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Benjamin Herre

„Den inneren Impulsen folgen“

Ist das Maturanahaus ein pädagogisches Konzept für die Zukunft? Schulleiter Benjamin Herre im GralsWelt-Interview.

Gestreßte Schüler, überlastete Lehrer, ratlose Eltern: Seit der ersten Pisastudie im Jahr 2000 ist der Druck im öffentlichen Schulsystem durch erhöhte Leistungsanforderungen und vorgezogenes Abitur enorm gestiegen. Dieser einseitige, nur auf intellektuelle Leistung eingestellte Weg beginnt mittlerweile immer häufiger schon im Kindergarten. Aber wo bleiben hier Räume für die freie Entfaltung und Reifung der Persönlichkeit eines heranwachsenden und sich entwickelnden Menschen mit all seinen individuellen Fähigkeiten und Stärken? Von klein auf die Welt entdecken, erleben, begreifen, dann ebenfalls mit Freude lernen, seine eigenen Fähigkeiten erproben, um so zu erfahren, wie es ist, über sich selbst hinauszuwachsen – und das alles abgestimmt auf das ureigene Tempo … Könnte das nicht ein tragfähiger Weg in eine hoffnungsvolle, sinnstiftende Gesellschaft der Zukunft sein?

Um so wichtiger ist es, daß es alternative Schulformen gibt, die den Mut haben, schon jetzt diesen Weg zu gehen. Eine dieser Einrichtungen ist das Maturanahaus in Emmendingen bei Freiburg. Das pädagogische Konzept der Institution wird durch die Forschungsarbeit des chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana untermauert. Ein Grundgedanke ist hierbei, daß jedes Kind von innen gesteuert lernt und sich entwickelt. Auch ähnliche Erkenntnisse des Neurobiologen und Psychiaters Hoimar von Ditfurth werden in das Konzept der Einrichtung mit einbezogen. Diese und andere Neurowissenschaftler bestätigen die Ärztin und Pädagogin Maria Montessori, die schon vor über 50 Jahren das absolute Vertrauen auf die inneren Wachstumskräfte des Menschen und die aufmerksame Begleitung des Kindes gefordert hat. Sie ging davon aus, daß menschliche Entwicklung einem von der Evolution geschaffenen inneren Plan folgt, den Kinder ihrem Rhythmus nach umsetzen. Das Maturanahaus hat diese Pädagogik weiterentwickelt. Dessen Gründer, Benjamin Herre und Nadja Limanski, fanden Eltern, die ebenfalls Interesse daran hatten, das Projekt einer eigenen Schule zu verwirklichen, und wurden durch Mauricio und Rebeca Wild inspiriert, die vor über 25 Jahren in Ecuador erfolgreich einen Kindergarten- und Schulbereich mit einer „nicht-direktiven Umgebung“ aufbauten. (Ein beeindruckendes Buch von Rebeca Wild über diese Einrichtung hat den Titel „Lebensqualität für Kinder und andere Menschen“.)

Das folgende Interview mit Benjamin Herre entstand anläßlich eines „Tages der offenen Tür“ im Maturanahaus in Emmendingen.

„Jedes Lebewesen ist von innen gesteuert, hat eigene, innere Impulse, sich nach seinem inneren Bauplan zu entfalten!“


Benjamin Herre (links) im Gespräch mit GralsWelt-Autor Mathias Elsner-Heyden: „Im öffentlichen Bildungssystem wurden in den letzten Jahrzehnten letztlich nie grundsätzliche Veränderungen vorgenommen. Es wurde nur punktuell das eine oder andere eingebaut.“
GralsWelt: Herr Herre, Sie sind im Vorstand des Maturanahauses in Emmendingen. Ihre Einrichtung besteht seit dem Jahr 2004. Wie kam es dazu?

Herre:
Wir hatten die Idee aus dem Bedürfnis heraus, eine geeignete Umgebung für unsere eigenen und die Kinder interessierter Eltern zu schaffen, mit denen wir schon damals in Kontakt waren. Der Kern der Arbeit von Mauricio und Rebeca Wild, deren pädagogisches Konzept uns sehr beeindruckt hat, ist die Nicht-Direktivität. Letztlich erkannten wir aber, daß wir etwas Eigenes entwickeln mußten.

GralsWelt: Was kann man sich unter einer „nicht-direktiven Umgebung“ vorstellen?

Herre:
Eine vorbereitete, entspannte Umgebung. Nicht-Direktivität betrifft den zwischenmenschlichen Bereich, also die Art, wie wir Erwachsenen mit den Kindern umgehen, welche Haltung wir ihnen gegenüber entwickeln, aber auch, wie wir selbst miteinander umgehen. Bei der Nicht-Direktivität ist der zentrale Punkt, daß ich nicht versuche, mein Gegenüber, das Kind in diesem Fall, durch meine Kommunikation oder Handlung in seinen inneren Entscheidungsprozessen zu beeinflussen. Statt dessen vertraue ich darauf, daß jedes Lebewesen, jeder Mensch, jedes Kind eine Entscheidungsinstanz in sich hat und kompetent mit seiner Situation umgehen kann. Das Kind kann auswählen, was zu seiner Entwicklung paßt. Das können wir den Kindern hier bieten, und das macht auch die entspannte Umgebung aus. Dies ist aus unserer Sicht notwendig, damit Kinder ihre inneren Impulse spüren und ihnen folgen können. Sobald sich ein Kind bedroht fühlt, zum Beispiel durch Anforderungen, Erwartungen oder Leistungsdruck, ist es nicht entspannt und kann auch nicht seiner inneren Stimme folgen. Wir Erwachsenen sind dafür verantwortlich, die Umgebung vorzubereiten. Ein Kind kann sie nicht selbst bauen, genausowenig wie ein Küken sein Nest bauen kann. Das müssen schon die Vogeleltern machen.

GralsWelt: Sie beziehen in Ihre Arbeit das Entwicklungsstufenmodell des bekannten Entwicklungspsychologen Jean Piaget und die Pädagogik von Maria Montessori mit ein. Wie wird das im Kindergarten- oder Schulalltag praktisch umgesetzt?

