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Eva Herman

Zurück ins Haus an den Herd!?

Eva Herman und das „Prinzip Arche Noah“ – kritisch betrachtet.

„Ach die …!“ reagiert die immer bestens informierte Buchhändlerin in unserem Schweizer Thermalbad-Dörfli, als ich Eva Hermans Buchtitel „Das Prinzip Arche Noah“ bei ihr bestelle. Wie sie das denn meine? – frage ich zurück. „Na, die weiß doch gar nichts“, antwortet sie, „woher auch: da redet sie davon, daß wir ins Haus zurück sollen – aber da war sie selbst noch nie auf Dauer – vorher nicht, wie sie noch Sprecherin beim Fernsehen war, und jetzt auch nicht, sie ist ja ständig wegen irgendwelcher PR-Events oder anderer Anlässe unterwegs.“ Ob denn sie, die Buchhändlerin, nicht vielleicht selbst schon mal daran gedacht hätte, nur zu Hause zu sein, knüpfe ich vorsichtig an. „Ja, das schon“, gibt sie zu, „aber wissen Sie, das ist eine Zeitlang wunderschön, richtig zum Genießen, doch dann kommt unweigerlich der Punkt, wo man es nicht mehr aushält: Bliebe ich ganz zu Hause, würde mir Wesentliches fehlen, die Bücher, der Kundenkontakt, das Gefordert-Sein im Umgang mit meinem Beruf, den ich liebe …“

Im Gehen springt mir, prominent im Regal postiert, das bunte Cover der Taschenbuchausgabe des Streitgesprächs der beiden Schweizer Autorinnen Mutter und Tochter Onken ins Auge: „Hilfe, ich bin eine emanzipierte Mutter“. Ich frage die Buchhändlerin, warum denn dieses Buch – ein Jahr vor dem „Eva-Prinzip“ erschienen und wie dieses entschieden gegen die familienfeindlichen Ziele der emanzipierten Frauen gerichtet – nicht annähernd ein solches Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt habe? „Aber das ist doch klar“, lacht mich die Buchhändlerin an und ein klein wenig auch aus: „in dem Buch wird die berufstätige Frau nicht ins Haus zurückgesperrt, sie soll nur mit ihrer Berufstätigkeit Kindern und Familie nicht das nehmen, was sie an Zuwendung brauchen“. Ein markantes Rufzeichen steht hinter diesem Satz.
Das Gespräch ist mir noch im Ohr, als ich ein paar Tage danach das neue Herman-Buch lese – mit Verblüffung zunächst. Im „Prinzip Arche Noah“ präsentiert sich die Autorin souverän über den Problemen stehend. Locker parlierend hat sie auch die thematischen Klippen ihres Buchs im Griff – manche Erfahrung nutzend, die sie aus kontroversen Debatten zum „Eva-Prinzip“ gewonnen haben mag. Wie zum Beispiel die Duldung der – zumindest partiellen – Berufstätigkeit der Frau. Eva wird tatsächlich nicht mehr grundsätzlich „ins Haus zurückgesperrt“.

