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Kate Bush

Der Quell aus der Sturmhöhe

Das musikalische Werk der britischen Sängerin und Komponistin Kate Bush

Jedes Wegstück des Werdens weckt Sehnsüchte und Empfindungen. Farben, Bilder und Gerüche umspielen das Erleben mit ungehemmtem Temperament, dahingetragen von Melodien und klanglichen Teppichen, deren Leuchtspuren im Universum unserer Innenwelt nie mehr ganz verlöschen werden.

Die Musik vor allem trägt solche Ewigkeitsfunken in sich. Belebend und Erinnerung stiftend haftet sie den Tragödien und Komödien des Alltags an, bildend und gestaltend orientiert sie Gedanken und Gefühle. Selbst im Alter noch klingen die Rhythmen und Melodien, die Stimmen und Instrumente nach, die das jugendliche Feuer einst begleitet hatten, und in seltenen Glücksfällen kann man sich musikalische Quellen erobern, die das ganze Leben durchfließen.

Ich war etwa 16 Jahre alt – aufgeschlossen für Musik abseits des allzu Populären, aber doch noch weit entfernt von Wagner, Strauss und Mahler -, als ich zum ersten Mal diese ungewöhnliche Stimme hörte. Kate Bush, eine zierliche Engländerin, stand damals am Beginn ihrer Karriere und faszinierte die Welt mit einem Song, für den sie in die Rolle der Cathy aus dem Roman „Wuthering Heights“ (dt.: „Sturmhöhe“) von Emily Jane Brontí« schlüpfte …

Cathy wächst auf einem Hof in Yorkshire, auf der „Sturmhöhe“, gemeinsam mit dem Findelkind Heathcliff auf. Dieser verliebt sich als Jugendlicher in sie, Cathy aber entschließt sich, den wohlhabenden Edgar Linton zu heiraten, woraufhin Heathcliff den Hof verläßt. Doch Cathys Eheglück dauert nicht lange, sie stirbt im Kindbett. Heathcliff nimmt daraufhin aus Zorn und Frustration Rache an Cathys und Edgars Familien, treibt sie in den Ruin und wird selbst Besitzer der „Sturmhöhe“. Aber auch er wird nicht glücklich, denn Cathys Geist plagt ihn, er kann sie nicht sehen, aber er spürt sie stets um sich – bis ihm zuletzt, schon angesichts des eigenen Todes, Cathy endlich am Fenster erscheint.

Diesen Moment stellte Kate Bush ins Zentrum ihrer musikalischen „Sturmhöhe“: Cathy hat im Tod erkannt, daß Heathcliff, mit dem sie ihre Kindheit verlebte und den sie später haßte, doch die eigentliche Liebe ihres Lebens war. Nun drängt es sie zu ihm, zurück zu dem Haus ihrer Kindheit, sie begehrt Einlaß durch das Fenster, das sie von Heathcliffs Seele trennt …

Die Veröffentlichung von „Wuthering Heights“ war 1978 in mehrfacher Hinsicht ein musikalischer Meilenstein: Nicht nur Kate Bushs stimmlicher Höhenflug faszinierte (an der Interpretation des Songs scheiterten später zahllose Nachahmerinnen) und begründete ihre Karriere als „ungewöhnlichste Solokünstlerin Englands“ (New Musical Express), sondern tatsächlich gelang mit „Wuthering Heights“ erstmals in Großbritannien einer Frau mit einer Eigenkomposition ein „Nummer-eins-Hit“.
Im Rückblick zeigt sich freilich, daß diese Kombination aus anspruchsvollen, oft auch aus der Mythologie inspirierten Texten und musikalisch eigenständigen, (anfangs ausgeprägter) klavierbasierten Kompositionen kein zufälliges „One-Hit-Wonder“ war. So kursieren heute im Internet ein paar Dutzend Songs, die Cathy – „Kate“ steht für Catherine – als Vierzehnjährige zu Hause im Wohnzimmer aufgenommen hatte. Und es ist – etwa am Beispiel „Something Like A Song“ – ein Erlebnis, schon hier die fertige Künstlerin zu erleben, nur stimmlich noch kindhafter und nicht dem Produktions-Perfektionismus späterer Jahre untertan.

