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GralsWelt 62/2011

Die Liebe zum kleinsten Gedicht der Welt

Das japanische Haiku: Seine Herkunft, seine Regeln und seine wundervolle Poetik


Die kleinsten Gedichte können sich als die größten Kunstwerke erweisen. Das japanische Haiku folgt eigenen Regeln.
Wenn ich daran denke, wie und wodurch ich das Haiku kennenlernte, muß ich immer wieder schmunzeln. Kam doch durch ein Versehen eines Tages, es war im September 1987, ein Exemplar der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ anstelle unserer abonnierten Tageszeitung ins Haus, und sogleich weckte eine Überschrift mein Interesse: „Japan informiert und erbittet Kurzgedichte“.

Der damalige japanische Generalkonsul, Dr. Tadao Araki, selbst ein Meister des Haiku, bat in dem kleinen Artikel um Einsendungen von Kurzgedichten für die erste Ausgabe eines Informationsblattes des Generalkonsulates „Deutsch-Japanische Begegnungen in Hessen“.

Es folgten dann die Regeln für das einzusendende Kurzgedicht, die wichtig seien, damit das kleine Werk denn auch den Namen „Haiku“ verdiene.

Dies war der Beginn meiner Liebe zu jenen drei Zeilen, von denen im folgenden die Rede sein wird; eine Liebe, die bis heute anhält und neben Prosa und deutschen Gedichtformen beglückend mein Schreiben bereichert.

Eine Reise nach Japan


Duftender Flieder – Ich zähle die Blüten und finde kein Ende.
Um jeder Oberflächlichkeit bei Betrachtung dieser kleinen Lyrik zu entgehen, sei sowohl über die Geschichte dieser Dichtkunst als auch über die Eigenart des Landes berichtet, wo deren Wurzeln liegen, um sich einzufühlen und das Fremdartige besser zu verstehen; ganz wird es wohl kaum gelingen.

Machen wir also im Geiste eine Reise nach Japan, dem Land der aufgehenden Sonne, wo nach einer Jahrhunderte währenden Vorgeschichte das Haiku geboren wurde.

Das Wissen um die japanische Dichtkunst reicht weit zurück. Bereits im 4. Jahrhundert finden wir fünfzeilige Gedichte vor, „Tanka“ genannt, in der Zeilenanordnung von jeweils 5 – 7 – 5 – 7 – 7 Silben. Dann, im 9. Jahrhundert, begann man ein dichterisches Spiel, indem einer den oberen Vers machte und ein anderer die unteren zwei Zeilen hinzufügte. Dieses Spiel nannte man Renga, das „Kettengedicht“, und es wird, ebenso wie das Tanka, auch heute noch praktiziert.

Da es zu jener Zeit fast unmöglich war, eigene Gefühle und Meinungen jemand anderem gegenüber direkt zu äußern, benutzte man das Renga wie einen Brief, um sich zu unterhalten.

Es war zum Beispiel streng verboten, daß ein Mann eine Frau ohne Umschweife geradeheraus etwas fragte. Besonders unter den Adligen war das Renga als Mittel zum Zweck der Unterhaltung sehr beliebt, ja, es fanden sogar Wettbewerbe statt; je besser die Gedichte, je größer das Ansehen. Hierzu möchte ich ein Beispiel geben, das die Unterhaltung eines Hofadligen mit Frauen in einem Palast aufzeigt.

Vor etwa tausend Jahren, irgendwann im Herbst, kam der Adlige an einem Zimmer vorbei, wo er viele Stimmen hörte und gern deren Ursache wissen wollte. Darum schrieb er die ersten drei Zeilen auf einen Zettel und gab diesen einer Frau. (Es handelt sich hier um eine freie Übersetzung ohne Berücksichtigung der Silbenanzahl!)

