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Antonin Dvorak

Karneval – oder: Eine Generalprobe

Eine Generalprobe zur Aufführung eines Meisterwerks von Antonin Dvorak.

Ein Geysir farbiger Töne fliegt bis zur Jugendstildecke; der Anfang von DvoÅ™áks Karneval.

Die stürmische Heiterkeit eines reifen Menschenlebens erfüllt den durchstrahlten Saal. Wie eine Antwort, wie ein Echo aus den Höhen entströmen den bunten Deckenfenstern Fluten feiertäglicher Morgensonne.

Eine Explosion goldener Becken, Tamburinen, Glocken und Trommeln, Silber und Talmigold, flammendes Rot und Weiß, Maskenspiel, Liebe und Tod.

Die Figuren auf den Fresken werden lebendig: Nymphen und Najaden atmen erfreut auf, die sonnige Wiese ist voller Blüten, zarte Wassernixen bilden einen Zauberkreis und beginnen zu tanzen. Auf dem farbigen Panneau der golden angeleuchteten Wand drückt ein Jüngling, der auf einer altertümlichen Fiedel wohl ein stilles Wiegenlied spielt, den Bogen auf die Saite, die umstehenden Figuren mystischer Frauen, kurz vorher noch im Nachsinnen versunken, strecken die anmutigen Hälse und ihr Auge blitzt.

Soeben ist ein Violinsolo aus dem Orchester emporgetaucht.

Ich habe gewußt, daß es Amalia herbeilocken wird. Die Geige läßt ihren Ton zur warmen Innigkeit erblühen. Sie lockt, ruft, bittet, klagt.

Und wenn der funkelnde Ton bis zu den farbigen, glühenden Fenstern steigt, wenn selbst der alte Prophet auf dem marmornen Thron von der Schönheit überwältigt seufzt, wenn das Orchester plötzlich schweigt und das Liebesthema in zärtlicher Abschwächung zum Menschen, zu der Menschheit herabgestiegen ist, erscheint Amalia …

Sie kommt aus dem Schilf nahe der Quelle, aus der das Wasser des Lebens rinnt, hebt sehnsuchtsvoll die Arme, streicht das lange, goldblonde Haar von der Stirn und schreitet graziös zum Tanz.

„Amalia“, hauche ich und spiele meinen Part so zärtlich ich nur kann. Ich vibriere leidenschaftlich, innig erlebe ich die Halbe- und Viertelnoten der Mittelstimme, emsig fülle ich die Harmonien der herrlichen Melodie aus. Es ist doch für sie, für meine Fee …

Da werde ich in meinem tiefen Erleben gestört, Vanek, mein Pultkollege, stößt mich an.

„Wir spielen nicht mehr“, flüstert er verlegen. Einige Geiger von den vorderen Pulten wenden sich amüsiert in meine Richtung. Ich muß mir wohl ein kleines Solo geleistet haben. Na, und wenn schon, es war doch für Amalia. Selbstbewußt lege ich meine Geige auf das Knie. Den Blicken der Kollegen und des Dirigenten weiche ich nicht aus. Ich wahre mein Gesicht.

Wir beide, Vanek und ich, spielen nämlich am letzten Pult der zweiten Violinen und es ist oft nicht bis hierher zu hören, was der Dirigent sagt.

„Was hat er gesagt?“ frage ich leise.

„Daß wir unter dem Solo viel zu laut sind“, neigt sich Vanek unauffällig zu mir.

„… und deshalb wiederhole ich noch einmal“, dringt jetzt die hochmütige Stimme des Dirigenten bis zu uns, „daß die Begleitung des Violinsolos zu dick ist, so dick, wie, mit Verlaub gesagt, eine Blutwurst.“ Dabei schaut er zu unserem Pult her, möglicherweise sogar zu mir.

Eine Blutwurst, erschrecke ich. Das sieht dir ähnlich, du Zyniker. So eine wunderbare, überirdische Stelle. Du selbst bist eine Blutwurst, leer und aufgeblasen, schimpfe ich still vor mich hin.

„So, bitte, die Nummer fünfzehn noch einmal, und piano, piano, nur mit einem Bogenhaar antupfen, ja? Niente, nientississimo… also bitte schön“, höre ich ihn wieder.