Nicht nur die Autorin, auch ihr Buch demonstriert formal wie didaktisch Niveau und Kompetenz: Seinen sieben Kapiteln, dem Vor- und Schlußwort sind Zitate von Leuten vorangestellt, die für viele Leser einen hohen Bedeutungswert tragen: Mark Twain, Paul Claudel, Gottfried Benn, Astrid Lindgren, Cole Porter … Namen, die Buch, Verlag und Autorin ein intellektuell seriöses Renommee verschaffen. Auch die einzelnen Kapitel wirken vom Inhaltlichen her sorgfältig gearbeitet, dazu gehört die gründliche Recherche ebenso wie die fundierten Darstellungen der zwischen Staat und Gesellschaft kritisch debattierten Themen: Familienverfall, Scheidungen, die Situation Alleinerziehender, Kinderbetreuung, Ein-Elternfamilie usw. Auf der Ebene dieser Darstellungen gibt sich die Autorin keine Blöße, auch wenn sie mit „starken“ Behauptungen und Argumenten kommt. Wie beispielsweise, daß der Staat den arbeitslosen Frauen keine ausreichende Unterstützung gewährt, weil er sie auf kürzestem Weg in den Beruf zurückbringen will. Denn das werde um so schneller erreicht, je weniger Geld sie als Arbeitslose bekämen. In dieser Frauenpolitik des Staates – der auf den heutzutage tragenden Wirtschaftsfaktor „Frauen im Beruf“ nicht verzichten kann und will – sieht Eva Herman die gegenläufige Tendenz zu der von ihr verfochtenen „Rettung der Familie“. Die Autorin erklärt (Vorwort zum Buch) die Arche des Noah aus dem Alten Testament zum Sinnbild ihres Rettungswerks: wie Noah und seine Sippe mit Hilfe der Arche aus der Sintflut zum Berge Ararat emporgehoben werden, soll die – insbesondere durch das Mutterglück der Frauen – wiederhergestellte Familie zu einer rettenden Arche werden, um die menschliche Gesellschaft über die Flut gegenwärtiger Mißstände zu heben. Hört sich griffig an.

Doch nach Lektüre des Buchs entsteht der Eindruck, daß das Arche-Noah-Prinzip sich irgendwie selbst irritiert, weil es sein Ziel – das rettende „Ufer“ des Ararat in Gestalt der Familie – an die ausgiebigen Definitionen der aktuellen sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse verliert. Wird, wenn „die Wasser des Lebens“ steigen, die „Arche Noah“, Modell Eva Herman, sich wirklich als schwimmfähig erweisen?

Gleich im ersten Kapitel ihres Buches schreibt Eva Herman, adressiert an den (Alice-Schwarzer-)Feminismus: „Jede Theorie, die in die Jahre kommt, läuft Gefahr, sich irgendwann zur Ideologie zu verfestigen …“
Auch das Eva- und/oder das Arche-Noah-Prinzip beschreibt eine Ideologie und – wenn sie auch gerade erst mal geboren ist: auch diese Ideologie wird in die Jahre kommen. Denn um nicht zu altern, braucht ein Prinzip Beweglichkeit, es darf nicht bei sich selber stehenbleiben, es muß variabel und ohne Verallgemeinerungen lebendig bleiben.

Die vielen personifizierten Fallbeispiele, die Eva Herman in ihr Buch einbringt, verdeutlichen zwar bildhaft das jeweilige Problem, um das es geht, andererseits verschleiern sie nur die Tendenz zur Verallgemeinerung. Denn aus solchen Fallbeispielen zieht der Leser natürlich den Schluß: So, wie dieser einzelne Beispiel-Mensch ist, so sind alle in vergleichbarer Situation. Etwa der Fall eines männlichen „Singles“: Ein Bekannter der Autorin, namens soundso, „outet“ sich als überzeugt familienferner Single, und es wird klar, wie unzufrieden, wie mürrisch, wie fast ohne Bezug zur Umgebung, gar zu Kindern, er ist – naheliegende Schlußfolgerung: so sind (alle) Singles nun einmal.

Und was die verallgemeinert traurige Situation der weiblichen, kinderlos gebliebenen Singles im Dilemma ihrer Familien-Ferne betrifft, so gibt das Arche-Noah-Prinzip einen Rat, der dicke Fragezeichen verdient: diese Frauen sollen den ihnen fehlenden Erfahrungs- und Daseinswert „Kinder“ aus dem Sich-Kümmern um Scheidungskinder, Kinder aus Patchworkfamilien oder überhaupt um Kinder anderer ziehen.
Sicher, solchermaßen setzte man früher in den Familien die unverheirateten Tanten ein. Aber kann man auf diese Weise wirklich den Daseinswert der Frauen, die keine Kinder geboren haben, steigern? Ist überhaupt Mutterschaft das höchst erreichbare – wie es das Eva-Prinzip sagt – „schöpfungsbedingte“ Ziel der Frauen, ihre eigentliche Aufgabe?