Der Adlige fragt:
„Merkwürdig! Wieso hört man so
vielfach das Geräusch von Tautropfen,
die auf Blätter fallen?“
Die Frau antwortet darauf in zwei Zeilen:
„Sie können daraus erahnen,
wie viele Blumen hier überall blühen.“


Spätestens hier empfindet man die fremde Welt mit den ihr eigenen Schwingungen, die zwar das Herz anrühren, jedoch zugleich die Mühe bewußt machen, die japanische Mentalität und Denkart zu verstehen.

Kinderseligkeit beim Spiel am sonnigen Strand – Eine Herzmuschel!
Weiter geht die Zeitreise, dem Haiku entgegen.

Im 17. Jahrhundert hatten die Dichter Freude daran, nur die ersten drei Zeilen des Tanka zu schreiben. Diese gewannen zunehmend an Bedeutung, wurden als eigenständige Dichtung angesehen. Das war die Geburtsstunde des Haiku, die kleinste lyrische Gestaltungsform der Literaturgeschichte. Bereits damals gab es den Beruf des „Haikai“, des Haiku-Lehrers, und bis heute hat sich darin nicht viel geändert. Haiku zu schreiben war damals und ist auch heute noch sehr populär, und wie man mir sagte, gibt es kaum einen Japaner, der nicht schon einmal ein Haiku geschrieben hat.

Es gab jedoch einige Haiku-Lehrer, die mit dieser populären Entwicklung unzufrieden waren. Sie wollten das Haiku auf künstlerisches Niveau heben. Unbestritten gelang dies Matsuo Basho (1644-1694), der längere Zeit in einem Zen-Kloster verbrachte, um im Sinne des Zen seine Dichtkunst zu vertiefen. Danach bereiste er ganz Japan, stets um die kleine Poetik bemüht, indem er sie lehrte und sich für das gemeinsame Dichten einsetzte, wohin er auch kam. Seine Meisterwerke machten ihn berühmt.

Eines seiner bekanntesten Gedichte soll auch hier nicht fehlen; ich zitiere es in meiner Lieblingsübersetzung:

Alter Teich in Ruh -
Fröschlein hüpft vom Ufersaum,
und das Wasser tönt.


Deutschland ähnlich, gibt es auch in Japan die vier Jahreszeiten. Allerdings werden diese viel intensiver und dankbarer erlebt, als es bei uns üblich ist. Man huldigt geradezu der sich wandelnden Natur:

Im Frühling das Kirschblütenfest; im Sommer gibt es Feuerwerke am Abend oder man fischt im Meer; im Herbst geht man in die Berge, um die verfärbten Blätter zu bewundern, oder man betrachtet den Mond, trinkt Reiswein dabei und ißt von den geernteten Früchten; im Winter genießt man den Schnee. Immer ist dieses „man“ eine große Gemeinschaft, eine kleine Völkerwanderung, ein gesellschaftliches Ereignis.

Inhalt und Rhythmus


Heftiger Herbststurm – Bald hier-, bald dorthin zieht die Rauchfahne am Dach.
Nach alledem nimmt es nicht Wunder, daß das Haiku ein Naturgedicht ist, und dies ist die erste wichtige Regel:

Die Jahreszeit muß durch ein „Kigo“, ein Jahreszeiten-Wort erkennbar sein, durch das sich der Leser in die Seelenlandschaft des Dichters versetzen kann. Dies kann sich aus der Landschaft, dem täglichen Leben, der Tierwelt, aus Himmelserscheinungen oder der Pflanzenwelt sowie auch durch entsprechende Feste und Veranstaltungen ergeben. Zusätzlich zu den vier Jahreszeiten werden auch zum Beginn eines neuen Jahres eigene Haiku verfaßt.

Japaner nutzen umfangreiche Bücher mit zusammengestellten, sogenannten Jahreszeiten-Wörtern, daran möge man die Bedeutung für ihre Dichtung ermessen, die auch in Zeitschriften ernsthaft zur Geltung kommt.

Eine weitere Regel für das klassische Haiku – und nur von diesem spreche ich hier – ist die erwähnte Silbenzahl von 5 – 7 – 5 Silben je Zeile. Sollten wir in einem Café oder anderenorts jemanden sehen, der intensiv etwas an den Fingern abzählt, bitte nicht an dessen Verstand zweifeln, vielleicht ist es ja ein Haikudichter!