„Und die Bratschen! Nein, bitte sehr, nicht ba…da, ba…da, ba…da, sondern edel: pa…paaa, pa…paaa, pa…paaa, ja? Und auch ein bißchen mit der Linken vibrieren, nicht wahr? Seien Sie so gut! Na also: pa…paaa, pa…paaa, pa…paaa -, geht es so? Bitte … und, zwei – und, drei – und …“ Mich fröstelt.
Das Liebesthema blüht wieder auf. Zuerst im Englischhorn, dann in der Solovioline. Ich blicke kurz in den Saal: Amalia streicht ihr Haar zurück, stellt sich auf die Zehenspitzen und läßt sich von den Tönen durchdringen. Erneut öffnet sie sehnsüchtig ihre Arme und naht mit leisen, tänzerischen Schritten dem sich in den Fensterscheiben brechenden farbigen Licht.

„Nein! Nein! Warum denn früher?“ schlägt der Dirigent mit dem Taktstock auf das Dirigentenpult. Amalia flüchtet erschrocken in das Schilf.

„Waldhörner!“ brüllt der Mensch auf dem Sockel. „Wir sind zu früh mit diesen Halben! Außerdem sind wir total verstimmt, klar? Und dann“, senkt er dramatisch die Stimme, „es klingt wie in eine Gartenkanne geblasen, meine Herren!“

Ich schäme mich. Ich schäme mich vor all den Fabelwesen im Saal; vor den Heldenstatuen, die in peinlicher Stille auf uns herabblicken, vor den aus dem Foyer hereinschauenden Büsten der Genien und der Großen der Nation.

Trotz alledem breitet das Liebesthema erneut seine Schwingen. Ich konzentriere mich auf meinen Part, hoffe nicht mehr, daß meine Fee noch einmal aus dem Schilf herauskommen wird. Wieder bezaubern mich die Klänge. Sie fügen sich zu herrlichen Harmonien, zerlegen sich in andere Kombinationen, sie heben die silbernen Töne der ersten Violinen und umhüllen sie sanft.

Dann sehe ich sie vorne tanzen – beim Konzertmeister Vyskocil. Er spielt gerade das herrliche Solo. Der Klang seiner Violine scheint sie anzuziehen. Sie streckt sich sehnsüchtig, biegt sich in zärtlichen Verneigungen, hebt bittend ihre Arme zu dem Instrument.

Doch unser Herr Konzertmeister hat nur seine Noten im Sinn. Er starrt in sie hinein, starrt und sieht nicht, sieht wirklich nicht, daß er von einer Fee umkreist wird.

Amalia läuft mit winzigen Schritten und wehenden Schleiern an der Reihe der ahnungslosen Primgeiger vorbei, bewegt anmutig ihre Arme, gleitet und sucht nach einer Schwingung verwandten Wesens, lauscht auf ein Echo ihres Rufs.

Ihr unruhiges Auge schweift umher … bis hin zum letzten Pult der zweiten Violinen. Unsere Blicke begegnen sich; ein magischer Bogen flammt auf. Wie ein Schmetterling schwebt die Fee zwischen den Pulten und verneigt sich graziös vor mir. Ich lächle sie an und mein Ton wird zärtlicher. Erfreut erwidert sie mein Lächeln. Mit einem Sprung voller Anmut kehrt sie in den Saal zurück. Der Wasserfall ihrer Haare schimmert golden im Sonnenlicht, die Hände über dem Kopf zum demutsvollen Dank gefaltet …

Das Liebesthema verklingt …

„Pause, Herr Dirigent“, erhebt sich der Orchesterinspektor. Der Herr Dirigent legt den Taktstock verdrossen hin und begibt sich mit gekränkter Miene in die Garderobe. Stühlerücken, Gesumm, Gespräche. Alles strömt hinaus.

„Das ist ein Schwätzer, was, Herr Kollege?“ legt Vanek seine Geige auf den Stuhl.

„Kommen Sie mit Kaffee trinken, Sie sehen heute irgendwie mitgenommen aus“, mustert er mich forschend.

„Vanek, kann man so mit Musik umgehen?“ entringt es sich mir zuletzt schwer.

„Er ist ein Kaspar“, sagt Vanek seelenruhig und räkelt sich. „Wenn er doch statt dieses Geredes mit den Händen zeigen würde, wie es langgeht. Doch er hat Arme aus Erlenholz, kann mit ihnen nichts anfangen, er wankt und schwankt wie ein Zuckerrohr im Wind, daher das ganze Geschwafel.“

Ich nicke, meinen inneren Konflikt löst es allerdings nicht.

„Am Abend spielen wir es ihm trotzdem so, wie wir es gewöhnt sind. Stimmt’s?“

Ich muß ihm zustimmen. Am Abend wird das Orchester leider seinen üblichen Standard spielen und den Dirigenten nach Belieben herumfuchteln lassen, ad libitum nennt man das.