Biographien berichten davon, daß sich Kate Bush, nachdem der Gitarrist David Gilmour („Pink Floyd“) sie 1975 entdeckt und gefördert hatte, von ihrer Plattenfirma EMI vertraglich zusichern ließ, zunächst drei Jahre lang Unterricht in Gesang, Komposition und Tanz zu erhalten. 1978 dann wurde Kate Bushs erstes Album, „The Kick Inside“, zum Welterfolg; im gleichen Jahr folgte „Lionheart“, und – nach der einzigen Tournee, die Kate Bush in ihrer Karriere absolvierte – 1980 das Album „Never for Ever“. In den folgenden Jahren traten Bushs Kompositionen gegenüber ihren Ansprüchen als Produzentin in den Hintergrund. Eigenwillige, oft dunkle rhythmische Klangteppiche entstanden, kühne stimmliche Kulminationen und exzessive Instrumentierungen verdrängten den zarten, zerbrechlichen Grundcharakter früherer Werke.

Auf das Album „The Dreaming“ (1982) folgten 1985 das kommerziell besonders erfolgreiche, aber künstlerisch gleichermaßen ansprechende Werk „Hounds of Love“, das in den Hitparaden mehrerer Länder Platz 1 erreichte, sowie das Album „The Sensual World“ (1989).

Ihr musikalisches Schaffen in den 1970er und 1980er Jahren begleitete Kate Bush durch zahlreiche Musikvideo-Produktionen, für die sie zum Teil auch selbst Regie führte. Höhepunkt dabei war das Musikmärchen „The Line, the Cross & the Curve“, in dem sie Teile ihres einzigen Albums der 1990er Jahre – „The Red Shoes“ (1993) – szenisch umsetzte.

Inspiriert wurde diese Arbeit durch Hans Christian Andersens Märchen von einem Paar roter Zauberschuhe, die ein sündiges Mädchen zu unentwegtem Tanzen zwingen.

In den folgenden Jahren zog sich Kate Bush – abgesehen von Kurzauftritten und gelegentlichen Kooperationen mit anderen Musikern – ganz ins Privatleben zurück und spielte ab 1998 lieber mit ihrem Sohn Albert („Bertie“) als auf dem Klavier oder an den Reglern ihres hauseigenen Tonstudios.

Aerial: ein Meisterwerk
Doch in Vergessenheit geriet sie nie. Denn längst zählte „This Woman’s Work“ (so der Titel einer Werkausgabe mit acht CDs aus dem Jahr 1990) zu den Klassikern der anspruchsvollen Popmusik, und Rares wird bekanntlich um so mehr geschätzt. Im Oktober 2001 erhielt Kate Bush den „Best Classic Songwriter Award“ des angesehenen englischen Musikmagazins „Q“; 2002 wurde sie für ihren „herausragenden Beitrag zur britischen Musik“ mit dem „Ivor Novello Award“ ausgezeichnet.

Doch für neue Arbeiten mußte sich die Musikwelt bis zum Herbst 2005 gedulden. Dann aber legte Kate Bush mit ihrem Doppelalbum „Aerial“ – wenigstens für meinen Geschmack – ihr Meisterwerk vor. Liedzyklen, Songs und Balladen über die Farben des Himmels, die Zahl Pi und Mrs. Bartolozzis Waschmaschine, über den Sonnenuntergang und das Unsichtbarwerden. Klassische Musik mag vielleicht die tiefere Empfindung ansprechen, Popmusik eher das bunte Spektrum der Gefühle. Aber auch dieses weltliche Panorama wird irgendwo durch einen zartfarbenen Bogen umrahmt, der in seiner lichtvollen Schönheit den Weg aus der Endlichkeit erahnen läßt. Dorthin, an diese Grenze, wo vielleicht noch ein paar Vögel singen und herzlich eine Stimme zur Einfachheit des Lebens lacht, während sich der Rhythmus im Pianissimo verliert, gehört Kate Bushs „Aerial“, ein Zeugnis der Leichtigkeit und Lebensfreude.

Ihm folgte in den darauffolgenden Jahren nur der Titel „Lyra“, den Kate Bush 2007 für den Film „Der goldene Kompaß“ komponierte sowie 2011 „Director's Cut“, eine Neubearbeitung von Aufnahmen aus den 1990er Jahren.

Im übrigen galt für alle, die „der Quell aus der Sturmhöhe“ – wie mich – erfrischend durchs Leben begleitet, wieder einmal der Titel eines Romans, den der Musikjournalist John Mendelssohn rund um die Biographie der Catherine Bush verfaßt hat: „Warten auf Kate“. (Suhrkamp, 2007).

Anmerkungen:
Für November 2011 ist Kate Bushs neues Album »50 Words for Snow« angekündigt.