Außerdem sollte innerhalb dieser drei Zeilen noch eine Zäsur sein; Pole, die dem Haiku Breite und Tiefe geben. Einfach einen Satz in drei Zeilen niederzuschreiben, widerspräche diesem Bestreben. Das Haiku kennt weder Aufzählung noch Reim. Weiterhin ist es dem Inhalt nach kein Aphorismus, will kein Philosophieren über Vergangenheit und Zukunft, sondern der Dichter malt ein gegenwärtiges Bild mit Worten, gibt darin die Außenwelt ohne nähere Ausdeutung mit dem Bemühen wieder, in dieser reinen Beschreibung der Dinge etwas erklingen zu lassen, was einen Menschen tief bewegt. Er teilt Gefühle mit, ohne sie zu artikulieren.

Tatsächlich ist der Maßstab an diese drei Zeilen mit ihren 17 Silben recht hoch angelegt, doch gerade darin liegen Reiz und Kunst. Verständlich wird nun auch, daß es nicht viele gute Haiku gibt. Manchmal macht es traurig, was heute alles unter dem Namen dieser Lyrik veröffentlicht wird. Eine Lehrerin zum Beispiel kam zur Zeit der Buchmesse an unseren Stand, erzählte stolz, daß auch sie mit ihren Schülern Haiku schreibe. Leider wußte sie – zu ihrer eigenen Bestürzung – nicht einmal etwas von der Bedeutung des Haiku als Naturgedicht, von weiteren Regeln ganz zu schweigen. (Nebenbei bemerkt gibt es auch in Japan dreizeilige Kurzgedichte mit siebzehn Silben ohne Bindung an die Jahreszeit, sie tragen jedoch einen anderen Namen!)

Nun stelle ich eines meiner Haiku vor, dessen Entstehung mir im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Geschenk vom Himmel fiel und das die Regeln in ihrer Anwendung demonstriert: Ohne viel zu denken, machte ich absichtslos einen Rundgang durch unseren Garten, schlenderte am Weiher vorbei, schaute sinnend über die Wasserfläche, als ich dort Regentropfen und deren Auswirkung bemerkte. Sogleich war folgendes Haiku geboren:

Im kleinen Weiher
kommen und gehen Kreise -
Ein Frühlingsregen.


Im Vierteljahresheft der „Deutschen Haiku-Gesellschaft“ las ich dann zu meinem Erstaunen folgende Interpretation: „Das Naturbild haben wir hier in den zarten Bewegungen auf einem Wasserspiegel. Ein leichter Regen, den man nicht sieht, zeigt Spuren in ständig auseinanderlaufenden Kreisen. Die Jahreszeit wird in der dritten Zeile genannt:

Frühling! Als Pole sind Entstehen und Entschwinden anzusehen. Die Bewegung wird mit den Kreisen angedeutet, die sich über die Wasseroberfläche ziehen. Die Symbolik liegt in folgendem Gedanken: Vieles geschieht ungesehen; erst in seiner Wirkung wird es sichtbar.“

Mit großer Freude denke ich an die Zeit zurück, als Dr. Tadao Araki einen Haiku-Kreis um sich bildete, an dem ich teilnehmen konnte. Manchmal reisten sogar Gäste aus dem fernen Osten an, eigens des Haiku wegen. Jedesmal war es nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis, ein Fest, es war auch menschlich sehr lehrreich und bildend. Rang und Namen verloren ihre Bedeutung. Kein Generalkonsul, kein Doktor oder Professor ragte hervor, da waren ausschließlich Dichter, die sich um eine gute Strophe mühten; Neid und Konkurrenzdenken, Vordrängen und Geltungsdrang hatten hier keine Chance. Ein gut gelungenes Haiku wurde beklatscht, ganz gleich, von wem es kam. Es gab somit Gelegenheit, neben den anderen vor allem auch sich selbst kennenzulernen.

