Organspende
Nicht der Tod ist das größte Problem …
Kritische Anmerkungen zur Organspende-Praxis
In Sachen Organspende bewegt sich in Deutschland etwas. Seit Monaten wirbt die „Deutsche Stiftung Organspende“ (DSO) massiv für das „Organspenden nach dem Tod“. Politiker favorisieren die sogenannte Entscheidungslösung, wonach jeder sich einmal im Leben mit der Frage beschäftigen sollte, ob er „nach seinem Tod“ Organe spenden möchte. Außerdem soll das Ziel, „mehr Organe zu erhalten“, in das Grundgesetz aufgenommen werden.
Dagegen gibt es seit Jahren – und verstärkt in den vergangenen Monaten – Widerspruch seitens Journalisten, Juristen und Medizinern. Denn in den USA wurde 2008 ein Gutachten des „The President's Council on Bioethics“ veröffentlicht, demzufolge die wichtigste Grundlage der Transplantationsmedizin, nämlich die Annahme, daß zwischen dem Hirntod und der Desintegration der körperlichen Funktionen ein enger zeitlicher und naturgesetzlicher Zusammenhang bestehe, empirisch widerlegt sei. Auf gut deutsch: Auch wenn ein Mensch bereits hirntot sein sollte – was für die Medizin derzeit als Kriterium des endgültigen Todeszeitpunktes gilt und sie dazu berechtigt, einem Menschen Organe zu entnehmen –, bedeutet dies nicht zwangsläufig, daß dieser hirntote Mensch auch tatsächlich stirbt! Es gibt zahlreiche Fälle, die das Gegenteil belegen. Doch über solche Fälle spricht man in der Transplantationsindustrie und in der Politik nicht – und wirbt auf ganzseitigen Plakaten weiterhin dafür, „nach dem Tod Leben“ zu schenken.
Immerhin aber ist seit dem amerikanischen Gutachten aus dem Jahr 2008 (seltsam, daß wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse viel länger brauchen, um bei uns wahrgenommen zu werden, als das neue iPad …) der „Hirntod“ als Begründung dafür, Organe zu entnehmen, umstrittener denn je. Sabine Müller von der Berliner Charité, eine Kritikerin der Hirntodtheorie, weist darauf hin, daß mit neuen, bildgebenden Verfahren (Positronenemissionstomographie) oder der funktionellen Magnetresonanztomographie auch bei Hirntoten noch Leben, also Ströme in bestimmten Bereichen des Gehirns festgestellt werden können. Selbst Befürworter des Hirntod-Kriteriums wie der Münchner Professor Dr. Heinz Angstwurm beschreiben hirntote Menschen als „lebenden Zellhaufen“, weil 97 Prozent des Körpers noch Lebensmerkmale zeigen.
Aber es geht mir hier gar nicht um neue Argumente wider den Hirntod. Biologisch betrachtet steht meines Erachtens ohnehin längst fest, daß hirntote Menschen in Wirklichkeit Sterbende sind, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die unseligen Organtransplantationen, die aufgrund dieser „Todeserklärung“ stattfinden können, der Vergangenheit angehören werden.
Was ich jedoch in der aktuellen Diskussion vermisse, ist ein grundlegender ethischer Aspekt: Warum überhaupt Organtransplantationen um jeden Preis? Welche Vorstellung vom Leben haben wir? Weshalb heißt es die überwiegende Mehrheit unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten gut, daß Sterbende ausgeschlachtet werden?
Im Fernsehen und in den Hochglanzmagazinen werden oft ausgesuchte Fälle präsentiert, bei denen eine Organverpflanzung „gutgegangen ist“, Menschen also, die mit ihrem neuen Organ jahrelang und mit nur wenigen Beschwerden leben. Über andere Fälle, bei denen eine Transplantation erfolglos blieb, und über die Nebenwirkungen der starken Medikamente, die Organempfänger nehmen müssen, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden, und die das Immunsystem und andere Organe irreversibel schädigen, hört und liest man nur selten.
Auch den Geldaspekt sollte man nicht vergessen, denn Transplantationen sind, wie es der Journalist und Buchautor Richard Fuchs ausdrückt, „ein Mordsgeschäft“. Jede Transplantation kostet die Krankenkassen etwa 50.000 bis 80.000 Euro; abgesehen von den teuren Medikamenten, die von den Organempfängern jahrelang täglich eingenommen werden müssen.