Der leere Saal ist still. Alle Figuren auf den Fresken und dem farbigen Deckenstern sind auf ihren Plätzen in den ursprünglichen Stellungen, scheinbar ohne Leben. Leise verlasse ich das Podium, gehe in den Saal, gehe gleich zu der Wand mit der Quelle, welcher das Wasser des Lebens entströmt.

Meine Fee verbirgt sich, wie gewohnt, hinter dem ewiggrünen Schilf. Goldblondes Haar, die Linie ihres Nackens, die Rundung der Schulter, das alles läßt die Schönheit einer Wassernixe ahnen. Ich weiß, wie ihr jetzt zumute ist. Ich weiß es. Abends, während des Konzertes, wenn der Saal voller Menschen ist, kann sie nicht tanzen; dazu ist sie viel zu scheu. Doch wann wird wieder eine so schöne und ihr so nahe Musik erklingen? Mit einem Blick überfliege ich den Saal – wir sind allein.

„Amalia“, flüstere ich leise. Das Schilf bleibt reglos.

„Amalchen …“

Eine winzige Welle geht durch das Goldhaar und irgendjemand schnauft ganz leise.

„Nicht weinen, nicht doch“, erschrecke ich und reiche ihr mein frisches Taschentuch.

„Wir werden nach der Pause wieder spielen, Amalia. Ich bitte Sie, Amalchen …“

Das grüne Auge wird lebendig und es funkelt freudevoll darin: „Wirklich?“ fragt leise die Nixe und putzt sich das Näschen.

Ich schaue mich um, der Saal ist still; nun trete ich dicht an die Wand und flüstere ganz zart in ihr kleines Ohr: „Wirklich“.

Hoch an die Jugendstildecke fliegt ein Geysir farbiger Töne. Triangel, Glöckchen und Trommeln, Silber und Talmigold, weiße Gewänder und bunte Seide, alles wirbelt in ausgelassener Heiterkeit durch den Saal. Als dann Amalia selbst wild an mir vorbeifliegt, mit strahlenden Augen und einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen, weht mich frischer Wasserduft an. Ein Hauch vom Wasser des Lebens, dessen einziger Tropfen Wunder wirkt.


Ein Geysir farbiger Töne fliegt bis zur Jugendstildecke; der Anfang von DvoÅ™áks Karneval.

Die stürmische Heiterkeit eines reifen Menschenlebens erfüllt den durchstrahlten Saal. Wie eine Antwort, wie ein Echo aus den Höhen entströmen den bunten Deckenfenstern Fluten feiertäglicher Morgensonne.

Eine Explosion goldener Becken, Tamburinen, Glocken und Trommeln, Silber und Talmigold, flammendes Rot und Weiß, Maskenspiel, Liebe und Tod.

Die Figuren auf den Fresken werden lebendig: Nymphen und Najaden atmen erfreut auf, die sonnige Wiese ist voller Blüten, zarte Wassernixen bilden einen Zauberkreis und beginnen zu tanzen. Auf dem farbigen Panneau der golden angeleuchteten Wand drückt ein Jüngling, der auf einer altertümlichen Fiedel wohl ein stilles Wiegenlied spielt, den Bogen auf die Saite, die umstehenden Figuren mystischer Frauen, kurz vorher noch im Nachsinnen versunken, strecken die anmutigen Hälse und ihr Auge blitzt.

Soeben ist ein Violinsolo aus dem Orchester emporgetaucht.

Ich habe gewußt, daß es Amalia herbeilocken wird. Die Geige läßt ihren Ton zur warmen Innigkeit erblühen. Sie lockt, ruft, bittet, klagt.

Und wenn der funkelnde Ton bis zu den farbigen, glühenden Fenstern steigt, wenn selbst der alte Prophet auf dem marmornen Thron von der Schönheit überwältigt seufzt, wenn das Orchester plötzlich schweigt und das Liebesthema in zärtlicher Abschwächung zum Menschen, zu der Menschheit herabgestiegen ist, erscheint Amalia …

Sie kommt aus dem Schilf nahe der Quelle, aus der das Wasser des Lebens rinnt, hebt sehnsuchtsvoll die Arme, streicht das lange, goldblonde Haar von der Stirn und schreitet graziös zum Tanz.