„Richtig sehen ist Freude“


Starr von Eis der Fluß – Menschen von beiden Ufern finden einander.
Die Frage, warum Japaner Haiku schreiben, ließ Meister Araki zögern. „Wenn ich gezwungen wäre, darauf eine Antwort zu geben“, meinte er, „würde ich sagen: Wir schreiben Haiku, weil wir alle eines Tages sterben müssen, weil wir die Natur und den Menschen genau ansehen wollen, bevor wir gehen müssen, weil wir die Dinge beim Namen nennen wollen, damit wir sie besser begreifen, mit ihnen einig werden und besonders, weil wir uns stets als Reisende auf dieser grünen Erde fühlen. Richtig sehen ist Freude. Jeder Haiku-Dichter ist ein „Lynkeus der Türmer“, der singt:

„Zum Sehen geboren
zum Schauen bestellt,
dem Turme geschworen
gefällt mir die Welt …“


Weiter meinte er, daß die klaren Augen des Dichters natürlich auch das Unschöne sehen; beides zu sehen, das Schöne wie das Unschöne auszusprechen, sei manchmal Rettung für den Menschen.

Gute Vorsätze leuchten auf wie Feuerwerk – Oh, Silvesternacht!
Durch eigenes Erleben kann ich gut nachempfinden, was er sagen wollte. Wie verändert ist nun meine Wahrnehmung, besonders in der Natur, deren Wunder sich in der kleinsten Blume wie im prächtigsten Baum offenbaren und die Größe der Schöpfung widerspiegeln. Selbst ein dürrer Ast gewinnt an Bedeutung seiner schönen Form wegen oder weil gerade ein Vogel auf ihm singt und sich das Gefieder putzt.

Saat und Ernte, Kommen und Gehen – Rhythmen der Natur, in die auch wir Menschen eingebunden sind. Meister Araki ist mittlerweile schon von uns gegangen. Die schönste Art, ihm zu danken, liegt wohl im Bemühen, das Haiku in seinem Sinne zu pflegen.



Die kleinsten Gedichte können sich als die größten Kunstwerke erweisen. Das japanische Haiku folgt eigenen Regeln.
Wenn ich daran denke, wie und wodurch ich das Haiku kennenlernte, muß ich immer wieder schmunzeln. Kam doch durch ein Versehen eines Tages, es war im September 1987, ein Exemplar der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ anstelle unserer abonnierten Tageszeitung ins Haus, und sogleich weckte eine Überschrift mein Interesse: „Japan informiert und erbittet Kurzgedichte“.

Der damalige japanische Generalkonsul, Dr. Tadao Araki, selbst ein Meister des Haiku, bat in dem kleinen Artikel um Einsendungen von Kurzgedichten für die erste Ausgabe eines Informationsblattes des Generalkonsulates „Deutsch-Japanische Begegnungen in Hessen“.

Es folgten dann die Regeln für das einzusendende Kurzgedicht, die wichtig seien, damit das kleine Werk denn auch den Namen „Haiku“ verdiene.

Dies war der Beginn meiner Liebe zu jenen drei Zeilen, von denen im folgenden die Rede sein wird; eine Liebe, die bis heute anhält und neben Prosa und deutschen Gedichtformen beglückend mein Schreiben bereichert.

Eine Reise nach Japan


Duftender Flieder – Ich zähle die Blüten und finde kein Ende.
Um jeder Oberflächlichkeit bei Betrachtung dieser kleinen Lyrik zu entgehen, sei sowohl über die Geschichte dieser Dichtkunst als auch über die Eigenart des Landes berichtet, wo deren Wurzeln liegen, um sich einzufühlen und das Fremdartige besser zu verstehen; ganz wird es wohl kaum gelingen.

Machen wir also im Geiste eine Reise nach Japan, dem Land der aufgehenden Sonne, wo nach einer Jahrhunderte währenden Vorgeschichte das Haiku geboren wurde.

