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Woche 42 | 2011

Ist die Reinkarnation mit dem christlichen Glauben unvereinbar?

Im biblischen Johannes-Evangelium (Johannes 9, 3–5) vermuten die Jünger Jesu, daß es Karma und Reinkarnation geben könnte: Sie sehen einen Blindgeborenen und fragen Jesus, ab dieser selbst gesündigt hat, daß er blind geboren sei. Die Antwort Jesu ist allerdings klar und deutlich, daß es keine Schuld des Kindes gab. Im Brief an die Hebräer (9, 27) heißt es, daß der Mensch „nur einmal stirbt“ – auch hier findet man also eine Aussage, die sich offenbar gegen den Gedanken wiederholter Erdenleben richtet. Muß man daraus nicht schließen, daß der christliche Glaube mit dem Reinkarnationsgedanken unvereinbar ist? Oder wurden, wie von Kirchenkritikern behauptet wird, bestimmte Bibelstellen, die auf die Reinkarnation hinweisen, im Lauf der Geschichte gezielt entfernt?

Grundsätzlich paßt der Gedanke, daß der Mensch selbst für sein Schicksal verantwortlich ist und daß die Lebensbedingungen, die er durch seine Geburt vorfindet, ihre Ursache in vergangenen Erdenleben haben, gut zur christlichen Lehre eines liebenden Gottes. Denn andernfalls könnte man ja den Schöpfer für die unterschiedliche Ausgangslage der Menschen verantwortlich machen. Eine höhere Gerechtigkeit wäre nicht erkennbar, wenn uns nur ein einziges Erdenleben geschenkt wurde. Auch der Hinweis, daß gläubige Menschen im jenseitigen Reich Gottes einen Ausgleich für das auf Erden erlittene Unrecht erhalten würden, befriedigt nicht, denn in diesem Fall stellt sich die Frage, weshalb wir dann überhaupt auf Erden leben müssen und nicht sofort ein Leben in himmlischen Gefilden führen dürfen.

Nur durch die Reinkarnation sowie durch das Wissen, daß uns mit dem freien Willen die Eigenverantwortung geschenkt wurde und daß der Sinn unserer Erdenleben in aktiver Bewußtseinsentwicklung liegt, erscheinen die unterschiedlichen menschlichen Schicksale gerecht.

Die im Johannes-Evangelium zitierte Vermutung der Jünger ist insofern interessant, also sie ja beweist, daß man zur Zeit Jesu ein vorgeburtliches Sein und damit auch die eigene Schuld des Kindes für denkbar hielt. Jesus stellt diese Möglichkeit auch nicht in Abrede oder rügt die Jünger wegen solch einer „unmöglichen“ Frage, sondern er sagt sinngemäß nur, daß in diesem Fall die helfende Gotteskraft sichtbar werden solle – und er heilt das blinde Kind.

Die Frage der Jünger aber zeigt, ebenso wie andere in der Bibel überlieferte Vermutungen (man glaubte zum Beispiel, der vorchristliche Prophet Elia sei wiedergekommen), daß wiederholte Erdenleben zur Zeit Jesu als durchaus möglich betrachtet wurden.

Das sollte nicht verwundern, denn der Reinkarnationsgedanke ist schon seit der Antike bekannt, etwa durch den Philosophen Plato.

In den ersten Jahrhunderten nach Jesus war Origenes, einer der bedeutendsten frühchristlichen Kirchenlehrer, ebenfalls davon überzeugt, daß jede Menschenseele schon vor ihrer Geburt existiert. Die unterschiedlichen Schicksale seien, so lehrte er, nicht Gott anzulasten, sondern den Menschen selbst, sie seien Folgen vorgeburtlicher Entscheidungen. Damit lehrte Origenes zwar nicht explizit die Reinkarnation, aber er bot eine gute Erklärung, weshalb man trotz der so ungleich verteilten Schicksale an einen liebenden, gerechten Gott glauben kann. Seine Lehre von der „Präexistenz der Seele“ wurde 553 n. Chr. auf dem Konzil zu Konstantinopel verworfen, wodurch natürlich auch der Reinkarnationsgedanke fortan keine Chance mehr hatte, in das kirchlich geprägte Weltbild Eingang zu finden.

Es gilt bei vielen Religionswissenschaftlern als sehr wahrscheinlich, daß die Bibel aus ideologischen Gründen korrigiert wurde. Wann, wo und von wem ist aber wohl kaum nachzuweisen. Daher kann man heute weder mit Gewißheit behaupten, daß die ursprünglichen Texte Hinweise auf die Reinkarnation enthielten, noch kann man aus den biblischen Texten das Gegenteil herauslesen.

So beschäftigt sich zum Beispiel der biblische „Brief an die Hebräer“, aus dem eingangs in der Frage zitiert wurde, auch nicht mit der Reinkarnation, sondern er unterstreicht an der genannten Stelle die Einzigartigkeit des Kommens Jesu und zieht eine Analogie zur Einzigartigkeit eines Menschenlebens. Die Textstelle sollte daher nicht als „Offenbarung“ dahingehend interpretiert werden, daß es keine Reinkarnation gibt.

Umgekehrt werden Kirchenvertreter, die nichts von wiederholten Erdenleben halten, beispielsweise auch das bekannte Paulus-Wort „Was der Mensch sät, das wird er ernten“ (Gal. 6, 7) nicht als Beleg für den Karmagedanken gelten lassen. Denn auch hier geht es um einen anderen Sinnzusammenhang, nämlich um das Gerichtsgeschehen.