Jedes Wegstück des Werdens weckt Sehnsüchte und Empfindungen. Farben, Bilder und Gerüche umspielen das Erleben mit ungehemmtem Temperament, dahingetragen von Melodien und klanglichen Teppichen, deren Leuchtspuren im Universum unserer Innenwelt nie mehr ganz verlöschen werden.

Die Musik vor allem trägt solche Ewigkeitsfunken in sich. Belebend und Erinnerung stiftend haftet sie den Tragödien und Komödien des Alltags an, bildend und gestaltend orientiert sie Gedanken und Gefühle. Selbst im Alter noch klingen die Rhythmen und Melodien, die Stimmen und Instrumente nach, die das jugendliche Feuer einst begleitet hatten, und in seltenen Glücksfällen kann man sich musikalische Quellen erobern, die das ganze Leben durchfließen.

Ich war etwa 16 Jahre alt – aufgeschlossen für Musik abseits des allzu Populären, aber doch noch weit entfernt von Wagner, Strauss und Mahler -, als ich zum ersten Mal diese ungewöhnliche Stimme hörte. Kate Bush, eine zierliche Engländerin, stand damals am Beginn ihrer Karriere und faszinierte die Welt mit einem Song, für den sie in die Rolle der Cathy aus dem Roman „Wuthering Heights“ (dt.: „Sturmhöhe“) von Emily Jane Brontí« schlüpfte …

Cathy wächst auf einem Hof in Yorkshire, auf der „Sturmhöhe“, gemeinsam mit dem Findelkind Heathcliff auf. Dieser verliebt sich als Jugendlicher in sie, Cathy aber entschließt sich, den wohlhabenden Edgar Linton zu heiraten, woraufhin Heathcliff den Hof verläßt. Doch Cathys Eheglück dauert nicht lange, sie stirbt im Kindbett. Heathcliff nimmt daraufhin aus Zorn und Frustration Rache an Cathys und Edgars Familien, treibt sie in den Ruin und wird selbst Besitzer der „Sturmhöhe“. Aber auch er wird nicht glücklich, denn Cathys Geist plagt ihn, er kann sie nicht sehen, aber er spürt sie stets um sich – bis ihm zuletzt, schon angesichts des eigenen Todes, Cathy endlich am Fenster erscheint.

Diesen Moment stellte Kate Bush ins Zentrum ihrer musikalischen „Sturmhöhe“: Cathy hat im Tod erkannt, daß Heathcliff, mit dem sie ihre Kindheit verlebte und den sie später haßte, doch die eigentliche Liebe ihres Lebens war. Nun drängt es sie zu ihm, zurück zu dem Haus ihrer Kindheit, sie begehrt Einlaß durch das Fenster, das sie von Heathcliffs Seele trennt …

Die Veröffentlichung von „Wuthering Heights“ war 1978 in mehrfacher Hinsicht ein musikalischer Meilenstein: Nicht nur Kate Bushs stimmlicher Höhenflug faszinierte (an der Interpretation des Songs scheiterten später zahllose Nachahmerinnen) und begründete ihre Karriere als „ungewöhnlichste Solokünstlerin Englands“ (New Musical Express), sondern tatsächlich gelang mit „Wuthering Heights“ erstmals in Großbritannien einer Frau mit einer Eigenkomposition ein „Nummer-eins-Hit“.
Im Rückblick zeigt sich freilich, daß diese Kombination aus anspruchsvollen, oft auch aus der Mythologie inspirierten Texten und musikalisch eigenständigen, (anfangs ausgeprägter) klavierbasierten Kompositionen kein zufälliges „One-Hit-Wonder“ war. So kursieren heute im Internet ein paar Dutzend Songs, die Cathy – „Kate“ steht für Catherine – als Vierzehnjährige zu Hause im Wohnzimmer aufgenommen hatte. Und es ist – etwa am Beispiel „Something Like A Song“ – ein Erlebnis, schon hier die fertige Künstlerin zu erleben, nur stimmlich noch kindhafter und nicht dem Produktions-Perfektionismus späterer Jahre untertan.