Das Wissen um die japanische Dichtkunst reicht weit zurück. Bereits im 4. Jahrhundert finden wir fünfzeilige Gedichte vor, „Tanka“ genannt, in der Zeilenanordnung von jeweils 5 – 7 – 5 – 7 – 7 Silben. Dann, im 9. Jahrhundert, begann man ein dichterisches Spiel, indem einer den oberen Vers machte und ein anderer die unteren zwei Zeilen hinzufügte. Dieses Spiel nannte man Renga, das „Kettengedicht“, und es wird, ebenso wie das Tanka, auch heute noch praktiziert.

Da es zu jener Zeit fast unmöglich war, eigene Gefühle und Meinungen jemand anderem gegenüber direkt zu äußern, benutzte man das Renga wie einen Brief, um sich zu unterhalten.

Es war zum Beispiel streng verboten, daß ein Mann eine Frau ohne Umschweife geradeheraus etwas fragte. Besonders unter den Adligen war das Renga als Mittel zum Zweck der Unterhaltung sehr beliebt, ja, es fanden sogar Wettbewerbe statt; je besser die Gedichte, je größer das Ansehen. Hierzu möchte ich ein Beispiel geben, das die Unterhaltung eines Hofadligen mit Frauen in einem Palast aufzeigt.

Vor etwa tausend Jahren, irgendwann im Herbst, kam der Adlige an einem Zimmer vorbei, wo er viele Stimmen hörte und gern deren Ursache wissen wollte. Darum schrieb er die ersten drei Zeilen auf einen Zettel und gab diesen einer Frau. (Es handelt sich hier um eine freie Übersetzung ohne Berücksichtigung der Silbenanzahl!)

Der Adlige fragt:
„Merkwürdig! Wieso hört man so
vielfach das Geräusch von Tautropfen,
die auf Blätter fallen?“
Die Frau antwortet darauf in zwei Zeilen:
„Sie können daraus erahnen,
wie viele Blumen hier überall blühen.“


Spätestens hier empfindet man die fremde Welt mit den ihr eigenen Schwingungen, die zwar das Herz anrühren, jedoch zugleich die Mühe bewußt machen, die japanische Mentalität und Denkart zu verstehen.

Kinderseligkeit beim Spiel am sonnigen Strand – Eine Herzmuschel!
Weiter geht die Zeitreise, dem Haiku entgegen.

Im 17. Jahrhundert hatten die Dichter Freude daran, nur die ersten drei Zeilen des Tanka zu schreiben. Diese gewannen zunehmend an Bedeutung, wurden als eigenständige Dichtung angesehen. Das war die Geburtsstunde des Haiku, die kleinste lyrische Gestaltungsform der Literaturgeschichte. Bereits damals gab es den Beruf des „Haikai“, des Haiku-Lehrers, und bis heute hat sich darin nicht viel geändert. Haiku zu schreiben war damals und ist auch heute noch sehr populär, und wie man mir sagte, gibt es kaum einen Japaner, der nicht schon einmal ein Haiku geschrieben hat.

Es gab jedoch einige Haiku-Lehrer, die mit dieser populären Entwicklung unzufrieden waren. Sie wollten das Haiku auf künstlerisches Niveau heben. Unbestritten gelang dies Matsuo Basho (1644-1694), der längere Zeit in einem Zen-Kloster verbrachte, um im Sinne des Zen seine Dichtkunst zu vertiefen. Danach bereiste er ganz Japan, stets um die kleine Poetik bemüht, indem er sie lehrte und sich für das gemeinsame Dichten einsetzte, wohin er auch kam. Seine Meisterwerke machten ihn berühmt.

Eines seiner bekanntesten Gedichte soll auch hier nicht fehlen; ich zitiere es in meiner Lieblingsübersetzung:

Alter Teich in Ruh -
Fröschlein hüpft vom Ufersaum,
und das Wasser tönt.


