Abendländische Kultur
Am Wendepunkt
Könnte es sein, daß wir heute an einem Wendepunkt sind? Steht die europäisch-abendländische Kultur am Ende ihrer Entwicklung, und entfaltet sich ein globaler Kulturkreis neu?
Die heutigen „Kids“: Anglizismen beherrschen die deutsche Sprache – ein Anzeichen für einen umfassenden kulturellen Wandel?Das römische Weltreich umfaßte geographisch den gesamten Mittelmeerraum von Gibraltar bis Kleinasien und von Ägypten bis Gallien, auch Teile von Germanien. Abgesehen von den jeweils örtlich und regional herrschenden Sprachen und Dialekten war die Umgangssprache in diesem Imperium lateinisch. Jeder, der administrativ, wirtschaftlich oder militärisch mit dem Stammland um Rom zu tun hatte, mußte Latein verstehen und sprechen können. Die Sprache der Gelehrten aber war im ganzen Imperium Griechisch, weshalb das Neue Testament zuerst in griechischer Sprache niedergelegt wurde. Zusammen mit der griechischen Sprache kam aber natürlich auch hellenistisches Gedankengut in diese gebildeten Kreise. Das Römische Weltreich zerfiel und wurde abgelöst von der europäisch-abendländischen Kultur, der auch wir angehören. Geographisch umfaßte diese nunmehr außer den südeuropäischen Mittelmeeranrainerstaaten auch das ganze Germanien, Britannien, die westslawischen Staaten, das Baltikum und Skandinavien. Das waren sehr unterschiedliche Völker mit ganz verschiedenen Sprachen und Dialekten. Die sprachliche Klammer war aber jetzt das Lateinische, das alle Gebildeten, wo auch immer in Europa, schrieben und sprachen und mit dem sie sich über alle Völker- und Sprachgrenzen hinweg verständigen konnten. Ein Gebildeter – und dazu gehörte neben den Philosophen, Ärzten, Juristen und Wissenschaftlern auch der gesamte Klerus der inzwischen zur Staatsreligion gewordenen christlichen Kirche – sprach grundsätzlich lateinisch.
Mit dieser Sprache kam aber auch (so, wie 1.000 Jahre vorher mit der griechischen Sprache hellenistisches Gedankengut nach Rom gekommen war) römisches Gedankengut und römischer Codex über ganz Europa und beeinflußte maßgebend die abendländische Kultur, vor allem die Rechtsprechung und die Kunst.
Umgangssprache der einfachen Leute jedoch waren die jeweilige regionale Sprache und die Dialekte, die einem ständigen Wandel unterworfen blieben, während Latein zur toten Sprache wurde, die sich über Jahrhunderte hinweg nicht mehr änderte.
Auch in den ehemaligen römischen Stammlanden wurde umgangssprachlich nicht mehr lateinisch gesprochen, sondern das ursprüngliche Latein „unterwanderte“ die Umgangssprachen und „mutierte“ so zu den lebenden Sprachen Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Ladinisch und – auf einer „Sprachinsel“ am Schwarzen Meer, wohin die alten Römer Menschen in die Verbannung schickten – Rumänisch.
Die tote Gelehrtensprache Altgriechisch aber hatte sich inzwischen zur lebenden Sprache Neugriechisch gewandelt.
Könnte es sein, daß wir heute wieder an solch einem Wendepunkt sind? Steht die europäisch-abendländische Kultur am Ende ihrer Entwicklung, und entfaltet sich ein globaler Kulturkreis neu? Die Globalisierung begann bezeichnenderweise mit zwei globalen Kriegen, bevor sich nun gegenwärtig die wirtschaftliche Globalisierung entwickelt.
Dabei ist weltweit Englisch zur Sprache der Gelehrten geworden. Ein Wissenschaftler oder Techniker, der nicht englisch publiziert oder kommuniziert, steht im Abseits. Auf dem Weltmarkt spricht man englisch. Alle Flug- und Schiffslotsen verständigen sich so, die gesamte Computerbranche und Informationstechnologie bedient sich des Englischen. Und wie vor 1.000 Jahren das Lateinische, so durchdringt heute Englisch alle lebenden Sprachen und geht eine Synthese mit ihnen ein. Eine Zunahme von Anglizismen ist bei allen bedeutenden gegenwärtigen Sprachen zu beobachten.
Die Sprachpuristen der jeweiligen Länder können sich dagegen zwar heftig wehren, die Geschichte zeigt jedoch, daß solche Entwicklungen letztlich nicht zu verhindern sind. Es bleibt nur zu hoffen, daß mit der Anglisierung der Sprachen auch wertvolles europäisch-abendländisches Gedankengut – Demokratie, Menschenrechte, Toleranz, Kulturbewußtsein – in die zukünftige globalisierte Welt getragen wird.