Über alle diese „Nebenaspekte“ lohnt es sich zweifellos nachzudenken. Aber ich vermisse in der aktuellen Diskussion um den Hirntod und die Organspende ganzheitliche Betrachtungen. Spirituell eingestellte Menschen haben doch schon immer gewußt oder wenigstens geahnt, daß es sich bei den Explantationen an Sterbenden um unverantwortliche Eingriffe handelt, denn die Seele des Menschen wird durch die Aufrechterhaltung der Atmung und des Blutkreislaufes daran gehindert, den Körper zu verlassen, und erleidet während der Organentnahme womöglich starke Schmerzen, weil der natürliche, langsame Sterbeprozeß unterbunden wurde und noch eine Verbindung zwischen der Seele und dem Körper besteht. Vollnarkosen während der Explantation, für deren Einsatz es schon weltweit Protestaufrufe gab, werden nach wie vor nur selten verabreicht.
Was ich jedoch vor allem vermisse, ist die Diskussion darüber, aus welcher Motivation und aus welchem Weltbild heraus wir überhaupt Organe verpflanzen. Denn abgesehen davon, daß es in manchen Fällen Wege zur Heilung geben könnte, die nicht ausreichend in Betracht gezogen werden, geht es doch im allgemeinen immer nur darum, irgendwie um jeden Preis dem Tod zu entrinnen – weil man als „Leben“ nur das Leben in und mit dem physischen Körper anerkennt.
Meines Erachtens und nach meinen subjektiven Beobachtungen wird allgemein viel zu schnell operiert, und der bekannte Vorbehalt, daß unsere materiell eingestellte Medizin nur Symptome, nicht aber die Ursachen behandelt, stimmt zweifellos. Mit dem Austausch eines Organs ändert sich weder der Mensch noch der Grund für sein Leiden.
Der menschliche Körper ist kein Automobil, bei dem ein neuer Motor eingesetzt werden kann, damit er wieder „wie neu“ funktioniert. Die Struktur des Menschen ist wesentlich komplexer, und vor allem umfaßt unser Menschsein auch das Feinstoffliche und das Geistige. Diese Daseinsbereiche, in denen sich unsere Innenwelt und unser Bewußtsein gründen, müßten gründlich erforscht und bei Krankheiten zuallererst ins Visier genommen werden.
Leider aber werden durch die allgemeine geistige Trägheit auch weitreichende Irrwege in der Medizin einfach hingenommen, ohne daß sich jemand dagegen wehrt.
„Wenn Carines Herzschlag aussetzt und ihre Atmung stillsteht, zählt jede Minute
Nun kommt die Kurskorrektur in Sachen Organverpflanzungen von der Wissenschaft selbst – und dies hoffentlich schnell und nachhaltig. Nicht nur das genannte Gutachten des „The President's Council on Bioethics“ regt gründlich zum Nachdenken an, sondern beispielsweise auch der erst kürzlich publik gewordene Fall einer belgischen Frau, die sich im Januar 2005 von den Ärzten wegen einer unerträglichen Behinderung nach einem Schlaganfall töten ließ (in Belgien ist dies möglich) und ihre Organe zur Verfügung stellte. Die Schilderung dieses Vorganges in „Zeit Online“ vom 20. Oktober 2011 zeigt exemplarisch, wie dringend nötig es für eine Explantation ist, daß die Organe „lebensfrisch“ sind: „Wenn Carines [so wird hier die Belgierin genannt, die sich töten ließ] Herzschlag aussetzt und ihre Atmung stillsteht, zählt jede Minute. Jede Minute Sauerstoffmangel mehr kann ihre Organe schädigen und damit die Chancen der Organempfänger verschlechtern. Damit die Chirurgen die Todesfeststellung nicht beeinflussen, warten sie während der Tötung im Nebenraum, bereits in steriler Kleidung. Doch auch die Euthanasieärzte wissen um das Risiko der Organschädigung. Sehen sie Carine in diesen Minuten noch als sterbende Patientin, für deren Wohl sie bis zum letzten Moment sorgen müssen? Oder schon als Spenderin? Läßt sich das überhaupt noch trennen?
