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Anselm Kiefers „Alkahest“

Apokalypse heute

In der Salzburger Galerie Ropac waren in der Festspielzeit 2011 Kiefers sechs Meter breite, mit zerklüfteten Farbschichten bedeckte Riesenleinwände zu sehen, inspiriert durch das steirische Gebirgsmassiv Grimming und durch das fiktive alchemistische Zauber- und Lösungsmittel Alkahest.

Anselm Kiefer würde sich dagegen verwahren, seine gewaltigen, sperrigen Landschaften als apokalyptisch bezeichnet zu wissen, und doch sind sie es: Sie erschüttern zutiefst wie die Themen des „dies ira“ (Tag des Zorns) im Requiem eines Mozart oder Verdi.

Über Euren Städten wird Gras wachsen …

Über Anselm Kiefers monumentales Gesamtkunstwerk im provenzalischen Barjac – es entstand zwischen 1993 und 2008 in und unter der ehemaligen Seidenfabrik La Ribaute – wurde ein Film unter dem Titel „Over Your Cities Grass Will Grow“ gedreht – Über euren Städten wird Gras wachsen. Dieses auf die Jesaja-Prophezeiung zurückgehende biblische Wort wird von Kiefer nicht in seiner heilsgeschichtlichen Bedeutung gesehen, sondern eher poetisch oder kabbalistisch. Im ZEIT-Interview vom März 2005 sagt er: „Trümmer sind an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht. Es gibt dieses wunderbare Kapitel bei Jesaja, in dem es heißt: Über euren Städten wird Gras wachsen. Dieser Spruch hat mich immer fasziniert, schon als Kind. Diese Poesie, die Tatsache, daß man beides zugleich sieht. Jesaja sieht die Stadt und die anderen Schichten darüber, das Gras und wieder eine Stadt, das Gras und wieder eine Stadt.“

 

Für Kiefer kommt demnach die Endzeit nicht einmal für die Bewohner eines bestimmten Weltenkörpers, sondern beliebig oft. Daraus folgt letztlich auch, daß er im Leben „keinen Sinn“ erkennen kann, wie er im selben Interview bekennt.


So sagt er: „Ich halte das Leben aus, indem ich in einem kleinen Bereich eine Ordnung herstelle. Ordnung ist nicht der richtige Begriff. Indem ich in meiner künstlerischen Tätigkeit einen Zusammenhang herstelle. Sonst würde ich nicht leben.“

Alchemie und Kabbalistik

Für diese „Ordnung in einem kleinen Bereich“ oder dem künstlerisch gestalteten „Zusammenhang“ unternimmt Kiefer allerdings einen gewaltigen Aufwand an Alchemie, Kabbalistik, an okkult-esoterischen Lehren, wobei er nebenbei auch Goethe, Hölderlin und Joseph Beuys für sich beansprucht. Der Künstler korrigiert gleichsam in seinem kleinen Arbeitsfeld die „verunglückte Schöpfung“. Denn nach dem Kabbalisten Isaak Luria (1534–72), dem Kiefer gedanklich folgt, ist letztlich nicht der Mensch für die Schwierigkeiten in dieser Welt verantwortlich, sondern der „Rückzug Gottes“. Angeblich ist es durch diesen Vorgang im Schöpfungsgeschehen zu einem großen Unfall gekommen: „Das Licht ist zu stark, die Gefäße brechen, die Schöpfung gerät dadurch in Unordnung […] Die materielle Welt entsteht, in der Gutes und Böses gemischt sind“ (Wikipedia).

 

Der Mensch wiederum ist nach der Überzeugung Kiefers „ein Wesen, das abgrundtief böse ist, abgrundtief böse sein kann“ (ZEIT-Interview). Wie kann es dann geschehen, daß trotz allem die – nach der Auffassung der Gnosis – „in der Erde gefangenen Lichtfunken“ am Ende der Welt wieder befreit werden können? Ist hier der Schöpfer am Werke, der seinen „Rückzug“ beendet oder ist es wieder einmal der Mensch selbst, der glaubt, den verunglückten Lichtfunken wieder die Freiheit geben zu können?