Herre:
Maria Montessori war die erste Pädagogin, die in dieser Bestimmtheit gesagt hat: ein Kind spürt selbst, was es braucht. Wir müssen die Kinder nicht konditionieren, mit Zuckerbrot und Peitsche so formen, wie wir uns das vorstellen, sondern eigentlich ist alles schon von Anfang an enthalten. Maria Montessori war sehr religiös. Sie vertrat die Meinung, daß die Schöpfung vollkommen ist und der Mensch als ein wichtiger Teil der Schöpfung in sich alles enthält, was er für seine Entfaltung braucht. Auf das Kind bezogen, hat sie dann sehr radikal versucht, ihre Erkenntnisse mit für die damalige Zeit ganz ungewöhnlichen Methoden umzusetzen. Wichtig war ihr das Prinzip der freien Wahl, zum Beispiel, daß Kinder selbst wählen konnten, welches Material sie benutzen wollen. Mauricio und Rebeca Wild haben das in den 1970er Jahren aufgegriffen, begannen mit der Montessori-Pädagogik und entwickelten dann daraus ihr ganz eigenes Konzept. Sie haben den montessorischen Gedanken der freien Wahl weiter auf sämtliche Lern- und Spielbereiche ausgedehnt. Später bezogen sie noch hinzukommende Forschungsergebnisse mit ein und berücksichtigten zudem die Arbeiten von Piaget, der sehr genau beschrieben hat, wie sich die kindliche Psyche entwickelt. Wenn man diese Beschreibungen ernst nähme, müßte man daraus sehr tiefgreifende Konsequenzen ziehen. Leider wird das ja im öffentlichen Schulwesen gar nicht getan, obwohl Piagets entwicklungspsychologische Forschungsergebnisse in jedem Pädagogikstudium mit zum Repertoire gehören. Wir versuchen, diese Erkenntnisse sehr ernst zu nehmen, und sehen uns auch in unseren Erfahrungen immer wieder bestätigt. Jedes Kind weiß, daß es hier selbst entscheiden und machen kann, was gerade seine selbst gestellten Aufgaben sind. Wie schon erwähnt, muß die Umgebung hierfür vorbereitet sein. Möchte ein Kind sich handwerklich betätigen, müssen Nägel und Hammer zur Verfügung stehen. Möchte es sich mit Sprache beschäftigen, gibt es Montessorimaterialien für Deutsch und Fremdsprachen, aber auch für Mathematik und kosmische Erziehung, also den ganzen Sachkundebereich. Wir waren allerdings mit der Auswahl dieser Materialien nicht zufrieden und haben einiges hinzugefügt. Auch messen wir dem Spiel eine große Bedeutung bei. „Das Spiel ist die Arbeit der Kinder“, sagt Montessori. Die Kinder verteilen sich hier über das ganze Gelände und die Räumlichkeiten. Beispielsweise gibt es Bereiche, in denen es sehr ruhig zugeht und konzentriertes Arbeiten stattfindet. Dort besteht die Regel, daß nicht herumgerannt werden darf. Oder es gibt Bereiche, in denen es laut zugeht. Im Garten wird gehämmert und gehobelt, Buden werden gebaut, Teile des Gartens werden angelegt, es wird sehr viel Sport getrieben, mit Wasser und Sand gespielt, und es finden auch bestimmte Regelspiele auf der Wiese statt. Jedes Kind überlegt sich immer wieder: was paßt heute zu mir? Es tut sich mit anderen Kindern zusammen oder macht etwas allein. Des weiteren bieten wir zum Beispiel künstlerische oder handwerkliche Projekte an, die wir inhaltlich vorbereiten. Auch können es Kurse sein, die über eine gewisse Zeit regelmäßig stattfinden. Viele Arbeitsgruppen entstehen aus den Vorschlägen der Kinder, wir Pädagogen denken uns aber auch einiges aus. Ein Großteil der Aktivität im Maturanahaus entsteht allerdings aus dem Moment heraus und findet nicht in Projekten oder Arbeitsgruppen statt.

GralsWelt: Wie viele Kindergartengruppen und wie viele Klassen gibt es in Ihrer Einrichtung?

Herre:
Es gibt keine Gruppen. Wir haben im Kindergarten im Moment 13 und in der Schule 37 Kinder. Die Struktur bei uns ist eben nicht in Gruppen oder Klassen, sondern in Stufen eingeteilt: Die Eingangsstufe ist der Kindergarten und geht bis zum 6./7. Lebensjahr. Ab dem 6. Lebensjahr ist das Kind berechtigt, sämtliche Bereiche der Schulkinder mitzubenutzen. Ab dem 7. Lebensjahr ist es Mitglied der Primarstufe. Hier bleibt es dann bis zum 12./13. Lebensjahr, worauf der nächste Abschnitt folgt. Mit 12 können die Kinder also entscheiden, ob sie ihre Übergangszeit zur Sekundarstufe beginnen möchten. Sobald sie den Wunsch äußern, können sie sich einen Tutor aus dem pädagogischen Team aussuchen. Das ist der persönliche Betreuer des Kindes oder Jugendlichen, der mit ihm etwa alle zwei bis drei Wochen Gespräche über die Entwicklung führt, was wichtig ist für den Schüler oder die Schülerin, um zu klären, wo die Interessen und Ziele derzeit liegen. Auch private Dinge kommen oft zur Sprache. Das Verhältnis zum Tutor ist ein eher freundschaftliches. Es muß ein Tagebuch über die täglichen Aktivitäten geführt werden, dessen Inhalt ebenfalls besprochen wird.

GralsWelt: Statt Stundenplan, Noten und Animation zählen im Maturanahaus das eigene Tempo des Kindes und die von innen gesteuerte Entwicklung. Wie kommen die Schüler ohne Noten klar? Gibt es statt dessen Beurteilungen, wie es zum Beispiel in der Waldorfschule bis zur achten Klasse üblich ist?

