Mozarts »Klarinettenquintett«
Die Macht der Einfachheit
Das Klarinettenquintett A-Dur KV 581 – ein Meisterwerk Mozarts.
Wolfgang Amadeus MozartWolfgang Amadeus Mozart – bis zum heutigen Tag geht eine Faszination von seiner Person und seiner Musik aus. Er war das Wunderkind in der gesamten Musikgeschichte, und seine Entwicklung verlief in einem regelrechten Zeitraffer. Es scheint, als hätten seine hochentwickelten Anlagen nur die naturgesetzmäßig bedingte Mindestzeit in Anspruch genommen, um dann sofort sichtbar hervorzutreten. Im Alter von vier Jahren spielte er schon Klavier, mit fünf Jahren entstanden seine ersten, bereits ausgesprochen reizvollen Kompositionen. Seine ersten Auftritte fanden zur gleichen Zeit statt, und gerade einmal mit 11 Jahren begann er sein bedeutendes Opernschaffen mit „Apollo et Hyacinthus“, ein Jahr später entstand „La Finta semplice“.
Trotz aller unglaublichen Leistungen blieb er dabei ganz Kind: „Der Wolferl ist der Kayserin auf die Schooß gesprungen, sie um den Halß bekommen, und rechtschaffen abgeküsst.“
Es liegt eine Kraft in seiner Musik, die schon Millionen von Menschen frohgestimmt und aufgerichtet hat, so daß sie bis heute nicht nur zum unverzichtbaren Konzert- und Opernrepertoire gehört, sondern bevorzugt auch in der Musiktherapie eingesetzt wird und bei Erwachsenen und Kindern, gesunden wie kranken und bedrückten, stark aufbauende Wirkungen zeigt.
Was ist es nur, das diesen Zauber ausmacht?
Wirft man einen Blick in die Partituren seiner Werke, so besticht sofort eins: die große Klarheit und Übersichtlichkeit des Notenbildes – und das nicht nur bei seinen Frühwerken, sondern es zieht sich durch sein gesamtes Schaffen hindurch bis in die letzten Werke hinein. Und wie die Noten aussehen, so klingt die Musik: frisch und belebend, klar bis bis auf den Grund, wie das Wasser eines Gebirgsbaches.
Der Anfang: Choralähnlich beginnt das Streichquartett mit langen, halben Noten, die dem schnellen Grundtempo Ruhe verleihen. Weit überwiegend bilden die tiefen Streicher Viola und Violoncello hier eine genaue Gegenbewegung zu den beiden Geigen.So läßt sich das Musikschaffen Mozarts vielleicht am besten dadurch charakterisieren, daß es ihm wie keinem anderen vorher und nachher gelungen ist, größtmögliche Tiefe und Gehalt in einfache und klare Formen zu gießen. Die Macht der Einfachheit!
Eines der Spätwerke des 1756 geborenen Komponisten, das zu den schönsten und erlesensten Perlen der gesamten Kammermusikliteratur überhaupt gehört, ist das 1789 vollendete Quintett A-Dur KV 581 für Klarinette und Streichquartett.
Von allen Kammermusikbesetzungen gilt das Streichquartett mit zwei Violinen, Viola und Violoncello als die edelste, denn die große Homogenität des Streicherklangs läßt sich mit den bunten Klangfarben der Blasinstrumente einfach nicht erreichen. Bei Klavier und Orgel ist diese Einheitlichkeit des Klangs zwar vorhanden, doch fehlen dort wiederum mehrere Möglichkeiten tonlicher Gestaltung, die die Streichinstrumente haben. Möchte man den Klang des Streichquartetts mit einem Wort charakterisieren, so wäre es vielleicht am ehesten der Begriff „Reinheit“.
Zu diesem schönen und ätherisierten Klang gesellt sich nun die weiche, dunkle Färbung der Klarinette. Kein anderes Blasinstrument paßt klanglich so gut und homogen zum Streichquartett, und sie bringt ein neues Element in den Klang hinein – die Wärme!