Biographien berichten davon, daß sich Kate Bush, nachdem der Gitarrist David Gilmour („Pink Floyd“) sie 1975 entdeckt und gefördert hatte, von ihrer Plattenfirma EMI vertraglich zusichern ließ, zunächst drei Jahre lang Unterricht in Gesang, Komposition und Tanz zu erhalten. 1978 dann wurde Kate Bushs erstes Album, „The Kick Inside“, zum Welterfolg; im gleichen Jahr folgte „Lionheart“, und – nach der einzigen Tournee, die Kate Bush in ihrer Karriere absolvierte – 1980 das Album „Never for Ever“. In den folgenden Jahren traten Bushs Kompositionen gegenüber ihren Ansprüchen als Produzentin in den Hintergrund. Eigenwillige, oft dunkle rhythmische Klangteppiche entstanden, kühne stimmliche Kulminationen und exzessive Instrumentierungen verdrängten den zarten, zerbrechlichen Grundcharakter früherer Werke.

Auf das Album „The Dreaming“ (1982) folgten 1985 das kommerziell besonders erfolgreiche, aber künstlerisch gleichermaßen ansprechende Werk „Hounds of Love“, das in den Hitparaden mehrerer Länder Platz 1 erreichte, sowie das Album „The Sensual World“ (1989).

Ihr musikalisches Schaffen in den 1970er und 1980er Jahren begleitete Kate Bush durch zahlreiche Musikvideo-Produktionen, für die sie zum Teil auch selbst Regie führte. Höhepunkt dabei war das Musikmärchen „The Line, the Cross & the Curve“, in dem sie Teile ihres einzigen Albums der 1990er Jahre – „The Red Shoes“ (1993) – szenisch umsetzte.

Inspiriert wurde diese Arbeit durch Hans Christian Andersens Märchen von einem Paar roter Zauberschuhe, die ein sündiges Mädchen zu unentwegtem Tanzen zwingen.

In den folgenden Jahren zog sich Kate Bush – abgesehen von Kurzauftritten und gelegentlichen Kooperationen mit anderen Musikern – ganz ins Privatleben zurück und spielte ab 1998 lieber mit ihrem Sohn Albert („Bertie“) als auf dem Klavier oder an den Reglern ihres hauseigenen Tonstudios.

Aerial: ein Meisterwerk
Doch in Vergessenheit geriet sie nie. Denn längst zählte „This Woman’s Work“ (so der Titel einer Werkausgabe mit acht CDs aus dem Jahr 1990) zu den Klassikern der anspruchsvollen Popmusik, und Rares wird bekanntlich um so mehr geschätzt. Im Oktober 2001 erhielt Kate Bush den „Best Classic Songwriter Award“ des angesehenen englischen Musikmagazins „Q“; 2002 wurde sie für ihren „herausragenden Beitrag zur britischen Musik“ mit dem „Ivor Novello Award“ ausgezeichnet.

Doch für neue Arbeiten mußte sich die Musikwelt bis zum Herbst 2005 gedulden. Dann aber legte Kate Bush mit ihrem Doppelalbum „Aerial“ – wenigstens für meinen Geschmack – ihr Meisterwerk vor. Liedzyklen, Songs und Balladen über die Farben des Himmels, die Zahl Pi und Mrs. Bartolozzis Waschmaschine, über den Sonnenuntergang und das Unsichtbarwerden. Klassische Musik mag vielleicht die tiefere Empfindung ansprechen, Popmusik eher das bunte Spektrum der Gefühle. Aber auch dieses weltliche Panorama wird irgendwo durch einen zartfarbenen Bogen umrahmt, der in seiner lichtvollen Schönheit den Weg aus der Endlichkeit erahnen läßt. Dorthin, an diese Grenze, wo vielleicht noch ein paar Vögel singen und herzlich eine Stimme zur Einfachheit des Lebens lacht, während sich der Rhythmus im Pianissimo verliert, gehört Kate Bushs „Aerial“, ein Zeugnis der Leichtigkeit und Lebensfreude.

Ihm folgte in den darauffolgenden Jahren nur der Titel „Lyra“, den Kate Bush 2007 für den Film „Der goldene Kompaß“ komponierte sowie 2011 „Director's Cut“, eine Neubearbeitung von Aufnahmen aus den 1990er Jahren.

Im übrigen galt für alle, die „der Quell aus der Sturmhöhe“ – wie mich – erfrischend durchs Leben begleitet, wieder einmal der Titel eines Romans, den der Musikjournalist John Mendelssohn rund um die Biographie der Catherine Bush verfaßt hat: „Warten auf Kate“. (Suhrkamp, 2007).

Anmerkungen:
Für November 2011 ist Kate Bushs neues Album »50 Words for Snow« angekündigt.



Autor: Werner Huemer
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