Cras [einer der Ärzte] kontrolliert den Herzschlag der Sterbenden mit einem Stethoskop und beobachtet ihre Atmung. Wenige Minuten nach der tödlichen Injektion ist es soweit: Carines Herz steht still, sie atmet nicht mehr, ihre Pupillen sind starr. Cras bescheinigt als erster ihren Tod. […] Dann geht es nach den Erinnerungen der Ärzte sehr schnell. Die Chirurgen kommen herein und legen los, noch ehe die Euthanasieärzte den Operationssaal verlassen haben. Carines Kleider werden heruntergeschnitten, ihre Haut wird desinfiziert. Zwei Teams beugen sich gleichzeitig über den leblosen Körper, etwa fünf Minuten nach der Todesdiagnose. Der Ethiker Cras zeigt sich noch heute beeindruckt von der Effizienz des Teams. ,Ich habe die ersten 30 Sekunden gesehen', sagt er, ,und ich muß zugeben, es war sehr belastend für mich.'“
Dieser Fall von Euthanasie mit unmittelbar anschließender Organentnahme war eine „Weltpremiere“ und wurde entsprechend detailreich diskutiert. Aber was hier deutlich wird, gilt auch für jede Organentnahme bei sogenannten „Hirntoten“: Es handelt sich um sterbende Menschen, deren Organe gut durchblutet sein müssen und denen durch den Eingriff ein würdevolles Abscheiden versagt wird.
Die Masse der Transplantations-Kritiker wurde bisher nur durch Bücher und Internet-Blogs erreicht, wie etwa die von Renate Greinert und Uwe Müller, die beide ihre noch jungen Söhne durch einen Verkehrsunfall verloren und sie – in Unkenntnis der eigentlichen Vorgänge bei der Organverpflanzung – „ausschlachten“ ließen … bis sie zur Besinnung kamen. Seitdem sind sie sachlich-fundiert, aber auch emotional-berührend darum bemüht aufzuklären: Nicht der Tod ist das größte Problem, sondern Schuld und Leid sind es.
In Sachen Organspende bewegt sich in Deutschland etwas. Seit Monaten wirbt die „Deutsche Stiftung Organspende“ (DSO) massiv für das „Organspenden nach dem Tod“. Politiker favorisieren die sogenannte Entscheidungslösung, wonach jeder sich einmal im Leben mit der Frage beschäftigen sollte, ob er „nach seinem Tod“ Organe spenden möchte. Außerdem soll das Ziel, „mehr Organe zu erhalten“, in das Grundgesetz aufgenommen werden.
Dagegen gibt es seit Jahren – und verstärkt in den vergangenen Monaten – Widerspruch seitens Journalisten, Juristen und Medizinern. Denn in den USA wurde 2008 ein Gutachten des „The President's Council on Bioethics“ veröffentlicht, demzufolge die wichtigste Grundlage der Transplantationsmedizin, nämlich die Annahme, daß zwischen dem Hirntod und der Desintegration der körperlichen Funktionen ein enger zeitlicher und naturgesetzlicher Zusammenhang bestehe, empirisch widerlegt sei. Auf gut deutsch: Auch wenn ein Mensch bereits hirntot sein sollte – was für die Medizin derzeit als Kriterium des endgültigen Todeszeitpunktes gilt und sie dazu berechtigt, einem Menschen Organe zu entnehmen –, bedeutet dies nicht zwangsläufig, daß dieser hirntote Mensch auch tatsächlich stirbt! Es gibt zahlreiche Fälle, die das Gegenteil belegen. Doch über solche Fälle spricht man in der Transplantationsindustrie und in der Politik nicht – und wirbt auf ganzseitigen Plakaten weiterhin dafür, „nach dem Tod Leben“ zu schenken.
