Elfriede Kleinhans
Märchen helfen leben
Elfriede Kleinhans unterrichtete als Lehrerin in den Jahrgangsstufen 1 bis 10 aller Schulformen und arbeitete 25 Jahre lang mit verhaltensgestörten und schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen. Sie setzte in dieser Zeit erfolgreich Märchen dazu ein, um ihre Schüler zu stützen und zu fördern. Seit 1988 erzählt sie öffentlich für Kinder und Erwachsene, hält Vorträge und leitet Seminare zum Thema „Märchen“.
Elfriede Kleinhans ist auch Mitglied der „Europäischen Märchengesellschaft“ und Preisträgerin des „Kulturpreises des Main-Kinzig-Kreises“. Sylvia Monhoff-Keweloh führte mit ihr das folgende Gespräch.
GralsWelt: Frau Kleinhans, ich hatte das Glück, Sie schon öfter als Märchenerzählerin zu erleben, und war sehr begeistert. Wie ist Ihre intensive Beziehung zum Märchen entstanden?
Kleinhans: Durch meine Kindheit zog sich das Märchen wie ein roter Faden. Mein Vater war ein begnadeter Erzähler mit einem großen Märchenschatz. Er hat mich und meinen Bruder mit Märchen erzogen. Immer fand er das passende Märchen, ob wir traurig waren oder ungezogen. Ich denke, daß er sich häufig auch Geschichten ausdachte, die zur jeweiligen Lebenssituation paßten und für uns Kinder hilfreich waren. Nach dem Krieg erhielt mein Vater viele Briefe von ehemaligen Kameraden, die sich bei ihm bedankten, daß er sie durch seine Erzählungen das Elend der russischen Gefangenschaft vergessen ließ. Auch wenn er meinen eigenen Kindern Märchen erzählte, war jedes Fernsehprogramm uninteressant.
GralsWelt: Sie haben jahrelang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Im Unterricht setzten Sie häufig Märchen als Lehrhilfe ein. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Kleinhans: Mit dem richtigen Märchen kann man die Kinder beruhigen, motivieren und die Unterrichtsatmosphäre entscheidend verbessern. Mein Prinzip war immer, die Märchen nach dem Erzählen kreativ zu bearbeiten, zum Beispiel durch Malen oder darstellendes Spiel. Aus dem, wie die Kinder ihre Rolle beim Spielen gestalteten, konnte ich viel über ihre jeweilige Befindlichkeit erfahren. Auch die Entscheidung, welches Märchen immer wieder von bestimmten Kindern gewünscht wurde, gab mir Hinweise auf die Problematik dieser Kinder. Wenn ein Märchen immer wieder erzählt wird, bis das Kind genug hat und sich ein anderes wünscht, dann ist das wie eine Therapie. Über die Phantasie kann es die Bilder „des gelungenen Lebens“, die das Märchen vermittelt, jederzeit abrufen.
GralsWelt: Können Sie uns hierzu ein Beispiel schildern?
Kleinhans: Ja, eine mir bekannte Frau wurde als Kind beim Einmarsch der Russen von ihren Eltern in einem dunklen Zwischenkeller versteckt. In ihrer Not erzählte sie sich selbst alle Märchen, die sie kannte. Sie kam zu dem Schluß, wenn alle diese Märchen gut ausgehen, warum sollte es nicht auch für sie selbst ein gutes Ende finden. Nach acht Tagen wurde sie befreit und war zwar abgemagert, aber gesund. Ihre Zuversicht hatte sie am Leben erhalten.
GralsWelt: Konnten Sie als Pädagogin auch Ihre Kollegen von Ihrer Arbeitsweise überzeugen?
Kleinhans: Die meisten leider nicht, sie wunderten sich nur, daß ich mit meinen schwierigen Kindern den Lernstoff bewältigen konnte, was ihnen selbst nicht immer gelang. Allerdings gestaltete ich einmal im Jahr mit zwei Kollegen einen großen Auftritt mit Märchen und Musik. Da ich auch den Schulchor und eine Instrumentalgruppe leitete, konnte ich die Musik mit einfließen lassen – eine wunderbare Kombination.
GralsWelt: Wie kam es nach Ihrer Meinung zu dem erfreulichen Sinneswandel bezüglich des Wertes von Märchen für die pädagogische Arbeit?