Deutschland ähnlich, gibt es auch in Japan die vier Jahreszeiten. Allerdings werden diese viel intensiver und dankbarer erlebt, als es bei uns üblich ist. Man huldigt geradezu der sich wandelnden Natur:

Im Frühling das Kirschblütenfest; im Sommer gibt es Feuerwerke am Abend oder man fischt im Meer; im Herbst geht man in die Berge, um die verfärbten Blätter zu bewundern, oder man betrachtet den Mond, trinkt Reiswein dabei und ißt von den geernteten Früchten; im Winter genießt man den Schnee. Immer ist dieses „man“ eine große Gemeinschaft, eine kleine Völkerwanderung, ein gesellschaftliches Ereignis.

Inhalt und Rhythmus


Heftiger Herbststurm – Bald hier-, bald dorthin zieht die Rauchfahne am Dach.
Nach alledem nimmt es nicht Wunder, daß das Haiku ein Naturgedicht ist, und dies ist die erste wichtige Regel:

Die Jahreszeit muß durch ein „Kigo“, ein Jahreszeiten-Wort erkennbar sein, durch das sich der Leser in die Seelenlandschaft des Dichters versetzen kann. Dies kann sich aus der Landschaft, dem täglichen Leben, der Tierwelt, aus Himmelserscheinungen oder der Pflanzenwelt sowie auch durch entsprechende Feste und Veranstaltungen ergeben. Zusätzlich zu den vier Jahreszeiten werden auch zum Beginn eines neuen Jahres eigene Haiku verfaßt.

Japaner nutzen umfangreiche Bücher mit zusammengestellten, sogenannten Jahreszeiten-Wörtern, daran möge man die Bedeutung für ihre Dichtung ermessen, die auch in Zeitschriften ernsthaft zur Geltung kommt.

Eine weitere Regel für das klassische Haiku – und nur von diesem spreche ich hier – ist die erwähnte Silbenzahl von 5 – 7 – 5 Silben je Zeile. Sollten wir in einem Café oder anderenorts jemanden sehen, der intensiv etwas an den Fingern abzählt, bitte nicht an dessen Verstand zweifeln, vielleicht ist es ja ein Haikudichter!

Außerdem sollte innerhalb dieser drei Zeilen noch eine Zäsur sein; Pole, die dem Haiku Breite und Tiefe geben. Einfach einen Satz in drei Zeilen niederzuschreiben, widerspräche diesem Bestreben. Das Haiku kennt weder Aufzählung noch Reim. Weiterhin ist es dem Inhalt nach kein Aphorismus, will kein Philosophieren über Vergangenheit und Zukunft, sondern der Dichter malt ein gegenwärtiges Bild mit Worten, gibt darin die Außenwelt ohne nähere Ausdeutung mit dem Bemühen wieder, in dieser reinen Beschreibung der Dinge etwas erklingen zu lassen, was einen Menschen tief bewegt. Er teilt Gefühle mit, ohne sie zu artikulieren.

Tatsächlich ist der Maßstab an diese drei Zeilen mit ihren 17 Silben recht hoch angelegt, doch gerade darin liegen Reiz und Kunst. Verständlich wird nun auch, daß es nicht viele gute Haiku gibt. Manchmal macht es traurig, was heute alles unter dem Namen dieser Lyrik veröffentlicht wird. Eine Lehrerin zum Beispiel kam zur Zeit der Buchmesse an unseren Stand, erzählte stolz, daß auch sie mit ihren Schülern Haiku schreibe. Leider wußte sie – zu ihrer eigenen Bestürzung – nicht einmal etwas von der Bedeutung des Haiku als Naturgedicht, von weiteren Regeln ganz zu schweigen. (Nebenbei bemerkt gibt es auch in Japan dreizeilige Kurzgedichte mit siebzehn Silben ohne Bindung an die Jahreszeit, sie tragen jedoch einen anderen Namen!)