Eva Hermans Eintreten für die Rettung der Familie ist anerkennenswert – wenigstens dann, wenn dieser Kampf zum Hintergrund hat, daß Familie über Zigtausende von Jahren den Menschen Schutz und Sicherheit bedeutete und eine Keimzelle menschlichen Lebens und menschlicher Kultur gewesen ist.

Aber für eine wie geartete Familie macht sich Eva Herman eigentlich stark? Etwa für jene, wie sie bis ins ausgehende 20. Jahrhundert immer noch bestehen konnte, aber – trotz der Vater-Mutter-Kinder-Konstellation – von immer mehr Menschen als drückende Fessel empfunden wurde?
Vielleicht würden weitere Fragen – wie die Autorin sie nicht stellt, sie nicht einmal antönt – es ihren Lesern erleichtern, weiterführende Antwort oder sogar Lösungswege zu finden. Zum Beispiel Fragen danach, warum denn die Institution Familie in Überlebensnot geraten ist? Ob denn die Familien-Tradition, wie man sie in zurückliegenden Jahrhunderten allgemein gepflegt hat, überhaupt richtig ist?

Das ursprüngliche Modell von Familie, wie wir sie in unseren Breiten kennen und benennen, entstand an der Wiege europäischer Kulturentfaltung, als das nomadische Leben durch den seßhaften „Ackermann“ grundlegend verändert wurde: er baute für sich und die Seinen ein Haus. Und das Familienleben darin basierte auf einer gleichgewichteten Aufgaben- und Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, entsprechend ihrer natürlichen Wesensunterschiede. Ja: der Mann überwiegend im Außen der Welt, als ihr tätiger Gestalter und Verwalter zum Nutzen der Familie. Und ja: die Frau im Kosmos des Hauses, das sie in königlicher Freiheit ihres Empfindens und Handelns zum Mittelpunkt des familiären, gesellschaftlichen, auch des religiösen Lebens gestaltete.

Haben die vielen Ehen und Familien, die heute in die Brüche gehen, je ein auch nur annähernd verwandtes Konzept zu ihrer Grundlage gehabt?

Wohl kaum. In unzähligen Generationen ist „die Familie“ erstarrt zu einem alt-tradierten Modell, voll der gegenseitigen Ansprüche, Forderungen und Bindungen unter denen, die sich Familienangehörige nennen. Natürlich bringt der Familien-Verband, bezogen auf das tagtägliche Leben, für den einzelnen auch Vorteile – aber verdient sie deswegen allein eine Rettungsaktion? Denn ihre eigentlichen Qualitäten werden größtenteils nicht mehr gelebt. Ist am Ende der fortschreitende Untergang der Familie in ihrer traditionellen Form das zwangsläufig eintretende Ergebnis eines falsch verstandenen und gelebten Begriffs von dem, was Familie bedeutet, was sie sein kann und sein sollte?

Das „Prinzip Arche Noah“ stellt sich solchen Fragen und Denkansätzen leider gar nicht. Schade, denn ein tragender Rettungsweg für die Familie als „Arche“, die sich über die allgemein verbreitete Not des Werteverlusts erheben kann, kann nur über die Einsicht in derartige Problematiken führen. Und natürlich über das Bemühen, zu weiterführenden Erkenntnissen vorzustoßen.

Die Rettung der Familie auf dem Rückweg zum Muster einer wie seit Jahrhunderten gepflegten Tradition führt vielleicht zu besseren Quoten von Familiengründungen – aber ihre tatsächliche Rettung kann wohl nur über einen Neu-Anfang geschehen. Und der setzt ein geklärtes und sich korrigierendes Verständnis von Mutter und Vater voraus.