Kleinhans: Entscheidend war das Erscheinen des Buches von Bruno Bettelheim: „Kinder brauchen Märchen“. Man besann sich wieder auf die tiefe Wirkung von Märchen. Heute werden Märchen für alle Altersstufen verwendet. Sie sind ein wichtiger Bestandteil in der Tiefen- und Verhaltenspsychologie und allgemein anerkannt.
GralsWelt: Seit vielen Jahren sind Sie nicht nur als Märchenerzählerin tätig, sondern leiten auch Seminare. Welche Themenschwerpunkte bieten Sie an?
Kleinhans: Ich biete mehrere Seminare an. Zum Beispiel zu den Themen „Geschwisterrivalitäten“, „Die pädagogische und psychologische Bedeutung der Märchen“, „Von den heilenden Kräften im Märchen“, „Lachen ist gesund“, „Helfer auf dem Weg zum Glück“ oder „Die Hexe in der Geschichte und in den Märchen“.
GralsWelt: Märchen frei zu erzählen, setzt besondere Fähigkeiten voraus. Welche Hilfen vermitteln Sie bei Seminaren Ihren Teilnehmern?
Kleinhans: Der Erzähler braucht Sprachkompetenz, die Fähigkeit, in Bildern zu denken, und ein gut funktionierendes Gedächtnis – das kann geschult werden. Wichtig sind Übungen zur Stimmbildung und Aussprache. Das Grundprinzip besteht darin, das Buchmärchen zum lebendigen Erzählen zu erwecken. Hierzu muß das Märchen bearbeitet werden. Der Erzählstrang wird herausgearbeitet, textgetreu, aber nicht wortgetreu. Am besten handschriftlich, da dies die Merkfähigkeit unterstützt. Eine Ausnahme bilden die Märchen der Brüder Grimm.
Diese sollten möglichst wortgetreu erzählt oder vorgelesen werden.
Karli, ein zierlicher, sensibler Junge, wurde selbst zum „starken Hans“ und hatte, wie der Riese im Märchen, auch sein Geheimnis.
GralsWelt: Worin unterscheiden sich echte Volksmärchen von Kunstmärchen wie etwa „Harry Potter“?
Kleinhans: Bei den echten, tradierten Volksmärchen handelt es sich nicht um Phantasiegeschichten, sondern um erlebte Menschheitsgeschichte. Die Symbolsprache ist aufgrund ihres Alters nicht immer zu verstehen. Es sollte uns aber ein Anliegen sein, diese Symbole aufzuschlüsseln.
GralsWelt: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Märchen helfen leben“ geschrieben. Können Sie uns ein Beispiel schildern, das zeigt, wie Märchen helfen, innere Kräfte zu mobilisieren?
Kleinhans: Ich hatte in einer Anfangsklasse den Karli, einen zierlichen, sensiblen Jungen. Er wurde von den anderen gehänselt und herumgestoßen. Er stand in der Pause abseits, durfte nicht mitspielen. Ich tat mein möglichstes, um ihm zu helfen. Sein ängstliches Herumschleichen und Ausweichen provozierte einige Rowdies geradezu, ihr Mütchen an ihm zu kühlen. Dann geschah folgendes: Ich erzählte die beiden Märchen „Der starke Hans“ und „Das Geheimnis des Riesen“. Karli hatte besonders aufmerksam gelauscht. Mir fiel auf, daß Karli nach einigen Wochen selbstbewußter auftrat, schlagfertige Antworten gab, ja, sogar einen etwas tollpatschigen, größeren Mitschüler, der ihn ganz besonders drangsalierte, mit einem Selbstverteidigungsgriff auf den Boden zwang. Man ließ ihn fortan in Ruhe, ja, man forderte ihn sogar zum Mitspielen auf. Was war geschehen? Karli hatte in einer Kiste auf dem Speicher herumgekramt und dabei einen kupfernen Armreif gefunden, in den allerlei Runen und Zeichen eingraviert waren. Er lief damit sofort zu seiner Mutter und fragte sie, ob dies ein Zauberring sein könnte. Seine Mutter fragte ihn verwundert, wie er darauf komme. Da erzählte er ihr die beiden Märchen haargenau und ohne zu stocken. Die Mutter, eine ehemalige Kindergärtnerin, ging sofort darauf ein und bestärkte ihn noch in diesem Glauben. Karli trug viele Monate diesen Reif unter langen Ärmeln versteckt. Dies ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie ein Märchen eine innere Wandlung in Gang setzen kann.