Herre:
Jedes Lebewesen ist von innen gesteuert, hat eigene, innere Impulse, sich nach seinem inneren Bauplan zu entfalten. Bei Kindern gibt es die Besonderheit, daß sie noch sehr viele Abhängigkeiten zu den Erwachsenen haben, daß sie darauf angewiesen sind, von uns gepflegt und ernährt zu werden und von uns eine angemessene Umgebung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Und sie brauchen, was das allerwichtigste Bedürfnis des Menschen ist: Liebe und Annahme der Erwachsenen. Durch dieses starke Liebesbedürfnis, das bei Menschenkindern meines Erachtens wesentlich stärker ausgeprägt ist als bei Tierkindern, sind sie manipulierbar. Genau da beginnt dann das Problem mit der Direktivität. Wir Erwachsenen versuchen nämlich, wie es üblicherweise in der Erziehung schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden gemacht wird, das Verhalten der Kinder durch gezielte Zuwendung, Ablehnung oder Bestrafung zu steuern. Im herkömmlichen Erziehungssystem wird natürlich genau mit diesen beiden Polen – Zuckerbrot und Peitsche, also Annahme und Zuwendung einerseits und Ablehnung und Bestrafung andererseits – gearbeitet, und in der Schule drückt sich das dann irgendwann tatsächlich in Zahlen aus. Die Liebe ist die 1 und die Ablehnung und Bestrafung ist die 6. Das ist auch in diesem klassischen Erziehungssystem notwendig, um überhaupt die Motivation zu erzeugen, sonst würden die Kinder, die ja nicht nach eigenen Impulsen lernen dürfen, sondern in der Klasse immer genau das machen müssen, was der Lehrer sagt, keine Motivation entwickeln. Im Maturanahaus lernen die Kinder, weil sie lernen wollen, weil es ihr Bedürfnis ist. Die Bestätigung erhalten sie aus ihrer Tätigkeit, weil sie sie aus eigenem Interesse wählen. Wenn ich mich für etwas interessiere, dann empfinde ich auch bei dieser Aktivität eine Zufriedenheit, weil ich dann im Einklang mit dem bin, was meine inneren Impulse sind. Wichtig ist allerdings die Anwesenheit eines Erwachsenen, der das Kind respektvoll, teilnehmend und interessiert begleitet. Wir Erwachsenen lassen die Kinder nie allein in ihren Prozessen und bei ihren Aktivitäten, sondern wir begleiten sie. Das ist auch ein ganz wesentlicher Punkt für unsere Arbeit. Deswegen haben wir auch so viele Pädagoginnen und Pädagogen hier, denn wir sind zu sechst bei zurzeit insgesamt 50 Kindern. Das ist notwendig, damit das Kind sich gesehen fühlt und sich sicher sein kann: Hier passiert mir nichts. Der Erwachsene sorgt dafür, daß hier alles in Ordnung ist.

„Bei uns sind Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen willkommen. Mit dem Begriff ,behindert‘ verbauen wir diesen Menschen schon ein Stück Entfaltung, anstatt ihre Talente wahrzunehmen!“

GralsWelt: Welche Ausbildung haben Erzieher und Lehrer, die im Maturanahaus arbeiten?

Herre:
Es gibt drei Lehrerinnen, einen Sozialarbeiter, eine Kunsttherapeutin und einen Musiker. Wir arbeiten sehr vernetzt. Bis auf die Kunsttherapeutin, die nur für den Kindergarten zuständig ist, arbeiten alle in Kindergarten und Schule. Alle Sitzungen und Reflexionen finden gemeinsam statt.

GralsWelt: Welchen Stellenwert haben musische Erziehung und Sport im Maturanahaus?

Herre:
Es gibt eigentlich nichts, was im Maturanahaus einen besonderen Stellenwert hat, bezogen auf ein bestimmtes Fach oder Thema. Da bei uns die Kinder die Aktivitäten einfach nach ihren Bedürfnissen wählen, entsteht daraus automatisch ein sehr breites Spektrum. So bekommen auch musische und handwerkliche Aktivitäten einen großen Raum, und ein relativ hoher Stellenwert entsteht von selbst. Entsprechend ist auch die Umgebung vorbereitet: Es gibt viele Musikinstrumente, und es wird täglich in verschiedenen Formen gesungen und gespielt. Es gibt eine große Auswahl von Werkzeugen. Sport machen die Kinder, wie schon erwähnt, auf dem großen Außengelände, das mit einem reichhaltigen Angebot von Sportgeräten ausgestattet ist. Diese sind aber anders gestaltet und angeordnet, als man das von einer normalen Turnhalle oder einem üblichen Sportplatz kennt. Es werden viele Mannschaftssportarten gespielt, zum Beispiel Handball oder Fußball.

GralsWelt: Freie Entfaltung braucht einen schutzbietenden, sicheren Rahmen. Wie setzen Erzieher und Lehrer Grenzen, und wie wird mit Konflikten der Kinder untereinander umgegangen – Stichwort „soziale Kompetenz“?

Herre:
Die Kinder erleben im Maturanahaus jeden Tag sehr viele soziale Situationen unterschiedlichster Art, bei denen Konflikte und Reibungen vorkommen, man sich einigen oder Entscheidungen treffen muß, ob man zum Beispiel nicht mehr mitspielen möchte und so weiter. Diese Situationen entstehen auf ganz natürliche Weise. Wir begleiten die Kinder dabei jeden Tag, und es ist ganz wichtig, daß wir die Konflikte für die Kinder nicht lösen, sondern sie so begleiten, daß sie ihre eigene Lösung finden und sich dabei sicher fühlen können. Konflikt bedeutet für uns nicht zwangsweise Aggression. Aggression entsteht vor allem dann, wenn Kinder sich innerlich in Not fühlen, wenn zum Beispiel innere Spannungen da sind. Wesentlich ist hier, daß jedes Kind seine Gefühle jederzeit ausdrücken darf. Bei uns können die Kinder weinen oder auch wütend sein, mal laut sein und auch ihre negativen Gefühle äußern. Damit sich jedes Kind sicher dabei fühlen kann, gibt es Grundregeln. Die Kinder und Jugendlichen dürfen sich nicht gegenseitig weh tun. Das bezieht körperliche Gewalt wie beispielsweise Schlagen und Treten mit ein, aber auch verbale Aggressionen. Auch dürfen die Kinder sich bei ihren Aktivitäten nicht gegenseitig stören. Mit den Materialien und dem, was vorbereitet ist, muß sorgsam umgegangen werden, weil ansonsten schnell ein riesiges Chaos entstehen würde. Solche grundlegenden Regeln, die für das entspannte Miteinander zwingend notwendig sind, legen wir Betreuer fest.

