. Eine Kindertaufe lehnten die Katharer ab, weil dieses Sakrament Erkenntnis und Verantwortungsbewußtsein voraussetzt.
Die Katharerkirche besaß keine Ländereien und hatte keine säkulare Gewalt, sie verbot die Leibeigenschaft und erhob keine Steuern oder Gebühren – kein Wunder, daß sie im Volk großen Anklang fand! Ausgaben bestritt sie durch Erträge ihrer Werkstätten, durch Spenden und durch Zinsen aus verliehenem Geld.
Sie brauchte das Geld, besonders in den gefährlichen Zeiten der Verfolgung. Da mußte, wer ein „Freund Gottes" war, ein gelbes Kreuz auf dem Gewand tragen, und wo z.B. Priester ihm in der Todesstunde das Sakrament erteilen wollten, war auf ihrem heimlichen Weg durch die Nacht bewaffneter Schutz vonnöten. Das kostete teuren Sold.
Der besonders kritische Punkt der Katharerreligion war ihr Dualismus- glaube, der sogar die sonst gar nicht so „papstfromme" Hildegard von Bingen zu einer Art Bannfluch über die veranlaßte, die „leugnen, daß Gott alles erschaffen hat." (Juli 1163)
Es sollte auch gesagt werden, daß von dieser Seite des Katharismus aus keine Brücke zu dem Gralswissen geschlagen werden kann, das namengebend hinter der Zeitschrift GRALS-WELT steht. Denn es gibt, so sagt es die Gralsbotschaft, nur eine Kraft, aus der die Schöpfungen entstanden sind und erhalten werden – und diese ist von Gott allein. Einen „Widersacher" im Sinne einer Gegenkraft gibt es nicht, und selbst das Böse als Prinzip des Versuchers ist an die Gotteskraft gebunden, ganz so, wie Mephistopheles auf Fausts Frage "… wer bist du denn?" entgegnet: "Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war." (Goethe, "Faust I")
Bleibt schließlich offen, ob all die vielen, die noch heute mit Überzeugung ihre Vorstellung vom "Gral" und das Streben der Katharer miteinander verbinden wollen, von einer Täuschung bzw. einer falschen Vorstellung ausgehen? Sachlich, literarisch und historisch gesehen ist das wohl so.
Wer jedoch die Sehnsucht nach einem von Menschenwerk und Menschendenken gereinigten Christentum einerseits bei den Katharern erkennt und andererseits diese Sehnsucht auch im Mythos vom "Gral" verkörpert sieht, der mag einen gemeinsamen Nenner für beides gefunden haben. Auch in Wolframs "Parzivâl" lebt etwas von der Sehnsucht nach einem gereinigten Christentum, in dem Erd- und Himmelswelt miteinander in Verbindung sind, und das in weltoffener Toleranz die ganze Erde zu geistiger Blüte erhebt. Und eine Botschaft aus dem Gral enthält in sich auch das reine Christuswort.
Auf der Rückfahrt aus dem Katharerland grüßen noch einmal die zementenen „Chevaliers Cathares" bei Narbonne. Jetzt keimt Verständnis: Dieses Denkmal gilt nicht dem historischen Augenblick, sondern es bringt mahnend den Fundamentalismus und Dogmatismus schlechthin auf den Punkt: Beides – auf wessen Seite auch immer – schließt den Geist in einem steinernen Gehäuse hermetisch ab von Welt und Leben, tötet mit Waffen und mit Worten. Zum Gral führen andere Wege.
Autor: Dr. Monika Schulze