Immerhin aber ist seit dem amerikanischen Gutachten aus dem Jahr 2008 (seltsam, daß wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse viel länger brauchen, um bei uns wahrgenommen zu werden, als das neue iPad …) der „Hirntod“ als Begründung dafür, Organe zu entnehmen, umstrittener denn je. Sabine Müller von der Berliner Charité, eine Kritikerin der Hirntodtheorie, weist darauf hin, daß mit neuen, bildgebenden Verfahren (Positronenemissionstomographie) oder der funktionellen Magnetresonanztomographie auch bei Hirntoten noch Leben, also Ströme in bestimmten Bereichen des Gehirns festgestellt werden können. Selbst Befürworter des Hirntod-Kriteriums wie der Münchner Professor Dr. Heinz Angstwurm beschreiben hirntote Menschen als „lebenden Zellhaufen“, weil 97 Prozent des Körpers noch Lebensmerkmale zeigen.
Aber es geht mir hier gar nicht um neue Argumente wider den Hirntod. Biologisch betrachtet steht meines Erachtens ohnehin längst fest, daß hirntote Menschen in Wirklichkeit Sterbende sind, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die unseligen Organtransplantationen, die aufgrund dieser „Todeserklärung“ stattfinden können, der Vergangenheit angehören werden.
Was ich jedoch in der aktuellen Diskussion vermisse, ist ein grundlegender ethischer Aspekt: Warum überhaupt Organtransplantationen um jeden Preis? Welche Vorstellung vom Leben haben wir? Weshalb heißt es die überwiegende Mehrheit unserer Gesellschaft seit Jahrzehnten gut, daß Sterbende ausgeschlachtet werden?
Im Fernsehen und in den Hochglanzmagazinen werden oft ausgesuchte Fälle präsentiert, bei denen eine Organverpflanzung „gutgegangen ist“, Menschen also, die mit ihrem neuen Organ jahrelang und mit nur wenigen Beschwerden leben. Über andere Fälle, bei denen eine Transplantation erfolglos blieb, und über die Nebenwirkungen der starken Medikamente, die Organempfänger nehmen müssen, um Abstoßungsreaktionen zu vermeiden, und die das Immunsystem und andere Organe irreversibel schädigen, hört und liest man nur selten.
Auch den Geldaspekt sollte man nicht vergessen, denn Transplantationen sind, wie es der Journalist und Buchautor Richard Fuchs ausdrückt, „ein Mordsgeschäft“. Jede Transplantation kostet die Krankenkassen etwa 50.000 bis 80.000 Euro; abgesehen von den teuren Medikamenten, die von den Organempfängern jahrelang täglich eingenommen werden müssen.
Über alle diese „Nebenaspekte“ lohnt es sich zweifellos nachzudenken. Aber ich vermisse in der aktuellen Diskussion um den Hirntod und die Organspende ganzheitliche Betrachtungen. Spirituell eingestellte Menschen haben doch schon immer gewußt oder wenigstens geahnt, daß es sich bei den Explantationen an Sterbenden um unverantwortliche Eingriffe handelt, denn die Seele des Menschen wird durch die Aufrechterhaltung der Atmung und des Blutkreislaufes daran gehindert, den Körper zu verlassen, und erleidet während der Organentnahme womöglich starke Schmerzen, weil der natürliche, langsame Sterbeprozeß unterbunden wurde und noch eine Verbindung zwischen der Seele und dem Körper besteht. Vollnarkosen während der Explantation, für deren Einsatz es schon weltweit Protestaufrufe gab, werden nach wie vor nur selten verabreicht.
Was ich jedoch vor allem vermisse, ist die Diskussion darüber, aus welcher Motivation und aus welchem Weltbild heraus wir überhaupt Organe verpflanzen. Denn abgesehen davon, daß es in manchen Fällen Wege zur Heilung geben könnte, die nicht ausreichend in Betracht gezogen werden, geht es doch im allgemeinen immer nur darum, irgendwie um jeden Preis dem Tod zu entrinnen – weil man als „Leben“ nur das Leben in und mit dem physischen Körper anerkennt.
Meines Erachtens und nach meinen subjektiven Beobachtungen wird allgemein viel zu schnell operiert, und der bekannte Vorbehalt, daß unsere materiell eingestellte Medizin nur Symptome, nicht aber die Ursachen behandelt, stimmt zweifellos. Mit dem Austausch eines Organs ändert sich weder der Mensch noch der Grund für sein Leiden.