Bei den Wochenversammlungen werden aber auch Pläne für Exkursionen oder Arbeitsgruppen gemacht. Bei diesen Diskussionen lernen die Kinder sehr viel über Demokratie, beispielsweise wie ich in einer großen Gruppe kommunizieren kann, wie ich da meine Meinung äußern, meine Vorstellungen einbringen und vielleicht auch durchsetzen kann.

GralsWelt: Nehmen Sie auch Kinder mit Behinderung auf?

Herre:
Ja, natürlich. Auch da haben wir die Haltung, daß wir die Kinder nicht in Schubladen einsortieren wollen, weshalb das Wort „behindert“ für uns nicht so sinnvoll ist. Wir möchten den Kindern keinen Stempel aufdrücken. Bei uns sind Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen willkommen. Mit dem Begriff „behindert“ verbauen wir diesen Menschen schon ein Stück Entfaltung, anstatt wahrzunehmen, wo ihre Talente sind, die sie in die Gesellschaft einbringen können. Auch haben wir Kinder mit sogenanntem Migrationshintergrund.

GralsWelt: Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage nach dem Abschluß im Maturanahaus. Gibt es einen staatlich anerkannten Abschluß, und haben Schüler, die nach der letzten Klasse das Maturanahaus verlassen, die Möglichkeit, weiterführende Schulen zu besuchen, um beispielsweise das Abitur zu machen?

Herre:
Einen Abschluß im Maturanahaus gibt es eigentlich nicht. Nach der derzeitigen Planung geht es bis zum neunten oder zehnten Schuljahr, an dessen Ende sich die Schüler entscheiden können, ob sie die Abschlußprüfung zum Haupt- oder Realschulabschluß ablegen wollen. Das findet in der nächstgelegenen öffentlichen Schule als sogenannte „Schulfremdenprüfung“ statt. Die Anerkennung, die nötig wäre, um diese Prüfungen selbst durchführen zu können, streben wir nicht an, da wir unsere Arbeit sonst nicht mit der Konsequenz weiterführen könnten, wie wir das im Moment tun. Die Jugendlichen können sich allerdings auf einen Abschluß vorbereiten. Wir unterstützen sie dabei. Es gibt mehrere Möglichkeiten, da das jetzige Schulsystem etwas breiter geworden ist, was die Absolvierung von Abschlüssen anbelangt.

„Konflikt bedeutet für uns nicht zwangsweise Aggression. Aggression entsteht vor allem dann, wenn Kinder sich innerlich in Not fühlen, wenn Spannungen da sind!“


Das Maturanahaus in Emmendingen verwirklicht ein neues pädagogisches Konzept. Es geht davon aus, daß Kinder ihre Entwicklung selbst von innen steuern, und bietet dafür geordnete Rahmenbedingungen. Der übliche Leistungsdruck fällt dadurch weg.
GralsWelt: Was müssen die Eltern zahlen, und wie finanziert sich das Maturanahaus?

Herre:
Das Maturanahaus finanziert sich aus öffentlichen Zuschüssen, Elternbeiträgen und Spenden. Es gibt die Möglichkeit für Eltern, bei geringem Einkommen eine Ermäßigung zu beantragen. Zudem haben wir eine sehr aktive Elternschaft. Die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus ist so eng, weil wir davon ausgehen, daß das Kind immer eine entspannte und gut vorbereitete Umgebung braucht. Dazu gehören die Erwachsenen, die es respektvoll begleiten und seine inneren Prozesse respektieren. Deshalb informieren wir die Eltern schon vor der Anmeldung sehr intensiv darüber, was hier eigentlich die Inhalte sind und was es für die Familie bedeutet, ein Kind im Maturanahaus zu haben. Viele Familien überdenken dann beispielsweise ihre gesamte Familienkultur und versuchen, an der inneren Haltung zu arbeiten. Andererseits ist die Elternschaft auch praktisch sehr engagiert. Es wird sehr viel in Form von Mitarbeit eingebracht, zum Beispiel im handwerklichen Bereich oder im Organisieren von Veranstaltungen.

GralsWelt: Das heutige Schul- und Bildungssystem bewegt sich immer in eine leistungsorientierte Richtung, die der individuellen Persönlichkeitsentwicklung mit all ihren Eigenarten und Stärken nur wenig Raum läßt. Sehen Sie – als Lichtblick für eine zukunftsfähige Gesellschaft – eine Art Gegenbewegung, die auf ein offenes, lebendiges Bildungssystem hoffen läßt, das individuelle Fähigkeiten wieder mehr erkennt und ganzheitlich fördert?

Herre:
Was ich wahrnehme, ist, daß im Laufe der letzten Jahrzehnte einiges an Impulsen aus der Alternativ- und Reformpädagogik in das öffentliche Bildungssystem übergeschwappt ist, daß aber letztlich nie grundsätzliche Veränderungen vorgenommen worden sind, sondern nur punktuell mal das eine, mal das andere eingebaut wurde. Unsere Hoffnung ist, daß wir den Kindern, die das Maturanahaus besuchen, eine bessere Lebensqualität ermöglichen, von der sie wahrscheinlich ihr gesamtes Leben lang profitieren werden und die es ihnen wiederum ermöglicht, daß sie durch ihre eigenen Handlungen als Erwachsene – zum Beispiel wie sie ihre Kinder erziehen, wie sie ihre sozialen Beziehungen und beruflichen Aktivitäten gestalten – für unsere Gesellschaft einen wertvollen Beitrag leisten. Dazu würde ganz gut das Bild von einem ins Wasser geworfenen Stein passen, der Kreise zieht.

GralsWelt: Vielen Dank für dieses informative Gespräch, und alles Gute für den weiteren Weg des Maturanahauses.