Apokalyptische Ahnungen

Kiefer würde eine solche Frage nicht beantworten. Für ihn – den Theoretiker Kiefer – ist nichts eindeutig! Anders der Künstler Kiefer: Er hat mit seinen großformatigen Bildern Alkahest Werke geschaffen, die aus der derzeit vorwiegend kopflastigen Moderne im doppelten Wortsinn herausragen und den Betrachter tief erschüttern. Die mächtige Sprache dieser Werke wirkt nicht vordergründig alchemistisch oder kabbalistisch – von dieser Kiefer-Esoterik und -philosophie ist spontan überhaupt nichts zu spüren –, sondern apokalyptisch, wie es einleitend bereits gesagt wurde!

Dieser starke Eindruck und seine Deutung lassen sich nicht „beweisen“. Viele Menschen – dazu zählt sich der Autor dieser Zeilen – spüren in ihrem Inneren, in ihrem Gewissen, daß es nicht angebracht ist, den Schöpfer für die schlimmen Zustände auf der Erde verantwortlich zu machen. Es ist der Mensch allein, der soviel Böses verursacht oder zugelassen hat.

Es sieht so aus, daß wir uns aus eigener Kraft nicht mehr aus den Netzen dunkler Verflechtungen und Strömungen lösen können. Das gute Wollen des Menschen vorausgesetzt, liegt es in der göttlichen Gnade beschlossen, „die in der Erde gefangenen Lichtfunken“ dann, wenn die irdische Welt naturgemäß vergehen muß, wieder zu befreien. Daß dies nicht ohne dramatische Veränderungen und Verletzungen vor sich gehen kann, davon spricht die Offenbarung des Johannes. Einige Menschen spüren nicht nur das Gewaltige der prophezeiten apokalyptischen Vorgänge, sondern erkennen auch die Gerechtigkeit und die Verheißung, die damit verbunden sind. Auch ein Anselm Kiefer kündet davon, ohne es zu wissen.


Anselm Kiefer würde sich dagegen verwahren, seine gewaltigen, sperrigen Landschaften als apokalyptisch bezeichnet zu wissen, und doch sind sie es: Sie erschüttern zutiefst wie die Themen des „dies ira“ (Tag des Zorns) im Requiem eines Mozart oder Verdi.

Über Euren Städten wird Gras wachsen …

Über Anselm Kiefers monumentales Gesamtkunstwerk im provenzalischen Barjac – es entstand zwischen 1993 und 2008 in und unter der ehemaligen Seidenfabrik La Ribaute – wurde ein Film unter dem Titel „Over Your Cities Grass Will Grow“ gedreht – Über euren Städten wird Gras wachsen. Dieses auf die Jesaja-Prophezeiung zurückgehende biblische Wort wird von Kiefer nicht in seiner heilsgeschichtlichen Bedeutung gesehen, sondern eher poetisch oder kabbalistisch. Im ZEIT-Interview vom März 2005 sagt er: „Trümmer sind an sich Zukunft. Weil alles, was ist, vergeht. Es gibt dieses wunderbare Kapitel bei Jesaja, in dem es heißt: Über euren Städten wird Gras wachsen. Dieser Spruch hat mich immer fasziniert, schon als Kind. Diese Poesie, die Tatsache, daß man beides zugleich sieht. Jesaja sieht die Stadt und die anderen Schichten darüber, das Gras und wieder eine Stadt, das Gras und wieder eine Stadt.“

 

Für Kiefer kommt demnach die Endzeit nicht einmal für die Bewohner eines bestimmten Weltenkörpers, sondern beliebig oft. Daraus folgt letztlich auch, daß er im Leben „keinen Sinn“ erkennen kann, wie er im selben Interview bekennt.