„Ach die …!“ reagiert die immer bestens informierte Buchhändlerin in unserem Schweizer Thermalbad-Dörfli, als ich Eva Hermans Buchtitel „Das Prinzip Arche Noah“ bei ihr bestelle. Wie sie das denn meine? – frage ich zurück. „Na, die weiß doch gar nichts“, antwortet sie, „woher auch: da redet sie davon, daß wir ins Haus zurück sollen – aber da war sie selbst noch nie auf Dauer – vorher nicht, wie sie noch Sprecherin beim Fernsehen war, und jetzt auch nicht, sie ist ja ständig wegen irgendwelcher PR-Events oder anderer Anlässe unterwegs.“ Ob denn sie, die Buchhändlerin, nicht vielleicht selbst schon mal daran gedacht hätte, nur zu Hause zu sein, knüpfe ich vorsichtig an. „Ja, das schon“, gibt sie zu, „aber wissen Sie, das ist eine Zeitlang wunderschön, richtig zum Genießen, doch dann kommt unweigerlich der Punkt, wo man es nicht mehr aushält: Bliebe ich ganz zu Hause, würde mir Wesentliches fehlen, die Bücher, der Kundenkontakt, das Gefordert-Sein im Umgang mit meinem Beruf, den ich liebe …“

Im Gehen springt mir, prominent im Regal postiert, das bunte Cover der Taschenbuchausgabe des Streitgesprächs der beiden Schweizer Autorinnen Mutter und Tochter Onken ins Auge: „Hilfe, ich bin eine emanzipierte Mutter“. Ich frage die Buchhändlerin, warum denn dieses Buch – ein Jahr vor dem „Eva-Prinzip“ erschienen und wie dieses entschieden gegen die familienfeindlichen Ziele der emanzipierten Frauen gerichtet – nicht annähernd ein solches Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt habe? „Aber das ist doch klar“, lacht mich die Buchhändlerin an und ein klein wenig auch aus: „in dem Buch wird die berufstätige Frau nicht ins Haus zurückgesperrt, sie soll nur mit ihrer Berufstätigkeit Kindern und Familie nicht das nehmen, was sie an Zuwendung brauchen“. Ein markantes Rufzeichen steht hinter diesem Satz.
Das Gespräch ist mir noch im Ohr, als ich ein paar Tage danach das neue Herman-Buch lese – mit Verblüffung zunächst. Im „Prinzip Arche Noah“ präsentiert sich die Autorin souverän über den Problemen stehend. Locker parlierend hat sie auch die thematischen Klippen ihres Buchs im Griff – manche Erfahrung nutzend, die sie aus kontroversen Debatten zum „Eva-Prinzip“ gewonnen haben mag. Wie zum Beispiel die Duldung der – zumindest partiellen – Berufstätigkeit der Frau. Eva wird tatsächlich nicht mehr grundsätzlich „ins Haus zurückgesperrt“.