„Amalia“, hauche ich und spiele meinen Part so zärtlich ich nur kann. Ich vibriere leidenschaftlich, innig erlebe ich die Halbe- und Viertelnoten der Mittelstimme, emsig fülle ich die Harmonien der herrlichen Melodie aus. Es ist doch für sie, für meine Fee …

Da werde ich in meinem tiefen Erleben gestört, Vanek, mein Pultkollege, stößt mich an.

„Wir spielen nicht mehr“, flüstert er verlegen. Einige Geiger von den vorderen Pulten wenden sich amüsiert in meine Richtung. Ich muß mir wohl ein kleines Solo geleistet haben. Na, und wenn schon, es war doch für Amalia. Selbstbewußt lege ich meine Geige auf das Knie. Den Blicken der Kollegen und des Dirigenten weiche ich nicht aus. Ich wahre mein Gesicht.

Wir beide, Vanek und ich, spielen nämlich am letzten Pult der zweiten Violinen und es ist oft nicht bis hierher zu hören, was der Dirigent sagt.

„Was hat er gesagt?“ frage ich leise.

„Daß wir unter dem Solo viel zu laut sind“, neigt sich Vanek unauffällig zu mir.

„… und deshalb wiederhole ich noch einmal“, dringt jetzt die hochmütige Stimme des Dirigenten bis zu uns, „daß die Begleitung des Violinsolos zu dick ist, so dick, wie, mit Verlaub gesagt, eine Blutwurst.“ Dabei schaut er zu unserem Pult her, möglicherweise sogar zu mir.

Eine Blutwurst, erschrecke ich. Das sieht dir ähnlich, du Zyniker. So eine wunderbare, überirdische Stelle. Du selbst bist eine Blutwurst, leer und aufgeblasen, schimpfe ich still vor mich hin.

„So, bitte, die Nummer fünfzehn noch einmal, und piano, piano, nur mit einem Bogenhaar antupfen, ja? Niente, nientississimo… also bitte schön“, höre ich ihn wieder.

„Und die Bratschen! Nein, bitte sehr, nicht ba…da, ba…da, ba…da, sondern edel: pa…paaa, pa…paaa, pa…paaa, ja? Und auch ein bißchen mit der Linken vibrieren, nicht wahr? Seien Sie so gut! Na also: pa…paaa, pa…paaa, pa…paaa -, geht es so? Bitte … und, zwei – und, drei – und …“ Mich fröstelt.
Das Liebesthema blüht wieder auf. Zuerst im Englischhorn, dann in der Solovioline. Ich blicke kurz in den Saal: Amalia streicht ihr Haar zurück, stellt sich auf die Zehenspitzen und läßt sich von den Tönen durchdringen. Erneut öffnet sie sehnsüchtig ihre Arme und naht mit leisen, tänzerischen Schritten dem sich in den Fensterscheiben brechenden farbigen Licht.

„Nein! Nein! Warum denn früher?“ schlägt der Dirigent mit dem Taktstock auf das Dirigentenpult. Amalia flüchtet erschrocken in das Schilf.

„Waldhörner!“ brüllt der Mensch auf dem Sockel. „Wir sind zu früh mit diesen Halben! Außerdem sind wir total verstimmt, klar? Und dann“, senkt er dramatisch die Stimme, „es klingt wie in eine Gartenkanne geblasen, meine Herren!“

Ich schäme mich. Ich schäme mich vor all den Fabelwesen im Saal; vor den Heldenstatuen, die in peinlicher Stille auf uns herabblicken, vor den aus dem Foyer hereinschauenden Büsten der Genien und der Großen der Nation.

Trotz alledem breitet das Liebesthema erneut seine Schwingen. Ich konzentriere mich auf meinen Part, hoffe nicht mehr, daß meine Fee noch einmal aus dem Schilf herauskommen wird. Wieder bezaubern mich die Klänge. Sie fügen sich zu herrlichen Harmonien, zerlegen sich in andere Kombinationen, sie heben die silbernen Töne der ersten Violinen und umhüllen sie sanft.

Dann sehe ich sie vorne tanzen – beim Konzertmeister Vyskocil. Er spielt gerade das herrliche Solo. Der Klang seiner Violine scheint sie anzuziehen. Sie streckt sich sehnsüchtig, biegt sich in zärtlichen Verneigungen, hebt bittend ihre Arme zu dem Instrument.

Doch unser Herr Konzertmeister hat nur seine Noten im Sinn. Er starrt in sie hinein, starrt und sieht nicht, sieht wirklich nicht, daß er von einer Fee umkreist wird.