So sagt er: „Ich halte das Leben aus, indem ich in einem kleinen Bereich eine Ordnung herstelle. Ordnung ist nicht der richtige Begriff. Indem ich in meiner künstlerischen Tätigkeit einen Zusammenhang herstelle. Sonst würde ich nicht leben.“

Alchemie und Kabbalistik

Für diese „Ordnung in einem kleinen Bereich“ oder dem künstlerisch gestalteten „Zusammenhang“ unternimmt Kiefer allerdings einen gewaltigen Aufwand an Alchemie, Kabbalistik, an okkult-esoterischen Lehren, wobei er nebenbei auch Goethe, Hölderlin und Joseph Beuys für sich beansprucht. Der Künstler korrigiert gleichsam in seinem kleinen Arbeitsfeld die „verunglückte Schöpfung“. Denn nach dem Kabbalisten Isaak Luria (1534–72), dem Kiefer gedanklich folgt, ist letztlich nicht der Mensch für die Schwierigkeiten in dieser Welt verantwortlich, sondern der „Rückzug Gottes“. Angeblich ist es durch diesen Vorgang im Schöpfungsgeschehen zu einem großen Unfall gekommen: „Das Licht ist zu stark, die Gefäße brechen, die Schöpfung gerät dadurch in Unordnung […] Die materielle Welt entsteht, in der Gutes und Böses gemischt sind“ (Wikipedia).

 

Der Mensch wiederum ist nach der Überzeugung Kiefers „ein Wesen, das abgrundtief böse ist, abgrundtief böse sein kann“ (ZEIT-Interview). Wie kann es dann geschehen, daß trotz allem die – nach der Auffassung der Gnosis – „in der Erde gefangenen Lichtfunken“ am Ende der Welt wieder befreit werden können? Ist hier der Schöpfer am Werke, der seinen „Rückzug“ beendet oder ist es wieder einmal der Mensch selbst, der glaubt, den verunglückten Lichtfunken wieder die Freiheit geben zu können?

Apokalyptische Ahnungen

Kiefer würde eine solche Frage nicht beantworten. Für ihn – den Theoretiker Kiefer – ist nichts eindeutig! Anders der Künstler Kiefer: Er hat mit seinen großformatigen Bildern Alkahest Werke geschaffen, die aus der derzeit vorwiegend kopflastigen Moderne im doppelten Wortsinn herausragen und den Betrachter tief erschüttern. Die mächtige Sprache dieser Werke wirkt nicht vordergründig alchemistisch oder kabbalistisch – von dieser Kiefer-Esoterik und -philosophie ist spontan überhaupt nichts zu spüren –, sondern apokalyptisch, wie es einleitend bereits gesagt wurde!

Dieser starke Eindruck und seine Deutung lassen sich nicht „beweisen“. Viele Menschen – dazu zählt sich der Autor dieser Zeilen – spüren in ihrem Inneren, in ihrem Gewissen, daß es nicht angebracht ist, den Schöpfer für die schlimmen Zustände auf der Erde verantwortlich zu machen. Es ist der Mensch allein, der soviel Böses verursacht oder zugelassen hat.

Es sieht so aus, daß wir uns aus eigener Kraft nicht mehr aus den Netzen dunkler Verflechtungen und Strömungen lösen können. Das gute Wollen des Menschen vorausgesetzt, liegt es in der göttlichen Gnade beschlossen, „die in der Erde gefangenen Lichtfunken“ dann, wenn die irdische Welt naturgemäß vergehen muß, wieder zu befreien. Daß dies nicht ohne dramatische Veränderungen und Verletzungen vor sich gehen kann, davon spricht die Offenbarung des Johannes. Einige Menschen spüren nicht nur das Gewaltige der prophezeiten apokalyptischen Vorgänge, sondern erkennen auch die Gerechtigkeit und die Verheißung, die damit verbunden sind. Auch ein Anselm Kiefer kündet davon, ohne es zu wissen.



Autor: Dr. Christian Baur

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