Nicht nur die Autorin, auch ihr Buch demonstriert formal wie didaktisch Niveau und Kompetenz: Seinen sieben Kapiteln, dem Vor- und Schlußwort sind Zitate von Leuten vorangestellt, die für viele Leser einen hohen Bedeutungswert tragen: Mark Twain, Paul Claudel, Gottfried Benn, Astrid Lindgren, Cole Porter … Namen, die Buch, Verlag und Autorin ein intellektuell seriöses Renommee verschaffen. Auch die einzelnen Kapitel wirken vom Inhaltlichen her sorgfältig gearbeitet, dazu gehört die gründliche Recherche ebenso wie die fundierten Darstellungen der zwischen Staat und Gesellschaft kritisch debattierten Themen: Familienverfall, Scheidungen, die Situation Alleinerziehender, Kinderbetreuung, Ein-Elternfamilie usw. Auf der Ebene dieser Darstellungen gibt sich die Autorin keine Blöße, auch wenn sie mit „starken“ Behauptungen und Argumenten kommt. Wie beispielsweise, daß der Staat den arbeitslosen Frauen keine ausreichende Unterstützung gewährt, weil er sie auf kürzestem Weg in den Beruf zurückbringen will. Denn das werde um so schneller erreicht, je weniger Geld sie als Arbeitslose bekämen. In dieser Frauenpolitik des Staates – der auf den heutzutage tragenden Wirtschaftsfaktor „Frauen im Beruf“ nicht verzichten kann und will – sieht Eva Herman die gegenläufige Tendenz zu der von ihr verfochtenen „Rettung der Familie“. Die Autorin erklärt (Vorwort zum Buch) die Arche des Noah aus dem Alten Testament zum Sinnbild ihres Rettungswerks: wie Noah und seine Sippe mit Hilfe der Arche aus der Sintflut zum Berge Ararat emporgehoben werden, soll die – insbesondere durch das Mutterglück der Frauen – wiederhergestellte Familie zu einer rettenden Arche werden, um die menschliche Gesellschaft über die Flut gegenwärtiger Mißstände zu heben. Hört sich griffig an.

Doch nach Lektüre des Buchs entsteht der Eindruck, daß das Arche-Noah-Prinzip sich irgendwie selbst irritiert, weil es sein Ziel – das rettende „Ufer“ des Ararat in Gestalt der Familie – an die ausgiebigen Definitionen der aktuellen sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse verliert. Wird, wenn „die Wasser des Lebens“ steigen, die „Arche Noah“, Modell Eva Herman, sich wirklich als schwimmfähig erweisen?

Gleich im ersten Kapitel ihres Buches schreibt Eva Herman, adressiert an den (Alice-Schwarzer-)Feminismus: „Jede Theorie, die in die Jahre kommt, läuft Gefahr, sich irgendwann zur Ideologie zu verfestigen …“
Auch das Eva- und/oder das Arche-Noah-Prinzip beschreibt eine Ideologie und – wenn sie auch gerade erst mal geboren ist: auch diese Ideologie wird in die Jahre kommen. Denn um nicht zu altern, braucht ein Prinzip Beweglichkeit, es darf nicht bei sich selber stehenbleiben, es muß variabel und ohne Verallgemeinerungen lebendig bleiben.

Die vielen personifizierten Fallbeispiele, die Eva Herman in ihr Buch einbringt, verdeutlichen zwar bildhaft das jeweilige Problem, um das es geht, andererseits verschleiern sie nur die Tendenz zur Verallgemeinerung. Denn aus solchen Fallbeispielen zieht der Leser natürlich den Schluß: So, wie dieser einzelne Beispiel-Mensch ist, so sind alle in vergleichbarer Situation. Etwa der Fall eines männlichen „Singles“: Ein Bekannter der Autorin, namens soundso, „outet“ sich als überzeugt familienferner Single, und es wird klar, wie unzufrieden, wie mürrisch, wie fast ohne Bezug zur Umgebung, gar zu Kindern, er ist – naheliegende Schlußfolgerung: so sind (alle) Singles nun einmal.

Und was die verallgemeinert traurige Situation der weiblichen, kinderlos gebliebenen Singles im Dilemma ihrer Familien-Ferne betrifft, so gibt das Arche-Noah-Prinzip einen Rat, der dicke Fragezeichen verdient: diese Frauen sollen den ihnen fehlenden Erfahrungs- und Daseinswert „Kinder“ aus dem Sich-Kümmern um Scheidungskinder, Kinder aus Patchworkfamilien oder überhaupt um Kinder anderer ziehen.
Sicher, solchermaßen setzte man früher in den Familien die unverheirateten Tanten ein. Aber kann man auf diese Weise wirklich den Daseinswert der Frauen, die keine Kinder geboren haben, steigern? Ist überhaupt Mutterschaft das höchst erreichbare – wie es das Eva-Prinzip sagt – „schöpfungsbedingte“ Ziel der Frauen, ihre eigentliche Aufgabe?