Der menschliche Körper ist kein Automobil, bei dem ein neuer Motor eingesetzt werden kann, damit er wieder „wie neu“ funktioniert. Die Struktur des Menschen ist wesentlich komplexer, und vor allem umfaßt unser Menschsein auch das Feinstoffliche und das Geistige. Diese Daseinsbereiche, in denen sich unsere Innenwelt und unser Bewußtsein gründen, müßten gründlich erforscht und bei Krankheiten zuallererst ins Visier genommen werden.
Leider aber werden durch die allgemeine geistige Trägheit auch weitreichende Irrwege in der Medizin einfach hingenommen, ohne daß sich jemand dagegen wehrt.
„Wenn Carines Herzschlag aussetzt und ihre Atmung stillsteht, zählt jede Minute
Nun kommt die Kurskorrektur in Sachen Organverpflanzungen von der Wissenschaft selbst – und dies hoffentlich schnell und nachhaltig. Nicht nur das genannte Gutachten des „The President's Council on Bioethics“ regt gründlich zum Nachdenken an, sondern beispielsweise auch der erst kürzlich publik gewordene Fall einer belgischen Frau, die sich im Januar 2005 von den Ärzten wegen einer unerträglichen Behinderung nach einem Schlaganfall töten ließ (in Belgien ist dies möglich) und ihre Organe zur Verfügung stellte. Die Schilderung dieses Vorganges in „Zeit Online“ vom 20. Oktober 2011 zeigt exemplarisch, wie dringend nötig es für eine Explantation ist, daß die Organe „lebensfrisch“ sind: „Wenn Carines [so wird hier die Belgierin genannt, die sich töten ließ] Herzschlag aussetzt und ihre Atmung stillsteht, zählt jede Minute. Jede Minute Sauerstoffmangel mehr kann ihre Organe schädigen und damit die Chancen der Organempfänger verschlechtern. Damit die Chirurgen die Todesfeststellung nicht beeinflussen, warten sie während der Tötung im Nebenraum, bereits in steriler Kleidung. Doch auch die Euthanasieärzte wissen um das Risiko der Organschädigung. Sehen sie Carine in diesen Minuten noch als sterbende Patientin, für deren Wohl sie bis zum letzten Moment sorgen müssen? Oder schon als Spenderin? Läßt sich das überhaupt noch trennen?
Cras [einer der Ärzte] kontrolliert den Herzschlag der Sterbenden mit einem Stethoskop und beobachtet ihre Atmung. Wenige Minuten nach der tödlichen Injektion ist es soweit: Carines Herz steht still, sie atmet nicht mehr, ihre Pupillen sind starr. Cras bescheinigt als erster ihren Tod. […] Dann geht es nach den Erinnerungen der Ärzte sehr schnell. Die Chirurgen kommen herein und legen los, noch ehe die Euthanasieärzte den Operationssaal verlassen haben. Carines Kleider werden heruntergeschnitten, ihre Haut wird desinfiziert. Zwei Teams beugen sich gleichzeitig über den leblosen Körper, etwa fünf Minuten nach der Todesdiagnose. Der Ethiker Cras zeigt sich noch heute beeindruckt von der Effizienz des Teams. ,Ich habe die ersten 30 Sekunden gesehen', sagt er, ,und ich muß zugeben, es war sehr belastend für mich.'“
Dieser Fall von Euthanasie mit unmittelbar anschließender Organentnahme war eine „Weltpremiere“ und wurde entsprechend detailreich diskutiert. Aber was hier deutlich wird, gilt auch für jede Organentnahme bei sogenannten „Hirntoten“: Es handelt sich um sterbende Menschen, deren Organe gut durchblutet sein müssen und denen durch den Eingriff ein würdevolles Abscheiden versagt wird.
Die Masse der Transplantations-Kritiker wurde bisher nur durch Bücher und Internet-Blogs erreicht, wie etwa die von Renate Greinert und Uwe Müller, die beide ihre noch jungen Söhne durch einen Verkehrsunfall verloren und sie – in Unkenntnis der eigentlichen Vorgänge bei der Organverpflanzung – „ausschlachten“ ließen … bis sie zur Besinnung kamen. Seitdem sind sie sachlich-fundiert, aber auch emotional-berührend darum bemüht aufzuklären: Nicht der Tod ist das größte Problem, sondern Schuld und Leid sind es.
Autor: Corinna Hübener