Daher ist es nicht sehr sinnvoll, nach passenden Bibelstellen zu suchen und damit etwas „beweisen“ zu wollen. Solche Forschungen und Bemühungen werden immer auf der Ebene der Interpretation verbleiben.

Der wirkliche Beweis für die Reinkarnation liegt im Leben selbst.

 

Weitere Fragenbeantwortungen finden Sie auch in dem Buch "100 Antworten auf große Lebensfragen"

 


Grundsätzlich paßt der Gedanke, daß der Mensch selbst für sein Schicksal verantwortlich ist und daß die Lebensbedingungen, die er durch seine Geburt vorfindet, ihre Ursache in vergangenen Erdenleben haben, gut zur christlichen Lehre eines liebenden Gottes. Denn andernfalls könnte man ja den Schöpfer für die unterschiedliche Ausgangslage der Menschen verantwortlich machen. Eine höhere Gerechtigkeit wäre nicht erkennbar, wenn uns nur ein einziges Erdenleben geschenkt wurde. Auch der Hinweis, daß gläubige Menschen im jenseitigen Reich Gottes einen Ausgleich für das auf Erden erlittene Unrecht erhalten würden, befriedigt nicht, denn in diesem Fall stellt sich die Frage, weshalb wir dann überhaupt auf Erden leben müssen und nicht sofort ein Leben in himmlischen Gefilden führen dürfen.

Nur durch die Reinkarnation sowie durch das Wissen, daß uns mit dem freien Willen die Eigenverantwortung geschenkt wurde und daß der Sinn unserer Erdenleben in aktiver Bewußtseinsentwicklung liegt, erscheinen die unterschiedlichen menschlichen Schicksale gerecht.

Die im Johannes-Evangelium zitierte Vermutung der Jünger ist insofern interessant, also sie ja beweist, daß man zur Zeit Jesu ein vorgeburtliches Sein und damit auch die eigene Schuld des Kindes für denkbar hielt. Jesus stellt diese Möglichkeit auch nicht in Abrede oder rügt die Jünger wegen solch einer „unmöglichen“ Frage, sondern er sagt sinngemäß nur, daß in diesem Fall die helfende Gotteskraft sichtbar werden solle – und er heilt das blinde Kind.

Die Frage der Jünger aber zeigt, ebenso wie andere in der Bibel überlieferte Vermutungen (man glaubte zum Beispiel, der vorchristliche Prophet Elia sei wiedergekommen), daß wiederholte Erdenleben zur Zeit Jesu als durchaus möglich betrachtet wurden.

Das sollte nicht verwundern, denn der Reinkarnationsgedanke ist schon seit der Antike bekannt, etwa durch den Philosophen Plato.

In den ersten Jahrhunderten nach Jesus war Origenes, einer der bedeutendsten frühchristlichen Kirchenlehrer, ebenfalls davon überzeugt, daß jede Menschenseele schon vor ihrer Geburt existiert. Die unterschiedlichen Schicksale seien, so lehrte er, nicht Gott anzulasten, sondern den Menschen selbst, sie seien Folgen vorgeburtlicher Entscheidungen. Damit lehrte Origenes zwar nicht explizit die Reinkarnation, aber er bot eine gute Erklärung, weshalb man trotz der so ungleich verteilten Schicksale an einen liebenden, gerechten Gott glauben kann. Seine Lehre von der „Präexistenz der Seele“ wurde 553 n. Chr. auf dem Konzil zu Konstantinopel verworfen, wodurch natürlich auch der Reinkarnationsgedanke fortan keine Chance mehr hatte, in das kirchlich geprägte Weltbild Eingang zu finden.

Es gilt bei vielen Religionswissenschaftlern als sehr wahrscheinlich, daß die Bibel aus ideologischen Gründen korrigiert wurde. Wann, wo und von wem ist aber wohl kaum nachzuweisen. Daher kann man heute weder mit Gewißheit behaupten, daß die ursprünglichen Texte Hinweise auf die Reinkarnation enthielten, noch kann man aus den biblischen Texten das Gegenteil herauslesen.

So beschäftigt sich zum Beispiel der biblische „Brief an die Hebräer“, aus dem eingangs in der Frage zitiert wurde, auch nicht mit der Reinkarnation, sondern er unterstreicht an der genannten Stelle die Einzigartigkeit des Kommens Jesu und zieht eine Analogie zur Einzigartigkeit eines Menschenlebens. Die Textstelle sollte daher nicht als „Offenbarung“ dahingehend interpretiert werden, daß es keine Reinkarnation gibt.

Umgekehrt werden Kirchenvertreter, die nichts von wiederholten Erdenleben halten, beispielsweise auch das bekannte Paulus-Wort „Was der Mensch sät, das wird er ernten“ (Gal. 6, 7) nicht als Beleg für den Karmagedanken gelten lassen. Denn auch hier geht es um einen anderen Sinnzusammenhang, nämlich um das Gerichtsgeschehen.

Daher ist es nicht sehr sinnvoll, nach passenden Bibelstellen zu suchen und damit etwas „beweisen“ zu wollen. Solche Forschungen und Bemühungen werden immer auf der Ebene der Interpretation verbleiben.

Der wirkliche Beweis für die Reinkarnation liegt im Leben selbst.

 

Weitere Fragenbeantwortungen finden Sie auch in dem Buch "100 Antworten auf große Lebensfragen"

 



Autor: Werner Huemer
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  • Reinkarnation

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