Herre: Ja, gerne, schön, daß Sie da waren.

 


Gestreßte Schüler, überlastete Lehrer, ratlose Eltern: Seit der ersten Pisastudie im Jahr 2000 ist der Druck im öffentlichen Schulsystem durch erhöhte Leistungsanforderungen und vorgezogenes Abitur enorm gestiegen. Dieser einseitige, nur auf intellektuelle Leistung eingestellte Weg beginnt mittlerweile immer häufiger schon im Kindergarten. Aber wo bleiben hier Räume für die freie Entfaltung und Reifung der Persönlichkeit eines heranwachsenden und sich entwickelnden Menschen mit all seinen individuellen Fähigkeiten und Stärken? Von klein auf die Welt entdecken, erleben, begreifen, dann ebenfalls mit Freude lernen, seine eigenen Fähigkeiten erproben, um so zu erfahren, wie es ist, über sich selbst hinauszuwachsen – und das alles abgestimmt auf das ureigene Tempo … Könnte das nicht ein tragfähiger Weg in eine hoffnungsvolle, sinnstiftende Gesellschaft der Zukunft sein?

Um so wichtiger ist es, daß es alternative Schulformen gibt, die den Mut haben, schon jetzt diesen Weg zu gehen. Eine dieser Einrichtungen ist das Maturanahaus in Emmendingen bei Freiburg. Das pädagogische Konzept der Institution wird durch die Forschungsarbeit des chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana untermauert. Ein Grundgedanke ist hierbei, daß jedes Kind von innen gesteuert lernt und sich entwickelt. Auch ähnliche Erkenntnisse des Neurobiologen und Psychiaters Hoimar von Ditfurth werden in das Konzept der Einrichtung mit einbezogen. Diese und andere Neurowissenschaftler bestätigen die Ärztin und Pädagogin Maria Montessori, die schon vor über 50 Jahren das absolute Vertrauen auf die inneren Wachstumskräfte des Menschen und die aufmerksame Begleitung des Kindes gefordert hat. Sie ging davon aus, daß menschliche Entwicklung einem von der Evolution geschaffenen inneren Plan folgt, den Kinder ihrem Rhythmus nach umsetzen. Das Maturanahaus hat diese Pädagogik weiterentwickelt. Dessen Gründer, Benjamin Herre und Nadja Limanski, fanden Eltern, die ebenfalls Interesse daran hatten, das Projekt einer eigenen Schule zu verwirklichen, und wurden durch Mauricio und Rebeca Wild inspiriert, die vor über 25 Jahren in Ecuador erfolgreich einen Kindergarten- und Schulbereich mit einer „nicht-direktiven Umgebung“ aufbauten. (Ein beeindruckendes Buch von Rebeca Wild über diese Einrichtung hat den Titel „Lebensqualität für Kinder und andere Menschen“.)

Das folgende Interview mit Benjamin Herre entstand anläßlich eines „Tages der offenen Tür“ im Maturanahaus in Emmendingen.

„Jedes Lebewesen ist von innen gesteuert, hat eigene, innere Impulse, sich nach seinem inneren Bauplan zu entfalten!“


Benjamin Herre (links) im Gespräch mit GralsWelt-Autor Mathias Elsner-Heyden: „Im öffentlichen Bildungssystem wurden in den letzten Jahrzehnten letztlich nie grundsätzliche Veränderungen vorgenommen. Es wurde nur punktuell das eine oder andere eingebaut.“
GralsWelt: Herr Herre, Sie sind im Vorstand des Maturanahauses in Emmendingen. Ihre Einrichtung besteht seit dem Jahr 2004. Wie kam es dazu?

Herre:
Wir hatten die Idee aus dem Bedürfnis heraus, eine geeignete Umgebung für unsere eigenen und die Kinder interessierter Eltern zu schaffen, mit denen wir schon damals in Kontakt waren. Der Kern der Arbeit von Mauricio und Rebeca Wild, deren pädagogisches Konzept uns sehr beeindruckt hat, ist die Nicht-Direktivität. Letztlich erkannten wir aber, daß wir etwas Eigenes entwickeln mußten.

GralsWelt: Was kann man sich unter einer „nicht-direktiven Umgebung“ vorstellen?

Herre:
Eine vorbereitete, entspannte Umgebung. Nicht-Direktivität betrifft den zwischenmenschlichen Bereich, also die Art, wie wir Erwachsenen mit den Kindern umgehen, welche Haltung wir ihnen gegenüber entwickeln, aber auch, wie wir selbst miteinander umgehen. Bei der Nicht-Direktivität ist der zentrale Punkt, daß ich nicht versuche, mein Gegenüber, das Kind in diesem Fall, durch meine Kommunikation oder Handlung in seinen inneren Entscheidungsprozessen zu beeinflussen. Statt dessen vertraue ich darauf, daß jedes Lebewesen, jeder Mensch, jedes Kind eine Entscheidungsinstanz in sich hat und kompetent mit seiner Situation umgehen kann. Das Kind kann auswählen, was zu seiner Entwicklung paßt. Das können wir den Kindern hier bieten, und das macht auch die entspannte Umgebung aus. Dies ist aus unserer Sicht notwendig, damit Kinder ihre inneren Impulse spüren und ihnen folgen können. Sobald sich ein Kind bedroht fühlt, zum Beispiel durch Anforderungen, Erwartungen oder Leistungsdruck, ist es nicht entspannt und kann auch nicht seiner inneren Stimme folgen. Wir Erwachsenen sind dafür verantwortlich, die Umgebung vorzubereiten. Ein Kind kann sie nicht selbst bauen, genausowenig wie ein Küken sein Nest bauen kann. Das müssen schon die Vogeleltern machen.

GralsWelt: Sie beziehen in Ihre Arbeit das Entwicklungsstufenmodell des bekannten Entwicklungspsychologen Jean Piaget und die Pädagogik von Maria Montessori mit ein. Wie wird das im Kindergarten- oder Schulalltag praktisch umgesetzt?