»… daß die Menschheit Dampfmaschinen und Turbinen hat, dafür zahlt sie mit unendlichen Zerstörungen im Bilde der Erde und im Bilde des Menschen … während dagegen dafür, daß der Mensch die Violine erfunden, und dafür, daß jemand die Arien im Figaro geschrieben hat, keinerlei Preis bezahlt werden muß. Mozart und Mörike haben der Welt nicht viel gekostet, sie waren wohlfeil wie der Sonnenschein, jeder Angestellte in einem technischen Büro kommt teurer.«
Hermann Hesse
Aus der Durchführung des 1. Satzes: Während immer drei Streicher mit liegenden Tönen ein Fundament großer Ruhe bilden, ziehen sich die schnellen Dreiklangsbrechungen, die am Anfang des Satzes in der Klarinette lagen, nun durch das Streichquartett. In mittMit sicherem Gespür haben nicht nur Mozart, sondern auch Johannes Brahms, Carl Maria von Weber und viele andere Komponisten die Erlesenheit dieser Besetzung erkannt und große Werke dafür geschrieben.
Mozarts Klarinettenquintett trägt im Verlauf der vier Sätze eine interessante Entwicklung. Die beiden ersten Sätze haben bei aller Wärme und Heiterkeit eine überragende Tiefe, Ruhe und Erhabenheit. Das Spätwerk eines mit 33 Jahren immer noch jungen Meisters, der aber trotzdem bereits zwei Jahre später die Erde wieder verlassen wird. Demgegenüber gehen die beiden letzten Sätze allmählich mehr ins irdische Leben hinein, mit zunehmender Ausgelassenheit – und tragen dennoch die Distanziertheit des weisen Alters in sich, das Mozart zwar nicht von den Lebensjahren, aber von der Reife des Komponierens her hatte.
Auffallend ist die große Ruhe des im Grundtempo schnellen 1. Allegro-Satzes, die sich bereits in den langen und damit langsamen Noten des einleitenden 1. Themas zeigt. Mozart bewahrt sie auch in den schnellen Passagen durch lange Melodiebögen. Herrlich sind die Melodien der beiden Themen, genial deren Verarbeitung in der Durchführung. Die beiden scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften Heiterkeit und Ernsthaftigkeit finden hier ihre schönste Synthese.
Der zweite, langsame Satz: In sehr gemessenem Tempo liegt der „Puls“ des musikalischen Geschehens in den Achtelnoten des Violoncellos.Der berühmte 2. Adagio-Satz, sehr verwandt übrigens mit dem weltbekannten 2. Satz des zwei Jahre später entstandenen Klarinettenkonzerts von Mozart (A-Dur, KV 622), klingt über weite Strecken fast überirdisch schön! Wer sich darein vertieft, kann dabei jegliches Zeitgefühl verlieren und taucht aus einem regenerierenden Klangbad wieder auf.
Als 3. Satz kommt nun ein Menuett, also eigentlich ein Tanz. Doch es beginnt wiederum ruhig und verhalten, mit außergewöhnlich langen Melodiebögen. Das 1. Trio darin steht sogar im melancholischen Moll und die sonst führende Klarinette pausiert dort vollständig. Das 2. Trio hat einen Ländlercharakter, doch so vornehm komponiert, daß es eher wie eine Rückerinnerung an die Jugendzeit erscheint, anstatt einen ausgelassenen, fröhlichen Tanz darzustellen.
Genauso ist es dann im 4. und letzten Satz, einem Variationensatz im heiteren Allegretto. Tänzerische Elemente und virtuose Läufe treten an einigen Stellen in den Vordergrund, um dann aber wieder von verhaltenen, beschaulichen Variationen abgelöst zu werden. -
Ähnlich edel wie in den vorangegangenen Sätzen verbindet Mozart hier Heiterkeit, Tiefe und Ruhe miteinander. Immer wieder läßt er, wie hier im 3. Akt, die Klarinette große Intervalle spielen und nutzt so die unterschiedlichen Klangfarben der Register aus.Kann Mozarts Musik nicht zu einem wertvollen Sinnbild für uns alle werden? Dafür, daß Tiefe, innere Wärme, Licht, aufbauende und heilende Kraft in einer Eigenschaft liegen, die wir heute in unserer komplizierten Welt immer mehr verschmähen: der Einfachheit, der Schlichtheit!
Fühlen wir uns, wie bei seiner Musik, nicht auch innerlich am wohlsten und geborgensten bei den Mitmenschen, die gerade diese Eigenschaft leben? Die in ihrem Reden und Handeln eindeutig, unkompliziert, gelassen und heiter sind. Auf jeden Fall lehrt uns Mozarts Musik: Wer der Einfachheit und Klarheit nachstrebt, kann dabei nur gewinnen – denn unnötige Kompliziertheit trübt und ermüdet uns, während Einfachheit klärt und belebt.