GralsWelt: Frau Kleinhans, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viele märchenhafte Erlebnisse.
Literatur:
Elfriede Kleinhans, Märchen helfen leben, Frankfurt/Main, ISBN 3-92222-94-0
GralsWelt: Frau Kleinhans, ich hatte das Glück, Sie schon öfter als Märchenerzählerin zu erleben, und war sehr begeistert. Wie ist Ihre intensive Beziehung zum Märchen entstanden?
Kleinhans: Durch meine Kindheit zog sich das Märchen wie ein roter Faden. Mein Vater war ein begnadeter Erzähler mit einem großen Märchenschatz. Er hat mich und meinen Bruder mit Märchen erzogen. Immer fand er das passende Märchen, ob wir traurig waren oder ungezogen. Ich denke, daß er sich häufig auch Geschichten ausdachte, die zur jeweiligen Lebenssituation paßten und für uns Kinder hilfreich waren. Nach dem Krieg erhielt mein Vater viele Briefe von ehemaligen Kameraden, die sich bei ihm bedankten, daß er sie durch seine Erzählungen das Elend der russischen Gefangenschaft vergessen ließ. Auch wenn er meinen eigenen Kindern Märchen erzählte, war jedes Fernsehprogramm uninteressant.
GralsWelt: Sie haben jahrelang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Im Unterricht setzten Sie häufig Märchen als Lehrhilfe ein. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Kleinhans: Mit dem richtigen Märchen kann man die Kinder beruhigen, motivieren und die Unterrichtsatmosphäre entscheidend verbessern. Mein Prinzip war immer, die Märchen nach dem Erzählen kreativ zu bearbeiten, zum Beispiel durch Malen oder darstellendes Spiel. Aus dem, wie die Kinder ihre Rolle beim Spielen gestalteten, konnte ich viel über ihre jeweilige Befindlichkeit erfahren. Auch die Entscheidung, welches Märchen immer wieder von bestimmten Kindern gewünscht wurde, gab mir Hinweise auf die Problematik dieser Kinder. Wenn ein Märchen immer wieder erzählt wird, bis das Kind genug hat und sich ein anderes wünscht, dann ist das wie eine Therapie. Über die Phantasie kann es die Bilder „des gelungenen Lebens“, die das Märchen vermittelt, jederzeit abrufen.
GralsWelt: Können Sie uns hierzu ein Beispiel schildern?
Kleinhans: Ja, eine mir bekannte Frau wurde als Kind beim Einmarsch der Russen von ihren Eltern in einem dunklen Zwischenkeller versteckt. In ihrer Not erzählte sie sich selbst alle Märchen, die sie kannte. Sie kam zu dem Schluß, wenn alle diese Märchen gut ausgehen, warum sollte es nicht auch für sie selbst ein gutes Ende finden. Nach acht Tagen wurde sie befreit und war zwar abgemagert, aber gesund. Ihre Zuversicht hatte sie am Leben erhalten.
GralsWelt: Konnten Sie als Pädagogin auch Ihre Kollegen von Ihrer Arbeitsweise überzeugen?
Kleinhans: Die meisten leider nicht, sie wunderten sich nur, daß ich mit meinen schwierigen Kindern den Lernstoff bewältigen konnte, was ihnen selbst nicht immer gelang. Allerdings gestaltete ich einmal im Jahr mit zwei Kollegen einen großen Auftritt mit Märchen und Musik. Da ich auch den Schulchor und eine Instrumentalgruppe leitete, konnte ich die Musik mit einfließen lassen – eine wunderbare Kombination.
GralsWelt: Wie kam es nach Ihrer Meinung zu dem erfreulichen Sinneswandel bezüglich des Wertes von Märchen für die pädagogische Arbeit?
Kleinhans: Entscheidend war das Erscheinen des Buches von Bruno Bettelheim: „Kinder brauchen Märchen“. Man besann sich wieder auf die tiefe Wirkung von Märchen. Heute werden Märchen für alle Altersstufen verwendet. Sie sind ein wichtiger Bestandteil in der Tiefen- und Verhaltenspsychologie und allgemein anerkannt.