Herre:
Maria Montessori war die erste Pädagogin, die in dieser Bestimmtheit gesagt hat: ein Kind spürt selbst, was es braucht. Wir müssen die Kinder nicht konditionieren, mit Zuckerbrot und Peitsche so formen, wie wir uns das vorstellen, sondern eigentlich ist alles schon von Anfang an enthalten. Maria Montessori war sehr religiös. Sie vertrat die Meinung, daß die Schöpfung vollkommen ist und der Mensch als ein wichtiger Teil der Schöpfung in sich alles enthält, was er für seine Entfaltung braucht. Auf das Kind bezogen, hat sie dann sehr radikal versucht, ihre Erkenntnisse mit für die damalige Zeit ganz ungewöhnlichen Methoden umzusetzen. Wichtig war ihr das Prinzip der freien Wahl, zum Beispiel, daß Kinder selbst wählen konnten, welches Material sie benutzen wollen. Mauricio und Rebeca Wild haben das in den 1970er Jahren aufgegriffen, begannen mit der Montessori-Pädagogik und entwickelten dann daraus ihr ganz eigenes Konzept. Sie haben den montessorischen Gedanken der freien Wahl weiter auf sämtliche Lern- und Spielbereiche ausgedehnt. Später bezogen sie noch hinzukommende Forschungsergebnisse mit ein und berücksichtigten zudem die Arbeiten von Piaget, der sehr genau beschrieben hat, wie sich die kindliche Psyche entwickelt. Wenn man diese Beschreibungen ernst nähme, müßte man daraus sehr tiefgreifende Konsequenzen ziehen. Leider wird das ja im öffentlichen Schulwesen gar nicht getan, obwohl Piagets entwicklungspsychologische Forschungsergebnisse in jedem Pädagogikstudium mit zum Repertoire gehören. Wir versuchen, diese Erkenntnisse sehr ernst zu nehmen, und sehen uns auch in unseren Erfahrungen immer wieder bestätigt. Jedes Kind weiß, daß es hier selbst entscheiden und machen kann, was gerade seine selbst gestellten Aufgaben sind. Wie schon erwähnt, muß die Umgebung hierfür vorbereitet sein. Möchte ein Kind sich handwerklich betätigen, müssen Nägel und Hammer zur Verfügung stehen. Möchte es sich mit Sprache beschäftigen, gibt es Montessorimaterialien für Deutsch und Fremdsprachen, aber auch für Mathematik und kosmische Erziehung, also den ganzen Sachkundebereich. Wir waren allerdings mit der Auswahl dieser Materialien nicht zufrieden und haben einiges hinzugefügt. Auch messen wir dem Spiel eine große Bedeutung bei. „Das Spiel ist die Arbeit der Kinder“, sagt Montessori. Die Kinder verteilen sich hier über das ganze Gelände und die Räumlichkeiten. Beispielsweise gibt es Bereiche, in denen es sehr ruhig zugeht und konzentriertes Arbeiten stattfindet. Dort besteht die Regel, daß nicht herumgerannt werden darf. Oder es gibt Bereiche, in denen es laut zugeht. Im Garten wird gehämmert und gehobelt, Buden werden gebaut, Teile des Gartens werden angelegt, es wird sehr viel Sport getrieben, mit Wasser und Sand gespielt, und es finden auch bestimmte Regelspiele auf der Wiese statt. Jedes Kind überlegt sich immer wieder: was paßt heute zu mir? Es tut sich mit anderen Kindern zusammen oder macht etwas allein. Des weiteren bieten wir zum Beispiel künstlerische oder handwerkliche Projekte an, die wir inhaltlich vorbereiten. Auch können es Kurse sein, die über eine gewisse Zeit regelmäßig stattfinden. Viele Arbeitsgruppen entstehen aus den Vorschlägen der Kinder, wir Pädagogen denken uns aber auch einiges aus. Ein Großteil der Aktivität im Maturanahaus entsteht allerdings aus dem Moment heraus und findet nicht in Projekten oder Arbeitsgruppen statt.

GralsWelt: Wie viele Kindergartengruppen und wie viele Klassen gibt es in Ihrer Einrichtung?

Herre:
Es gibt keine Gruppen. Wir haben im Kindergarten im Moment 13 und in der Schule 37 Kinder. Die Struktur bei uns ist eben nicht in Gruppen oder Klassen, sondern in Stufen eingeteilt: Die Eingangsstufe ist der Kindergarten und geht bis zum 6./7. Lebensjahr. Ab dem 6. Lebensjahr ist das Kind berechtigt, sämtliche Bereiche der Schulkinder mitzubenutzen. Ab dem 7. Lebensjahr ist es Mitglied der Primarstufe. Hier bleibt es dann bis zum 12./13. Lebensjahr, worauf der nächste Abschnitt folgt. Mit 12 können die Kinder also entscheiden, ob sie ihre Übergangszeit zur Sekundarstufe beginnen möchten. Sobald sie den Wunsch äußern, können sie sich einen Tutor aus dem pädagogischen Team aussuchen. Das ist der persönliche Betreuer des Kindes oder Jugendlichen, der mit ihm etwa alle zwei bis drei Wochen Gespräche über die Entwicklung führt, was wichtig ist für den Schüler oder die Schülerin, um zu klären, wo die Interessen und Ziele derzeit liegen. Auch private Dinge kommen oft zur Sprache. Das Verhältnis zum Tutor ist ein eher freundschaftliches. Es muß ein Tagebuch über die täglichen Aktivitäten geführt werden, dessen Inhalt ebenfalls besprochen wird.

GralsWelt: Statt Stundenplan, Noten und Animation zählen im Maturanahaus das eigene Tempo des Kindes und die von innen gesteuerte Entwicklung. Wie kommen die Schüler ohne Noten klar? Gibt es statt dessen Beurteilungen, wie es zum Beispiel in der Waldorfschule bis zur achten Klasse üblich ist?