Nun stelle ich eines meiner Haiku vor, dessen Entstehung mir im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Geschenk vom Himmel fiel und das die Regeln in ihrer Anwendung demonstriert: Ohne viel zu denken, machte ich absichtslos einen Rundgang durch unseren Garten, schlenderte am Weiher vorbei, schaute sinnend über die Wasserfläche, als ich dort Regentropfen und deren Auswirkung bemerkte. Sogleich war folgendes Haiku geboren:

Im kleinen Weiher
kommen und gehen Kreise -
Ein Frühlingsregen.


Im Vierteljahresheft der „Deutschen Haiku-Gesellschaft“ las ich dann zu meinem Erstaunen folgende Interpretation: „Das Naturbild haben wir hier in den zarten Bewegungen auf einem Wasserspiegel. Ein leichter Regen, den man nicht sieht, zeigt Spuren in ständig auseinanderlaufenden Kreisen. Die Jahreszeit wird in der dritten Zeile genannt:

Frühling! Als Pole sind Entstehen und Entschwinden anzusehen. Die Bewegung wird mit den Kreisen angedeutet, die sich über die Wasseroberfläche ziehen. Die Symbolik liegt in folgendem Gedanken: Vieles geschieht ungesehen; erst in seiner Wirkung wird es sichtbar.“

Mit großer Freude denke ich an die Zeit zurück, als Dr. Tadao Araki einen Haiku-Kreis um sich bildete, an dem ich teilnehmen konnte. Manchmal reisten sogar Gäste aus dem fernen Osten an, eigens des Haiku wegen. Jedesmal war es nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis, ein Fest, es war auch menschlich sehr lehrreich und bildend. Rang und Namen verloren ihre Bedeutung. Kein Generalkonsul, kein Doktor oder Professor ragte hervor, da waren ausschließlich Dichter, die sich um eine gute Strophe mühten; Neid und Konkurrenzdenken, Vordrängen und Geltungsdrang hatten hier keine Chance. Ein gut gelungenes Haiku wurde beklatscht, ganz gleich, von wem es kam. Es gab somit Gelegenheit, neben den anderen vor allem auch sich selbst kennenzulernen.

„Richtig sehen ist Freude“


Starr von Eis der Fluß – Menschen von beiden Ufern finden einander.
Die Frage, warum Japaner Haiku schreiben, ließ Meister Araki zögern. „Wenn ich gezwungen wäre, darauf eine Antwort zu geben“, meinte er, „würde ich sagen: Wir schreiben Haiku, weil wir alle eines Tages sterben müssen, weil wir die Natur und den Menschen genau ansehen wollen, bevor wir gehen müssen, weil wir die Dinge beim Namen nennen wollen, damit wir sie besser begreifen, mit ihnen einig werden und besonders, weil wir uns stets als Reisende auf dieser grünen Erde fühlen. Richtig sehen ist Freude. Jeder Haiku-Dichter ist ein „Lynkeus der Türmer“, der singt:

„Zum Sehen geboren
zum Schauen bestellt,
dem Turme geschworen
gefällt mir die Welt …“


Weiter meinte er, daß die klaren Augen des Dichters natürlich auch das Unschöne sehen; beides zu sehen, das Schöne wie das Unschöne auszusprechen, sei manchmal Rettung für den Menschen.

Gute Vorsätze leuchten auf wie Feuerwerk – Oh, Silvesternacht!
Durch eigenes Erleben kann ich gut nachempfinden, was er sagen wollte. Wie verändert ist nun meine Wahrnehmung, besonders in der Natur, deren Wunder sich in der kleinsten Blume wie im prächtigsten Baum offenbaren und die Größe der Schöpfung widerspiegeln. Selbst ein dürrer Ast gewinnt an Bedeutung seiner schönen Form wegen oder weil gerade ein Vogel auf ihm singt und sich das Gefieder putzt.

Saat und Ernte, Kommen und Gehen – Rhythmen der Natur, in die auch wir Menschen eingebunden sind. Meister Araki ist mittlerweile schon von uns gegangen. Die schönste Art, ihm zu danken, liegt wohl im Bemühen, das Haiku in seinem Sinne zu pflegen.



Autor: Elfriede Herb
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  • Haiku
  • Lyrik

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Elfriede Herb

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