Die heutigen „Kids“: Anglizismen beherrschen die deutsche Sprache – ein Anzeichen für einen umfassenden kulturellen Wandel?Das römische Weltreich umfaßte geographisch den gesamten Mittelmeerraum von Gibraltar bis Kleinasien und von Ägypten bis Gallien, auch Teile von Germanien. Abgesehen von den jeweils örtlich und regional herrschenden Sprachen und Dialekten war die Umgangssprache in diesem Imperium lateinisch. Jeder, der administrativ, wirtschaftlich oder militärisch mit dem Stammland um Rom zu tun hatte, mußte Latein verstehen und sprechen können. Die Sprache der Gelehrten aber war im ganzen Imperium Griechisch, weshalb das Neue Testament zuerst in griechischer Sprache niedergelegt wurde. Zusammen mit der griechischen Sprache kam aber natürlich auch hellenistisches Gedankengut in diese gebildeten Kreise. Das Römische Weltreich zerfiel und wurde abgelöst von der europäisch-abendländischen Kultur, der auch wir angehören. Geographisch umfaßte diese nunmehr außer den südeuropäischen Mittelmeeranrainerstaaten auch das ganze Germanien, Britannien, die westslawischen Staaten, das Baltikum und Skandinavien. Das waren sehr unterschiedliche Völker mit ganz verschiedenen Sprachen und Dialekten. Die sprachliche Klammer war aber jetzt das Lateinische, das alle Gebildeten, wo auch immer in Europa, schrieben und sprachen und mit dem sie sich über alle Völker- und Sprachgrenzen hinweg verständigen konnten. Ein Gebildeter – und dazu gehörte neben den Philosophen, Ärzten, Juristen und Wissenschaftlern auch der gesamte Klerus der inzwischen zur Staatsreligion gewordenen christlichen Kirche – sprach grundsätzlich lateinisch.
Mit dieser Sprache kam aber auch (so, wie 1.000 Jahre vorher mit der griechischen Sprache hellenistisches Gedankengut nach Rom gekommen war) römisches Gedankengut und römischer Codex über ganz Europa und beeinflußte maßgebend die abendländische Kultur, vor allem die Rechtsprechung und die Kunst.
Umgangssprache der einfachen Leute jedoch waren die jeweilige regionale Sprache und die Dialekte, die einem ständigen Wandel unterworfen blieben, während Latein zur toten Sprache wurde, die sich über Jahrhunderte hinweg nicht mehr änderte.
Auch in den ehemaligen römischen Stammlanden wurde umgangssprachlich nicht mehr lateinisch gesprochen, sondern das ursprüngliche Latein „unterwanderte“ die Umgangssprachen und „mutierte“ so zu den lebenden Sprachen Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Ladinisch und – auf einer „Sprachinsel“ am Schwarzen Meer, wohin die alten Römer Menschen in die Verbannung schickten – Rumänisch.
Die tote Gelehrtensprache Altgriechisch aber hatte sich inzwischen zur lebenden Sprache Neugriechisch gewandelt.
Könnte es sein, daß wir heute wieder an solch einem Wendepunkt sind? Steht die europäisch-abendländische Kultur am Ende ihrer Entwicklung, und entfaltet sich ein globaler Kulturkreis neu? Die Globalisierung begann bezeichnenderweise mit zwei globalen Kriegen, bevor sich nun gegenwärtig die wirtschaftliche Globalisierung entwickelt.
Dabei ist weltweit Englisch zur Sprache der Gelehrten geworden. Ein Wissenschaftler oder Techniker, der nicht englisch publiziert oder kommuniziert, steht im Abseits. Auf dem Weltmarkt spricht man englisch. Alle Flug- und Schiffslotsen verständigen sich so, die gesamte Computerbranche und Informationstechnologie bedient sich des Englischen. Und wie vor 1.000 Jahren das Lateinische, so durchdringt heute Englisch alle lebenden Sprachen und geht eine Synthese mit ihnen ein. Eine Zunahme von Anglizismen ist bei allen bedeutenden gegenwärtigen Sprachen zu beobachten.
Die Sprachpuristen der jeweiligen Länder können sich dagegen zwar heftig wehren, die Geschichte zeigt jedoch, daß solche Entwicklungen letztlich nicht zu verhindern sind. Es bleibt nur zu hoffen, daß mit der Anglisierung der Sprachen auch wertvolles europäisch-abendländisches Gedankengut – Demokratie, Menschenrechte, Toleranz, Kulturbewußtsein – in die zukünftige globalisierte Welt getragen wird.
Autor: Günther Oelschlegel