Herre:
Jedes Lebewesen ist von innen gesteuert, hat eigene, innere Impulse, sich nach seinem inneren Bauplan zu entfalten. Bei Kindern gibt es die Besonderheit, daß sie noch sehr viele Abhängigkeiten zu den Erwachsenen haben, daß sie darauf angewiesen sind, von uns gepflegt und ernährt zu werden und von uns eine angemessene Umgebung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Und sie brauchen, was das allerwichtigste Bedürfnis des Menschen ist: Liebe und Annahme der Erwachsenen. Durch dieses starke Liebesbedürfnis, das bei Menschenkindern meines Erachtens wesentlich stärker ausgeprägt ist als bei Tierkindern, sind sie manipulierbar. Genau da beginnt dann das Problem mit der Direktivität. Wir Erwachsenen versuchen nämlich, wie es üblicherweise in der Erziehung schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden gemacht wird, das Verhalten der Kinder durch gezielte Zuwendung, Ablehnung oder Bestrafung zu steuern. Im herkömmlichen Erziehungssystem wird natürlich genau mit diesen beiden Polen – Zuckerbrot und Peitsche, also Annahme und Zuwendung einerseits und Ablehnung und Bestrafung andererseits – gearbeitet, und in der Schule drückt sich das dann irgendwann tatsächlich in Zahlen aus. Die Liebe ist die 1 und die Ablehnung und Bestrafung ist die 6. Das ist auch in diesem klassischen Erziehungssystem notwendig, um überhaupt die Motivation zu erzeugen, sonst würden die Kinder, die ja nicht nach eigenen Impulsen lernen dürfen, sondern in der Klasse immer genau das machen müssen, was der Lehrer sagt, keine Motivation entwickeln. Im Maturanahaus lernen die Kinder, weil sie lernen wollen, weil es ihr Bedürfnis ist. Die Bestätigung erhalten sie aus ihrer Tätigkeit, weil sie sie aus eigenem Interesse wählen. Wenn ich mich für etwas interessiere, dann empfinde ich auch bei dieser Aktivität eine Zufriedenheit, weil ich dann im Einklang mit dem bin, was meine inneren Impulse sind. Wichtig ist allerdings die Anwesenheit eines Erwachsenen, der das Kind respektvoll, teilnehmend und interessiert begleitet. Wir Erwachsenen lassen die Kinder nie allein in ihren Prozessen und bei ihren Aktivitäten, sondern wir begleiten sie. Das ist auch ein ganz wesentlicher Punkt für unsere Arbeit. Deswegen haben wir auch so viele Pädagoginnen und Pädagogen hier, denn wir sind zu sechst bei zurzeit insgesamt 50 Kindern. Das ist notwendig, damit das Kind sich gesehen fühlt und sich sicher sein kann: Hier passiert mir nichts. Der Erwachsene sorgt dafür, daß hier alles in Ordnung ist.

„Bei uns sind Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen willkommen. Mit dem Begriff ,behindert‘ verbauen wir diesen Menschen schon ein Stück Entfaltung, anstatt ihre Talente wahrzunehmen!“

GralsWelt: Welche Ausbildung haben Erzieher und Lehrer, die im Maturanahaus arbeiten?

Herre:
Es gibt drei Lehrerinnen, einen Sozialarbeiter, eine Kunsttherapeutin und einen Musiker. Wir arbeiten sehr vernetzt. Bis auf die Kunsttherapeutin, die nur für den Kindergarten zuständig ist, arbeiten alle in Kindergarten und Schule. Alle Sitzungen und Reflexionen finden gemeinsam statt.

GralsWelt: Welchen Stellenwert haben musische Erziehung und Sport im Maturanahaus?

Herre:
Es gibt eigentlich nichts, was im Maturanahaus einen besonderen Stellenwert hat, bezogen auf ein bestimmtes Fach oder Thema. Da bei uns die Kinder die Aktivitäten einfach nach ihren Bedürfnissen wählen, entsteht daraus automatisch ein sehr breites Spektrum. So bekommen auch musische und handwerkliche Aktivitäten einen großen Raum, und ein relativ hoher Stellenwert entsteht von selbst. Entsprechend ist auch die Umgebung vorbereitet: Es gibt viele Musikinstrumente, und es wird täglich in verschiedenen Formen gesungen und gespielt. Es gibt eine große Auswahl von Werkzeugen. Sport machen die Kinder, wie schon erwähnt, auf dem großen Außengelände, das mit einem reichhaltigen Angebot von Sportgeräten ausgestattet ist. Diese sind aber anders gestaltet und angeordnet, als man das von einer normalen Turnhalle oder einem üblichen Sportplatz kennt. Es werden viele Mannschaftssportarten gespielt, zum Beispiel Handball oder Fußball.

GralsWelt: Freie Entfaltung braucht einen schutzbietenden, sicheren Rahmen. Wie setzen Erzieher und Lehrer Grenzen, und wie wird mit Konflikten der Kinder untereinander umgegangen – Stichwort „soziale Kompetenz“?

Herre:
Die Kinder erleben im Maturanahaus jeden Tag sehr viele soziale Situationen unterschiedlichster Art, bei denen Konflikte und Reibungen vorkommen, man sich einigen oder Entscheidungen treffen muß, ob man zum Beispiel nicht mehr mitspielen möchte und so weiter. Diese Situationen entstehen auf ganz natürliche Weise. Wir begleiten die Kinder dabei jeden Tag, und es ist ganz wichtig, daß wir die Konflikte für die Kinder nicht lösen, sondern sie so begleiten, daß sie ihre eigene Lösung finden und sich dabei sicher fühlen können. Konflikt bedeutet für uns nicht zwangsweise Aggression. Aggression entsteht vor allem dann, wenn Kinder sich innerlich in Not fühlen, wenn zum Beispiel innere Spannungen da sind. Wesentlich ist hier, daß jedes Kind seine Gefühle jederzeit ausdrücken darf. Bei uns können die Kinder weinen oder auch wütend sein, mal laut sein und auch ihre negativen Gefühle äußern. Damit sich jedes Kind sicher dabei fühlen kann, gibt es Grundregeln. Die Kinder und Jugendlichen dürfen sich nicht gegenseitig weh tun. Das bezieht körperliche Gewalt wie beispielsweise Schlagen und Treten mit ein, aber auch verbale Aggressionen. Auch dürfen die Kinder sich bei ihren Aktivitäten nicht gegenseitig stören. Mit den Materialien und dem, was vorbereitet ist, muß sorgsam umgegangen werden, weil ansonsten schnell ein riesiges Chaos entstehen würde. Solche grundlegenden Regeln, die für das entspannte Miteinander zwingend notwendig sind, legen wir Betreuer fest.