Wolfgang Amadeus MozartWolfgang Amadeus Mozart – bis zum heutigen Tag geht eine Faszination von seiner Person und seiner Musik aus. Er war das Wunderkind in der gesamten Musikgeschichte, und seine Entwicklung verlief in einem regelrechten Zeitraffer. Es scheint, als hätten seine hochentwickelten Anlagen nur die naturgesetzmäßig bedingte Mindestzeit in Anspruch genommen, um dann sofort sichtbar hervorzutreten. Im Alter von vier Jahren spielte er schon Klavier, mit fünf Jahren entstanden seine ersten, bereits ausgesprochen reizvollen Kompositionen. Seine ersten Auftritte fanden zur gleichen Zeit statt, und gerade einmal mit 11 Jahren begann er sein bedeutendes Opernschaffen mit „Apollo et Hyacinthus“, ein Jahr später entstand „La Finta semplice“.
Trotz aller unglaublichen Leistungen blieb er dabei ganz Kind: „Der Wolferl ist der Kayserin auf die Schooß gesprungen, sie um den Halß bekommen, und rechtschaffen abgeküsst.“
Es liegt eine Kraft in seiner Musik, die schon Millionen von Menschen frohgestimmt und aufgerichtet hat, so daß sie bis heute nicht nur zum unverzichtbaren Konzert- und Opernrepertoire gehört, sondern bevorzugt auch in der Musiktherapie eingesetzt wird und bei Erwachsenen und Kindern, gesunden wie kranken und bedrückten, stark aufbauende Wirkungen zeigt.
Was ist es nur, das diesen Zauber ausmacht?
Wirft man einen Blick in die Partituren seiner Werke, so besticht sofort eins: die große Klarheit und Übersichtlichkeit des Notenbildes – und das nicht nur bei seinen Frühwerken, sondern es zieht sich durch sein gesamtes Schaffen hindurch bis in die letzten Werke hinein. Und wie die Noten aussehen, so klingt die Musik: frisch und belebend, klar bis bis auf den Grund, wie das Wasser eines Gebirgsbaches.
Der Anfang: Choralähnlich beginnt das Streichquartett mit langen, halben Noten, die dem schnellen Grundtempo Ruhe verleihen. Weit überwiegend bilden die tiefen Streicher Viola und Violoncello hier eine genaue Gegenbewegung zu den beiden Geigen.So läßt sich das Musikschaffen Mozarts vielleicht am besten dadurch charakterisieren, daß es ihm wie keinem anderen vorher und nachher gelungen ist, größtmögliche Tiefe und Gehalt in einfache und klare Formen zu gießen. Die Macht der Einfachheit!
Eines der Spätwerke des 1756 geborenen Komponisten, das zu den schönsten und erlesensten Perlen der gesamten Kammermusikliteratur überhaupt gehört, ist das 1789 vollendete Quintett A-Dur KV 581 für Klarinette und Streichquartett.
Von allen Kammermusikbesetzungen gilt das Streichquartett mit zwei Violinen, Viola und Violoncello als die edelste, denn die große Homogenität des Streicherklangs läßt sich mit den bunten Klangfarben der Blasinstrumente einfach nicht erreichen. Bei Klavier und Orgel ist diese Einheitlichkeit des Klangs zwar vorhanden, doch fehlen dort wiederum mehrere Möglichkeiten tonlicher Gestaltung, die die Streichinstrumente haben. Möchte man den Klang des Streichquartetts mit einem Wort charakterisieren, so wäre es vielleicht am ehesten der Begriff „Reinheit“.
Zu diesem schönen und ätherisierten Klang gesellt sich nun die weiche, dunkle Färbung der Klarinette. Kein anderes Blasinstrument paßt klanglich so gut und homogen zum Streichquartett, und sie bringt ein neues Element in den Klang hinein – die Wärme!