GralsWelt: Seit vielen Jahren sind Sie nicht nur als Märchenerzählerin tätig, sondern leiten auch Seminare. Welche Themenschwerpunkte bieten Sie an?
Kleinhans: Ich biete mehrere Seminare an. Zum Beispiel zu den Themen „Geschwisterrivalitäten“, „Die pädagogische und psychologische Bedeutung der Märchen“, „Von den heilenden Kräften im Märchen“, „Lachen ist gesund“, „Helfer auf dem Weg zum Glück“ oder „Die Hexe in der Geschichte und in den Märchen“.
GralsWelt: Märchen frei zu erzählen, setzt besondere Fähigkeiten voraus. Welche Hilfen vermitteln Sie bei Seminaren Ihren Teilnehmern?
Kleinhans: Der Erzähler braucht Sprachkompetenz, die Fähigkeit, in Bildern zu denken, und ein gut funktionierendes Gedächtnis – das kann geschult werden. Wichtig sind Übungen zur Stimmbildung und Aussprache. Das Grundprinzip besteht darin, das Buchmärchen zum lebendigen Erzählen zu erwecken. Hierzu muß das Märchen bearbeitet werden. Der Erzählstrang wird herausgearbeitet, textgetreu, aber nicht wortgetreu. Am besten handschriftlich, da dies die Merkfähigkeit unterstützt. Eine Ausnahme bilden die Märchen der Brüder Grimm.
Diese sollten möglichst wortgetreu erzählt oder vorgelesen werden.
Karli, ein zierlicher, sensibler Junge, wurde selbst zum „starken Hans“ und hatte, wie der Riese im Märchen, auch sein Geheimnis.
GralsWelt: Worin unterscheiden sich echte Volksmärchen von Kunstmärchen wie etwa „Harry Potter“?
Kleinhans: Bei den echten, tradierten Volksmärchen handelt es sich nicht um Phantasiegeschichten, sondern um erlebte Menschheitsgeschichte. Die Symbolsprache ist aufgrund ihres Alters nicht immer zu verstehen. Es sollte uns aber ein Anliegen sein, diese Symbole aufzuschlüsseln.
GralsWelt: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Märchen helfen leben“ geschrieben. Können Sie uns ein Beispiel schildern, das zeigt, wie Märchen helfen, innere Kräfte zu mobilisieren?
Kleinhans: Ich hatte in einer Anfangsklasse den Karli, einen zierlichen, sensiblen Jungen. Er wurde von den anderen gehänselt und herumgestoßen. Er stand in der Pause abseits, durfte nicht mitspielen. Ich tat mein möglichstes, um ihm zu helfen. Sein ängstliches Herumschleichen und Ausweichen provozierte einige Rowdies geradezu, ihr Mütchen an ihm zu kühlen. Dann geschah folgendes: Ich erzählte die beiden Märchen „Der starke Hans“ und „Das Geheimnis des Riesen“. Karli hatte besonders aufmerksam gelauscht. Mir fiel auf, daß Karli nach einigen Wochen selbstbewußter auftrat, schlagfertige Antworten gab, ja, sogar einen etwas tollpatschigen, größeren Mitschüler, der ihn ganz besonders drangsalierte, mit einem Selbstverteidigungsgriff auf den Boden zwang. Man ließ ihn fortan in Ruhe, ja, man forderte ihn sogar zum Mitspielen auf. Was war geschehen? Karli hatte in einer Kiste auf dem Speicher herumgekramt und dabei einen kupfernen Armreif gefunden, in den allerlei Runen und Zeichen eingraviert waren. Er lief damit sofort zu seiner Mutter und fragte sie, ob dies ein Zauberring sein könnte. Seine Mutter fragte ihn verwundert, wie er darauf komme. Da erzählte er ihr die beiden Märchen haargenau und ohne zu stocken. Die Mutter, eine ehemalige Kindergärtnerin, ging sofort darauf ein und bestärkte ihn noch in diesem Glauben. Karli trug viele Monate diesen Reif unter langen Ärmeln versteckt. Dies ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie ein Märchen eine innere Wandlung in Gang setzen kann.
GralsWelt: Frau Kleinhans, ich danke Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viele märchenhafte Erlebnisse.
Literatur:
Elfriede Kleinhans, Märchen helfen leben, Frankfurt/Main, ISBN 3-92222-94-0
Autor: Sylvia Monhoff-Keweloh