Bei den Wochenversammlungen werden aber auch Pläne für Exkursionen oder Arbeitsgruppen gemacht. Bei diesen Diskussionen lernen die Kinder sehr viel über Demokratie, beispielsweise wie ich in einer großen Gruppe kommunizieren kann, wie ich da meine Meinung äußern, meine Vorstellungen einbringen und vielleicht auch durchsetzen kann.

GralsWelt: Nehmen Sie auch Kinder mit Behinderung auf?

Herre:
Ja, natürlich. Auch da haben wir die Haltung, daß wir die Kinder nicht in Schubladen einsortieren wollen, weshalb das Wort „behindert“ für uns nicht so sinnvoll ist. Wir möchten den Kindern keinen Stempel aufdrücken. Bei uns sind Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen willkommen. Mit dem Begriff „behindert“ verbauen wir diesen Menschen schon ein Stück Entfaltung, anstatt wahrzunehmen, wo ihre Talente sind, die sie in die Gesellschaft einbringen können. Auch haben wir Kinder mit sogenanntem Migrationshintergrund.

GralsWelt: Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage nach dem Abschluß im Maturanahaus. Gibt es einen staatlich anerkannten Abschluß, und haben Schüler, die nach der letzten Klasse das Maturanahaus verlassen, die Möglichkeit, weiterführende Schulen zu besuchen, um beispielsweise das Abitur zu machen?

Herre:
Einen Abschluß im Maturanahaus gibt es eigentlich nicht. Nach der derzeitigen Planung geht es bis zum neunten oder zehnten Schuljahr, an dessen Ende sich die Schüler entscheiden können, ob sie die Abschlußprüfung zum Haupt- oder Realschulabschluß ablegen wollen. Das findet in der nächstgelegenen öffentlichen Schule als sogenannte „Schulfremdenprüfung“ statt. Die Anerkennung, die nötig wäre, um diese Prüfungen selbst durchführen zu können, streben wir nicht an, da wir unsere Arbeit sonst nicht mit der Konsequenz weiterführen könnten, wie wir das im Moment tun. Die Jugendlichen können sich allerdings auf einen Abschluß vorbereiten. Wir unterstützen sie dabei. Es gibt mehrere Möglichkeiten, da das jetzige Schulsystem etwas breiter geworden ist, was die Absolvierung von Abschlüssen anbelangt.

„Konflikt bedeutet für uns nicht zwangsweise Aggression. Aggression entsteht vor allem dann, wenn Kinder sich innerlich in Not fühlen, wenn Spannungen da sind!“


Das Maturanahaus in Emmendingen verwirklicht ein neues pädagogisches Konzept. Es geht davon aus, daß Kinder ihre Entwicklung selbst von innen steuern, und bietet dafür geordnete Rahmenbedingungen. Der übliche Leistungsdruck fällt dadurch weg.
GralsWelt: Was müssen die Eltern zahlen, und wie finanziert sich das Maturanahaus?

Herre:
Das Maturanahaus finanziert sich aus öffentlichen Zuschüssen, Elternbeiträgen und Spenden. Es gibt die Möglichkeit für Eltern, bei geringem Einkommen eine Ermäßigung zu beantragen. Zudem haben wir eine sehr aktive Elternschaft. Die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus ist so eng, weil wir davon ausgehen, daß das Kind immer eine entspannte und gut vorbereitete Umgebung braucht. Dazu gehören die Erwachsenen, die es respektvoll begleiten und seine inneren Prozesse respektieren. Deshalb informieren wir die Eltern schon vor der Anmeldung sehr intensiv darüber, was hier eigentlich die Inhalte sind und was es für die Familie bedeutet, ein Kind im Maturanahaus zu haben. Viele Familien überdenken dann beispielsweise ihre gesamte Familienkultur und versuchen, an der inneren Haltung zu arbeiten. Andererseits ist die Elternschaft auch praktisch sehr engagiert. Es wird sehr viel in Form von Mitarbeit eingebracht, zum Beispiel im handwerklichen Bereich oder im Organisieren von Veranstaltungen.

GralsWelt: Das heutige Schul- und Bildungssystem bewegt sich immer in eine leistungsorientierte Richtung, die der individuellen Persönlichkeitsentwicklung mit all ihren Eigenarten und Stärken nur wenig Raum läßt. Sehen Sie – als Lichtblick für eine zukunftsfähige Gesellschaft – eine Art Gegenbewegung, die auf ein offenes, lebendiges Bildungssystem hoffen läßt, das individuelle Fähigkeiten wieder mehr erkennt und ganzheitlich fördert?

Herre:
Was ich wahrnehme, ist, daß im Laufe der letzten Jahrzehnte einiges an Impulsen aus der Alternativ- und Reformpädagogik in das öffentliche Bildungssystem übergeschwappt ist, daß aber letztlich nie grundsätzliche Veränderungen vorgenommen worden sind, sondern nur punktuell mal das eine, mal das andere eingebaut wurde. Unsere Hoffnung ist, daß wir den Kindern, die das Maturanahaus besuchen, eine bessere Lebensqualität ermöglichen, von der sie wahrscheinlich ihr gesamtes Leben lang profitieren werden und die es ihnen wiederum ermöglicht, daß sie durch ihre eigenen Handlungen als Erwachsene – zum Beispiel wie sie ihre Kinder erziehen, wie sie ihre sozialen Beziehungen und beruflichen Aktivitäten gestalten – für unsere Gesellschaft einen wertvollen Beitrag leisten. Dazu würde ganz gut das Bild von einem ins Wasser geworfenen Stein passen, der Kreise zieht.

GralsWelt: Vielen Dank für dieses informative Gespräch, und alles Gute für den weiteren Weg des Maturanahauses.

Herre: Ja, gerne, schön, daß Sie da waren.

 



Autor: Mathias Elsner-Heyden
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  • Benjamin Herre
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