»… daß die Menschheit Dampfmaschinen und Turbinen hat, dafür zahlt sie mit unendlichen Zerstörungen im Bilde der Erde und im Bilde des Menschen … während dagegen dafür, daß der Mensch die Violine erfunden, und dafür, daß jemand die Arien im Figaro geschrieben hat, keinerlei Preis bezahlt werden muß. Mozart und Mörike haben der Welt nicht viel gekostet, sie waren wohlfeil wie der Sonnenschein, jeder Angestellte in einem technischen Büro kommt teurer.«
Hermann Hesse
Aus der Durchführung des 1. Satzes: Während immer drei Streicher mit liegenden Tönen ein Fundament großer Ruhe bilden, ziehen sich die schnellen Dreiklangsbrechungen, die am Anfang des Satzes in der Klarinette lagen, nun durch das Streichquartett. In mittMit sicherem Gespür haben nicht nur Mozart, sondern auch Johannes Brahms, Carl Maria von Weber und viele andere Komponisten die Erlesenheit dieser Besetzung erkannt und große Werke dafür geschrieben.
Mozarts Klarinettenquintett trägt im Verlauf der vier Sätze eine interessante Entwicklung. Die beiden ersten Sätze haben bei aller Wärme und Heiterkeit eine überragende Tiefe, Ruhe und Erhabenheit. Das Spätwerk eines mit 33 Jahren immer noch jungen Meisters, der aber trotzdem bereits zwei Jahre später die Erde wieder verlassen wird. Demgegenüber gehen die beiden letzten Sätze allmählich mehr ins irdische Leben hinein, mit zunehmender Ausgelassenheit – und tragen dennoch die Distanziertheit des weisen Alters in sich, das Mozart zwar nicht von den Lebensjahren, aber von der Reife des Komponierens her hatte.
Auffallend ist die große Ruhe des im Grundtempo schnellen 1. Allegro-Satzes, die sich bereits in den langen und damit langsamen Noten des einleitenden 1. Themas zeigt. Mozart bewahrt sie auch in den schnellen Passagen durch lange Melodiebögen. Herrlich sind die Melodien der beiden Themen, genial deren Verarbeitung in der Durchführung. Die beiden scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften Heiterkeit und Ernsthaftigkeit finden hier ihre schönste Synthese.
Der zweite, langsame Satz: In sehr gemessenem Tempo liegt der „Puls“ des musikalischen Geschehens in den Achtelnoten des Violoncellos.Der berühmte 2. Adagio-Satz, sehr verwandt übrigens mit dem weltbekannten 2. Satz des zwei Jahre später entstandenen Klarinettenkonzerts von Mozart (A-Dur, KV 622), klingt über weite Strecken fast überirdisch schön! Wer sich darein vertieft, kann dabei jegliches Zeitgefühl verlieren und taucht aus einem regenerierenden Klangbad wieder auf.
Als 3. Satz kommt nun ein Menuett, also eigentlich ein Tanz. Doch es beginnt wiederum ruhig und verhalten, mit außergewöhnlich langen Melodiebögen. Das 1. Trio darin steht sogar im melancholischen Moll und die sonst führende Klarinette pausiert dort vollständig. Das 2. Trio hat einen Ländlercharakter, doch so vornehm komponiert, daß es eher wie eine Rückerinnerung an die Jugendzeit erscheint, anstatt einen ausgelassenen, fröhlichen Tanz darzustellen.
Genauso ist es dann im 4. und letzten Satz, einem Variationensatz im heiteren Allegretto. Tänzerische Elemente und virtuose Läufe treten an einigen Stellen in den Vordergrund, um dann aber wieder von verhaltenen, beschaulichen Variationen abgelöst zu werden. -
Ähnlich edel wie in den vorangegangenen Sätzen verbindet Mozart hier Heiterkeit, Tiefe und Ruhe miteinander. Immer wieder läßt er, wie hier im 3. Akt, die Klarinette große Intervalle spielen und nutzt so die unterschiedlichen Klangfarben der Register aus.Kann Mozarts Musik nicht zu einem wertvollen Sinnbild für uns alle werden? Dafür, daß Tiefe, innere Wärme, Licht, aufbauende und heilende Kraft in einer Eigenschaft liegen, die wir heute in unserer komplizierten Welt immer mehr verschmähen: der Einfachheit, der Schlichtheit!
Fühlen wir uns, wie bei seiner Musik, nicht auch innerlich am wohlsten und geborgensten bei den Mitmenschen, die gerade diese Eigenschaft leben? Die in ihrem Reden und Handeln eindeutig, unkompliziert, gelassen und heiter sind. Auf jeden Fall lehrt uns Mozarts Musik: Wer der Einfachheit und Klarheit nachstrebt, kann dabei nur gewinnen – denn unnötige Kompliziertheit trübt und ermüdet uns, während Einfachheit klärt und belebt.
Autor: Paul Schmitt