Eva Hermans Eintreten für die Rettung der Familie ist anerkennenswert – wenigstens dann, wenn dieser Kampf zum Hintergrund hat, daß Familie über Zigtausende von Jahren den Menschen Schutz und Sicherheit bedeutete und eine Keimzelle menschlichen Lebens und menschlicher Kultur gewesen ist.

Aber für eine wie geartete Familie macht sich Eva Herman eigentlich stark? Etwa für jene, wie sie bis ins ausgehende 20. Jahrhundert immer noch bestehen konnte, aber – trotz der Vater-Mutter-Kinder-Konstellation – von immer mehr Menschen als drückende Fessel empfunden wurde?
Vielleicht würden weitere Fragen – wie die Autorin sie nicht stellt, sie nicht einmal antönt – es ihren Lesern erleichtern, weiterführende Antwort oder sogar Lösungswege zu finden. Zum Beispiel Fragen danach, warum denn die Institution Familie in Überlebensnot geraten ist? Ob denn die Familien-Tradition, wie man sie in zurückliegenden Jahrhunderten allgemein gepflegt hat, überhaupt richtig ist?

Das ursprüngliche Modell von Familie, wie wir sie in unseren Breiten kennen und benennen, entstand an der Wiege europäischer Kulturentfaltung, als das nomadische Leben durch den seßhaften „Ackermann“ grundlegend verändert wurde: er baute für sich und die Seinen ein Haus. Und das Familienleben darin basierte auf einer gleichgewichteten Aufgaben- und Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, entsprechend ihrer natürlichen Wesensunterschiede. Ja: der Mann überwiegend im Außen der Welt, als ihr tätiger Gestalter und Verwalter zum Nutzen der Familie. Und ja: die Frau im Kosmos des Hauses, das sie in königlicher Freiheit ihres Empfindens und Handelns zum Mittelpunkt des familiären, gesellschaftlichen, auch des religiösen Lebens gestaltete.

Haben die vielen Ehen und Familien, die heute in die Brüche gehen, je ein auch nur annähernd verwandtes Konzept zu ihrer Grundlage gehabt?

Wohl kaum. In unzähligen Generationen ist „die Familie“ erstarrt zu einem alt-tradierten Modell, voll der gegenseitigen Ansprüche, Forderungen und Bindungen unter denen, die sich Familienangehörige nennen. Natürlich bringt der Familien-Verband, bezogen auf das tagtägliche Leben, für den einzelnen auch Vorteile – aber verdient sie deswegen allein eine Rettungsaktion? Denn ihre eigentlichen Qualitäten werden größtenteils nicht mehr gelebt. Ist am Ende der fortschreitende Untergang der Familie in ihrer traditionellen Form das zwangsläufig eintretende Ergebnis eines falsch verstandenen und gelebten Begriffs von dem, was Familie bedeutet, was sie sein kann und sein sollte?

Das „Prinzip Arche Noah“ stellt sich solchen Fragen und Denkansätzen leider gar nicht. Schade, denn ein tragender Rettungsweg für die Familie als „Arche“, die sich über die allgemein verbreitete Not des Werteverlusts erheben kann, kann nur über die Einsicht in derartige Problematiken führen. Und natürlich über das Bemühen, zu weiterführenden Erkenntnissen vorzustoßen.

Die Rettung der Familie auf dem Rückweg zum Muster einer wie seit Jahrhunderten gepflegten Tradition führt vielleicht zu besseren Quoten von Familiengründungen – aber ihre tatsächliche Rettung kann wohl nur über einen Neu-Anfang geschehen. Und der setzt ein geklärtes und sich korrigierendes Verständnis von Mutter und Vater voraus.



Autor: Dr. Monika Schulze
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Nachschlagworte

  • Eva Herman
  • Familie
  • Arche Noah

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Dr. Monika Schulze

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