Amalia läuft mit winzigen Schritten und wehenden Schleiern an der Reihe der ahnungslosen Primgeiger vorbei, bewegt anmutig ihre Arme, gleitet und sucht nach einer Schwingung verwandten Wesens, lauscht auf ein Echo ihres Rufs.

Ihr unruhiges Auge schweift umher … bis hin zum letzten Pult der zweiten Violinen. Unsere Blicke begegnen sich; ein magischer Bogen flammt auf. Wie ein Schmetterling schwebt die Fee zwischen den Pulten und verneigt sich graziös vor mir. Ich lächle sie an und mein Ton wird zärtlicher. Erfreut erwidert sie mein Lächeln. Mit einem Sprung voller Anmut kehrt sie in den Saal zurück. Der Wasserfall ihrer Haare schimmert golden im Sonnenlicht, die Hände über dem Kopf zum demutsvollen Dank gefaltet …

Das Liebesthema verklingt …

„Pause, Herr Dirigent“, erhebt sich der Orchesterinspektor. Der Herr Dirigent legt den Taktstock verdrossen hin und begibt sich mit gekränkter Miene in die Garderobe. Stühlerücken, Gesumm, Gespräche. Alles strömt hinaus.

„Das ist ein Schwätzer, was, Herr Kollege?“ legt Vanek seine Geige auf den Stuhl.

„Kommen Sie mit Kaffee trinken, Sie sehen heute irgendwie mitgenommen aus“, mustert er mich forschend.

„Vanek, kann man so mit Musik umgehen?“ entringt es sich mir zuletzt schwer.

„Er ist ein Kaspar“, sagt Vanek seelenruhig und räkelt sich. „Wenn er doch statt dieses Geredes mit den Händen zeigen würde, wie es langgeht. Doch er hat Arme aus Erlenholz, kann mit ihnen nichts anfangen, er wankt und schwankt wie ein Zuckerrohr im Wind, daher das ganze Geschwafel.“

Ich nicke, meinen inneren Konflikt löst es allerdings nicht.

„Am Abend spielen wir es ihm trotzdem so, wie wir es gewöhnt sind. Stimmt’s?“

Ich muß ihm zustimmen. Am Abend wird das Orchester leider seinen üblichen Standard spielen und den Dirigenten nach Belieben herumfuchteln lassen, ad libitum nennt man das.

Der leere Saal ist still. Alle Figuren auf den Fresken und dem farbigen Deckenstern sind auf ihren Plätzen in den ursprünglichen Stellungen, scheinbar ohne Leben. Leise verlasse ich das Podium, gehe in den Saal, gehe gleich zu der Wand mit der Quelle, welcher das Wasser des Lebens entströmt.

Meine Fee verbirgt sich, wie gewohnt, hinter dem ewiggrünen Schilf. Goldblondes Haar, die Linie ihres Nackens, die Rundung der Schulter, das alles läßt die Schönheit einer Wassernixe ahnen. Ich weiß, wie ihr jetzt zumute ist. Ich weiß es. Abends, während des Konzertes, wenn der Saal voller Menschen ist, kann sie nicht tanzen; dazu ist sie viel zu scheu. Doch wann wird wieder eine so schöne und ihr so nahe Musik erklingen? Mit einem Blick überfliege ich den Saal – wir sind allein.

„Amalia“, flüstere ich leise. Das Schilf bleibt reglos.

„Amalchen …“

Eine winzige Welle geht durch das Goldhaar und irgendjemand schnauft ganz leise.

„Nicht weinen, nicht doch“, erschrecke ich und reiche ihr mein frisches Taschentuch.

„Wir werden nach der Pause wieder spielen, Amalia. Ich bitte Sie, Amalchen …“

Das grüne Auge wird lebendig und es funkelt freudevoll darin: „Wirklich?“ fragt leise die Nixe und putzt sich das Näschen.

Ich schaue mich um, der Saal ist still; nun trete ich dicht an die Wand und flüstere ganz zart in ihr kleines Ohr: „Wirklich“.

Hoch an die Jugendstildecke fliegt ein Geysir farbiger Töne. Triangel, Glöckchen und Trommeln, Silber und Talmigold, weiße Gewänder und bunte Seide, alles wirbelt in ausgelassener Heiterkeit durch den Saal. Als dann Amalia selbst wild an mir vorbeifliegt, mit strahlenden Augen und einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen, weht mich frischer Wasserduft an. Ein Hauch vom Wasser des Lebens, dessen einziger Tropfen Wunder wirkt.



Autor: Jaroslav Klimeckí½
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Jaroslav Klimeckí½

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